Lokales

"Von Anfang an haben wir uns sicher gefühlt"

Zwölf Plätze, dazu ein Notbett, bietet das Frauenhaus in seinen neuen Räumen, die im Mai bezogen wurden. Wie zuvor platzt das Haus meist aus allen Nähten. Über 50 Frauen mussten 2005 abgelehnt werden, meist wegen Überfüllung. Auch zahlreiche Beratungsgespräche bewältigt das Team. Im Mittelpunkt steht jedoch die akute Hilfe. Wieviel die Kirchheimer Anlaufstelle im Notfall bedeuten kann, schildert eine Betroffene in einem Bericht, den der Teckbote hier auszugsweise verwertet.

IRENE STRIFLER

Anzeige

KIRCHHEIM "Vor über einem Jahr erkundigte ich mich im Frauenhaus über das Leben dort und beschrieb meine Lebenssituation." Karin T. (Name von der Redaktion geändert) änderte ihr Leben nicht aus einer Laune heraus. Gezielt plante die aus Filderstadt stammende Mutter von vier Kindern das Verlassen ihres Ehemanns, der sie über viele Jahre hinweg mit körperlicher Gewalt traktiert hatte. Aufgrund langjähriger schlechter Erfahrungen wollte Karin T. kein Risiko eingehen, alles musste beim ersten Versuch klappen. Sie holte sich jede Menge Informationen und war erleichtert darüber, in ihrer kritischen Situation bei der Mitarbeiterin des Kirchheimer Frauenhauses am Telefon auf offene Ohren zu stoßen: "Sie nahm sich am Telefon sehr viel Zeit und ich konnte Fragen stellen. Sie hat mir Mut zugesprochen. Das tat mir in meiner schweren Situation sehr gut und ich bereitete meinen Schritt weiterhin gut vor."

Obwohl Karin T. ihren Schritt tatsächlich gut geplant hatte, bekam sie weiche Knie, als der Morgen naherückte, an dem sie ins Frauenhaus gehen wollte. Ihren vier Kindern hatte sie nichts von den Plänen, die das Leben der ganzen Familie auf den Kopf stellen sollten, erzählt. Sie dachten, ein Wochenendbesuch bei einer Freundin der Mutter stünde auf dem Programm. Erst im Auto begann eines der Kinder, Fragen zu stellen. "Ich war am Ende meiner Kräfte, es war ein sehr schwerer Tag in meinem Leben, meine Kinder wussten gar nichts von diesem Schritt", erinnert sich die Mutter an die entscheidenden Stunden, in denen sie alle Kraft aufbringen musste.

Am wichtigsten für Karin T. war angesichts dieser Vorgeschichte die Tatsache, dass sich die Frauenhaus-Mitarbeiterin erst einmal viel Zeit für die Kinder nahm. "Sie redete mit meinen Kindern und erklärte ihnen die Situation." Zur Erleichterung der Mutter reagierten die Kinder ausgesprochen verständnisvoll und einsichtig. "Sie haben dann den ganzen Nachmittag im Spiel- und Kinderzimmer gebastelt, gespielt und sich beschäftigt. Von Anfang an haben sich alle vier im Haus sicher und wohl gefühlt."

Für Karin T. ist klar, dass in der Sicherheit der Kinder letztlich der Erfolg für ihren Schritt lag. Mit dem Kleeblatt konnte sie eine Wohnung im Haus beziehen, und die Kinder hatten sogar den Garten zum Toben. Da sich alle vier so gut eingelebt hatten, gestaltete sich auch der Schulwechsel für die beiden Älteren und der Kindergartenwechsel für die beiden Jüngeren reibungslos. Sowohl zur Schule als auch zum Kindergarten ging zunächst eine Frauenhaus-Mitarbeiterin mit. Die Kinder, die sich im neuen Umfeld geborgener fühlten, als es die Mutter je zu hoffen gewagt hätte, hatten keine zusätzlichen Probleme mit ihrer neuen Umgebung.

