Lokales

Von Baum-Sonnenbrand und einem Super-Ahorn

Je näher die Abfahrt rückte, desto stärker prasselte kalter Regen vom Himmel. Für ein gutes Dutzend Vertreter aus Kirchheimer Gemeinderat, Stadtverwaltung und Forst jedoch kein Hindernis: Kaum hatte sich der erste starke Guss verzogen, schwangen sie sich auf ihre Räder und starteten zu einer nassen, aber informativen "Begehung" des Kirchheimer Bergwalds.

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM Sechs Stationen im Kirchheimer Bergwald hatte Revierförster Daniel Rittler für die gut zweistündige "Waldbegehung" ausgewählt. Angesichts der Ausdehnung des Gebiets bestiegen er und Forstamtsleiter Walter Hegelau, Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, Bürgermeister Günter Riemer sowie einige Gemeinderatsmitglieder ihre Drahtesel und steuerten die Anlaufpunkte per Rad an.

Erster Stopp: das Feuchtbiotop an der Bundesstraße zwischen Kirchheim und Schlierbach. Im März 2002 hatte das Forstrevier Kirchheim den Teich als Ergänzung zu den Amphibienschutzmaßnahmen entlang der Straße angelegt. Die an den Wald grenzende Wiese hinter dem Biotop war als Ausgleichsmaßnahme für den Bau des Geh- und Radwegs bepflanzt worden. Dreieinhalb Jahre später ist das Biotop dicht von Rohrkolben umsäumt, zum Waldrand hin sprießen junge Bäume und Büsche. "Wir haben alle möglichen Laubbäume gepflanzt", berichtete Daniel Rittler der Radlergruppe. Darunter seien Kirschen und Elsbeeren, Eichen, Buchen und Erlen. Auch der Teich erfreut sich dem Förster zufolge großer Beliebtheit: Erdkröten und Frösche, Libellen und Fische haben das Biotop besiedelt.

"Waldtausch" lautete das Schlagwort an der nächsten Station, zu der die Gruppe noch ein Stück weiter Richtung Schlierbach radeln musste. Dort befindet sich ein Stück Forst, das der Stadt erst seit zwei Jahren gehört. "Zwischen dem Staatswald und dem Stadtwald Kirchheim hat ein Waldtausch stattgefunden", erläuterte Daniel Rittler. Weil einige Teile des Stadtwaldes völlig zerpflückt und zerstreut inmitten des Staatswaldes lagen, hatte der Leiter des Kirchheimer Forstreviers vor fünf Jahren einen Waldtausch eingeleitet. Da anfänglich jedoch 22 Hektar Staatswald einer kleineren Fläche Stadtwald gegenüberstanden, kaufte Rittler 5,2 Hektar Fläche von 23 Privatwaldbesitzern dazu. Im Oktober 2003 schließlich ging die Arrondierung über die Bühne. "Das ist eine einmalige Geschichte", urteilte Rittler und verdeutlichte die Vorteile: "Der Stadtwald ist jetzt zusammenhängend und lässt sich leichter bewirtschaften." Auch bei der Qualität hat die Stadt Kirchheim keinen schlechten Tausch gemacht, wie der Forstrevierleiter versicherte: "Ein gut gepflegter Mischwald was besseres kann man kaum kriegen."

"So sieht es nach der Holzernte aus, wenn wir geregelt Forstwirtschaft betreiben und nicht Stürme oder Krankheit die Flächen hinwegraffen", kommentierte Daniel Rittler ein gepflegtes, etwas dünner bewachsenes Waldstück nördlich der Bundesstraße. 900 Festmeter Holz haben die Waldarbeiter dort geschlagen. "Im vergangenen Jahr hat die Brennholz-Nachfrage geboomt", so Rittler. 450 von den 900 geernteten Festmetern wurden daher als Brennholz verkauft. Einige ganz wertvolle Stämme, die Furnierholzqualität hatten, gingen zur Submission. Jetzt kann sich die Fläche erst einmal erholen: Bis die nächste Holzernte ansteht, vergehen acht bis zehn Jahre.

