Lokales

Von bebratwursteten und glühweinenden Menschen . . .

KIRCHHEIM "Früher war mehr Lametta" lautet Loriots schon vor Jahren vehement und vermeintlich dement auf den Punkt gebrachte Erkenntnis. Immer wieder wiederholt, wurde sie auch noch mit markiger

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Marschmusik unterlegt. Martialisch zerlegt wird dagegen in dem ebenfalls von Loriot zu verantwortenden und steckenweise höchst idyllisch daherkommenden Weihnachtsgedicht im trauten Heim am Waldesrand ein Förster, der schließlich als festtägliches Bratenstück endet.

"Ist das noch ich oder bin ich schon Bratwurst?" lautet die aktuelle Sinnfrage, mit der sich die Menschen offensichtlich um die Weihnachtszeit herum beschäftigen müssen zumindest, wenn es nach dem Autorentrio des derzeit wohl aktuellsten und aufregendsten Weihnachtbuchs geht, in dem man alles findet außer Besinnlichkeit . . .

Skurrile Beiträge zur frohen Botschaft liegen schon lange voll im Trend und vermehren sich von Saison zu Saison fast inflationär. Eine Vorweihnachtszeit, in der nicht irgendwelche neuen wutschnaubenden "Weihnachtshasser" sich zu Wort melden und respektlos an der alles blinklichternd überdeckenden Weihnachtsromantik kratzen, kann man sich schon gar nicht mehr vorstellen.

Die Erkenntnis, dass ein seinem gewohnten Wald- und Flurhabitat entrissener Baum über kurz oder lang im warmen Wohnzimmer nadeln wird, kann nicht wirklich überraschen, lektüremäßig einem absoluten Nichtthema aber ungemein viel abgewinnen. Unter dem Titel "Erna, der Baum nadelt" wurde dieser Weihnachtszeit-Klassiker nicht nur von einschlägigen Koniferen pardon: Koryphäen ihres Fachs in unterschiedlichste Dialekte übersetzt, sondern dankenswerterweise auch immer wieder neu aufgelegt.

Während Ostfriesland von Otto Waalkes und Gert Groenewold abgedeckt wird, informiert Harry Rowohlt den hamburgerischen Raum über den alarmierend nadelnden Stand der Dinge. Hans Christian Müller warnt Bayern und F. W. Bernstein die Schwaben vor der nicht aufzuhaltenden Invasion unzählbarer herabstürzender Nadeln. Während Herbert Feuerstein sich auf die im österreichischen Raum niederschlagenden Nadeln konzentriert, beobachtet Volker Kriegel die Auswirkungen dieser im Wohnzimmer stattfindenden Naturkatastrophe in der von diesem globalen Phänomen gleichermaßen bedrohten neutralen Schweiz.

An dem verstorbenen Humor-Giganten Robert Gernhard führt kein Weg vorbei, wenn es darum geht, sich mit Lektüre zu befassen, die die Ernsthaftigkeit des anstehenden Weihnachtsfestes nicht nur grob fahrlässig, sondern auch ganz bewusst unterläuft. Die mit fatalen Folgen zuschnappende "Falle" ist ein rasch zu durchschmökerndes Bändchen, das dem Trend zum Zweitbuch folgend, durchaus mit der Lektüre eines weiteren Büchleins aus seinem reichhaltigen Schaffen gestützt werden könnte.

Sein auf dem Titelbild mit einem zipfelbemützten Dürerhasen schon entsprechend wundersam daherkommendes und Festtage mutwillig vermischendes "Es ist ein Has entsprungen und andere Geschichten" passt gut in die besinnliche Vorweihnachtszeit, kann gegebenenfalls aber auch knapp vor Ostern genossen werden.

Das trifft natürlich auch auf Gerhard Polts immer wieder gerne medial versendeten Klassiker "Nikolausi" zu, der sich unbarmherzig dem Trauma Weihnachten nähert und gleichermaßen gelungen auch die Zeit des süßen "Osterhasi" respektlos und brutalstmöglich angeht.