Diese Tatsache wirkte natürlich sehr erleichternd für Karin T. "Die wöchentlichen Gespräche mit einer Sozialpädagogin vom Haus bestärkten mich immer wieder, den richtigen Schritt getan zu haben das tat mir sehr gut", erinnert sie sich an die vielfältige Unterstützung. "Auch die fachlichen Ratschläge waren sehr gut, und ich bekam Hilfe und sehr gute Beratung auf allen Gebieten." Geholfen haben ihr auch Tipps, an welche Einrichtungen sie sich außerhalb des Hauses noch wenden konnte. Zum Beispiel wurde die Polizei einbezogen, da die Familie in einer besonderen Bedrohungssituation von zu Hause weggegangen war.

Was Karin T. in all den Wochen, die sie im Frauenhaus lebte, besonders schätzte, waren die Beschäftigungsangebote für die Kinder. Hätten sie unter der Situation erkennbar gelitten, so hätte dies auch ihr das Leben zur Hölle gemacht und ihren Entschluss in Frage gestellt. Doch die vierfache Mutter betont das gute, vertrauensvolle Verhältnis der Kinder zu den Mitarbeiterinnen. "Dass es eine Mitarbeiterin für die Betreuung der Kinder zu gewissen Zeiten gibt, ist eine tolle Sache." Natürlich halfen sich die Mütter auch bei der Betreuung, wie sich auch sonst die Bewohnerinnen je nach persönlicher Lage gegenseitig unter die Arme greifen: "In den vier Monaten, in denen ich im Frauenhaus wohnte, gab es so gut wie keine Zwischenfälle oder größere Schwierigkeiten", bilanziert Karin T. Dabei bleiben kleinere Querelen nicht aus. So erinnert sie sich an einen Streit um den Putzplan, wie er auch in Studentenwohngemeinschaften vorkommen könnte.

Insgesamt stellt Karin T. der Organisation im Kirchheimer Frauenhaus ein blendendes Zeugnis aus: "Was ich sehr gut finde ist, dass zumindest jeden Vormittag Mitarbeiterinnen im Haus sind, die für Fragen und Probleme jederzeit Hilfe bieten und Ratschläge geben", fühlte sie sich immer gut betreut.

Heute haben Karin T. und ihre Kinder längst Fuß gefasst in einem neuen Leben, fernab von Kirchheim. "Nach eineinhalb Jahren Trennung von meinem Mann kann ich nur immer wieder sagen: Ich habe den richtigen Schritt getan, und ich bin den richtigen Weg gegangen", lautet die Bilanz. Nicht zuletzt der Betreuung im Kirchheimer Frauenhaus beziehungsweise den Ratschlägen glaubt sie es zu verdanken, dass der Weggang von ihrem langjährigen Zuhause letztlich doch so ruhig über die Bühne gehen konnte. Mit ihrem Beispiel will sie anderen Frauen Mut machen, will zeigen, dass Unterdrückung und Pein nicht unbegrenzt erduldet werden müssen und auch Lösungen in scheinbar ausweglosen Situationen möglich sind.

Für das Team vom Frauenhaus ist klar, dass die Geschichte der Karin T. einen geradezu mustergültigen Verlauf genommen hat. Oft sind die Schwierigkeiten, die gemeinsam bewältigt werden müssen, weitaus größer. Als herausragendes Problem nennen die Mitarbeiterinnen die Wohnungssituation für alle Frauen, die sich hier auf eigene Füße stellen wollen. Doch erschwinglichen Wohnraum zu finden, sei für viele nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.

Wer die Arbeit des Vereins Frauen helfen Frauen, dem Träger des Frauenhauses, finanziell unterstützen möchte, kann eine Summe auf das Konto mit der Nummer 10 302 286 bei der Kreissparkasse Esslingen, BLZ 611 500 20, überweisen.