Weniger erfreulich war das Thema am nächsten Halt. "Das ist nicht der Herbst", kommentierte Daniel Rittler sorgenvoll die Färbung der Blätter an den Buchen. "Sie sterben, bedingt durch eine Komplex-Krankheit, flächig ab", erläuterte Rittler. "Das Klima ist für alte Bäume der reinste Stress." Orkan "Lothar" und zahlreiche weitere Stürme rissen Feinwurzeln ab und beschädigten Hauptwurzeln. "Weil die Bestände aufgerissen sind, dringt mehr Sonne ein", nannte Rittler einen weiteren Punkt. Die Folge: Viele Bäume bekommen einen "Sonnenbrand" und ihre Rinde blättert ab. Belastend waren auch Trockenheit und Hitze im Sommer 2003. Nicht zuletzt setzt ein neues Phänomen dem Wald zu: Der Buchenborkenkäfer, der vor zwei Jahren zum ersten Mal auftrat. Gut weggekommen ist der Kirchheimer Forst dieses Mal dagegen beim Fichtenborkenkäfer: "Nur vereinzelte Bäume waren befallen", berichtete Daniel Rittler.

Gleich gegenüber zeigte Rittler den Radlern eine gut sechs Hektar große Fläche, auf der Orkan "Lothar" 1999 Fichten und Buchen hinweggerafft hatte. Statt kostengünstige Fichten zu setzen, wandelte Rittler die Fläche in einen Laub-Mischwald um "mit der Hoffnung, viele verschiedene Baumarten im Wald zu haben." Eichen und Buchen, Eschen und Ahorn wachsen hier nun. "Am Wegrand haben wir zudem sehr viele seltene Baumarten gepflanzt, wie etwa Elsbeere und Walnuss, Wildbirne, Spitzahorn und Eibe." Eine gelungene Aufforstung also, doch beileibe nicht die letzte: "Wir haben noch große Bereiche vor uns", kündigte Rittler an. Einen Appell richtete der Revierleiter an die Jäger: "Es ist wichtig, dass die Jagdpächter jetzt mitziehen". Damit die jungen Bäume nicht gleich abgefressen werden, muss der Rehwildbestand in Schach gehalten werden.

Noch einmal traten die Waldbesucher kräftig in die Pedale und erreichten vom Regen durchweicht und mit eiskalten Händen den Trimm-Dich-Pfad die letzte Station der Waldbegehung. Der Wald rund um den Pfad ist ein wichtiger Naherholungsbereich für Kirchheim: Jogger und Nordic-Walker, Radler und Reiter nutzen die Strecken. "Deshalb unterhalten wir die Wege hier sehr gut", sagte Revierförster Rittler.

"Sobald man so etwas anbietet, hat man auch die Verkehrssicherungspflicht", wies Forstamtsleiter Walter Hegelau auf eine Kehrseite des Sport-Pfads hin. Bis zu acht Mal jährlich müssen Mitarbeiter kontrollieren, ob die Wege sicher sind und keine herabfallenden Äste oder umstürzende Bäume drohen. "Das ist eine zunehmende Belastung für die Forstbetriebe", betonte Hegelau und fügte hinzu: "In Zeiten knapper Mittel muss man sich überlegen, ob man das noch möchte." Noch bringt die Forstwirtschaft der Stadt ein Plus ein: "Dieses Jahr haben wir einen Überschuss von 15 000 bis 20 000 Euro ", berichtete Rittler.

Mit der Geschichte von einem warmen Geldregen endete die von kalten Güssen begleitete Waldberadelung: Jüngst brachte ein Bergahorn bei einer Versteigerung auf einen Schlag 8 400 Euro ein. "Das ist der wahrscheinlich höchste Preis, der je für einen Baum aus dem Stadtwald erzielt wurde", erzählte Rittler. Wie bei jedem Baum waren auch für den Super-Ahorn die unteren vier bis fünf Meter des Stammes ausschlaggebend: Der astfreie Teil ist am wertvollsten und bringt das meiste Geld.