Der amerikanische Bestsellerautor David Sedaris schockierte mit "Holiday on Ice" von Harry Rowohlt kongenial übersetzt schon vor Jahren nicht allein mit dem Titelbild eines vor einem Urinal stehenden Weihnachtsmannes übersensible Leserinnen und Leser. Wer in die von ihm minutiös geschilderte wundersame Welt eines "Ganztageszwerges" eintaucht, lernt aus den Tagebuchaufzeichnungen viel über die Mechanismen eines personalintensiv an den Weihnachtsrummel herangehenden Kaufhauskonzerns.

Deutlich härtere Kost wird beispielsweise auch in dem sich direkt anschließenden "Weihnachtsrundschreiben an alle Bekannten und Verwandten" versendet.

Eine ganz spezielle Herausforderung des knapp bevorstehenden Weihnachtsfestes stellt aber zweifellos die aktuell zwischen Buchdeckeln gepresste und mit dem harmlosen Titel "Weihnachten" auf den Weg geschickte polarisierende "frohe Botschaft" des eigentlich eher als elitär-seriös einzuordnenden Dumont-Verlags dar. Mit einem halb verhüllten Körper, der weihnachtlich rot zipfelbemützt mit einem bloßen Hinterteil provoziert, gibt das Autorenteam Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach und der im Restaurant "Wielandshöhe" in Stuttgart-Degerloch residierende Starkoch und Fernsehstar Vincent Klink fairerweise schon auf dem Titelbild erkennbare Warnhinweise.

Schließlich geht es noch viel schlimmer weiter. Je nach gelebter und nach oben offener persönlicher Toleranz- und Humorskala wird hier "schmerzhaft", "schockierend" oder auch nur zum Schmunzeln animierend aufzeigt, was dabei herauskommt, wenn sich "ein kochender Schreiber, ein schreibender Koch und ein hungriger Zeichner" in ihrer schon sprichwörtlichen "Wurstigkeit" zusammentun, um dem Respekt einfordernden Tabu-Thema "Weihnacht" ideenreich Paroli zu bieten.

In schonungsloser Offenheit wird eine gewagte Melange präsentiert, in der "hemmungslos bebratwurstete" und sich "die Mäntelkrägen nass-glühweinende Menschen" genauso Platz finden wie teilweise ganz seriöse Reime, Rezepte und Reminiszenzen.

Geboten werden schließlich immer wieder nachahmenswerte Zubereitungsvorschläge für kulinarische Köstlichkeiten, die vor allem gerne an einem Fest gereicht werden, unter dem besonders Kinder und Jugendliche leiden müssen. Wie verantwortungsbewusste Kinder von heute mit der uncoolen Weihnachts-Nostalgie umgehen, wird ebenfalls aufgezeigt. Schließlich entscheiden sie jedes Jahr erneut darüber, ob das Lieblingsfest ihrer Eltern ein Erfolg oder aber ein Drei-Tages-Krieg wird.

Sie müssen Begeisterung demonstrieren, damit die Erwachsenen wissen, das sie alles richtig gemacht haben. "Erwachsene betreuen", so lautet eine Erkenntnis in dem süffisant zusammengeköchelten Weihnachtsbuch, "ist harte Kinderarbeit". Die schwere Bürde eines möglichen Misserfolges tragend wissen sie, "Jauchzen ist Pflicht".

Uneingeschränkt empfehlen kann man diese vorweihnachtliche Herausforderung nur Lesern, die auch schon andere harte Humoristenkost ohne Übelkeit und Völlegefühle überstanden haben. Entscheiden muss schließlich jeder selbst, ob sich die in seriösem grünen Leinen gebündelten Provokationen goutieren lassen oder schlichtweg eine alle Werte verletzende und die Vorfreude auf das besinnliche Weihnachtsfeste trübende Bosheit darstellen . . .