Lokales

Von Beleidigungsklagen, Lügen und Majestätsbeleidigung

KIRCHHEIM Die Ensemblemitglieder des Tegernseer Volkstheaters hatten drei heitere Gerichtsepisoden im Gepäck, die sie am Abend des Erscheinungsfests vor rund 300 Zuschauern öffentlich verhandelten. Gute Unterhaltung auf bayerische Art war allenthalben geboten. Den

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RAINER STEPHAN

Abend eröffnete Gerichtsdiener Pfingstl durch ein Zwiegespräch mit dem Publikum. Diesem erläuterte er die vor Gericht zu beachtenden Regeln. Die Aufstehprobe ging sogleich problemlos von statten.

Im ersten Stück "Die Dachserin" von Ludwig Thoma wurde eine Beleidigungsklage verhandelt. Hauptstreitpunkt war der Gebrauch des berühmten Zitats des Götz von Berlichingen zwischen zwei streitenden Nachbarinnen. Hierbei war zu vernehmen, dass mit der Redewendung "Auf d'Kirchweih eingeladen" im bayerischen Sprachgebrauch die Götz'sche Aufforderung umschrieben wird.

Obwohl der Anwalt der Klägerin Rankl von einer "Ehrverletzung, die Sühne verlangt" sprach und vehement eine Bestrafung forderte, endete die Verhandlung mit Freispruch. Der weise Richter souverän gespielt von Florian Kern verwies darauf, dass das Zitat in bayerischen Gefilden nicht als Beleidigung gelte und man ja eine diesbezügliche "Einladung" annehmen oder scherzhaft ablehnen könne.

Recht diffizil stellte sich die Sachlage im zweiten Verhandlungsfall dar. Ein Schuss aus dem Gewehr der Bäuerin traf den Großknecht Huber im Gesäß, was eine schwere Körperverletzung darstellt. "Ich hab das Gewehr geputzt, dann hat's gekracht", umschrieb die von Karin Neumayr authentisch verkörperte Bäuerin lautstark den Unfallhergang mit dem vermeintlichen Querschläger. Merkwürdig stumm zeigte sich dagegen der Geschädigte bei seiner Befragung.

Die vom Richter vorgenommene Vernehmung der illustren Zeugen förderte Ungereimtheiten zutage. Eine von der Baderin nach heutigem Verständnis eine Art Krankenschwester erstellte Rechnung über die erfolgte Heilbehandlung brachte das Lügengebäude letztendlich zum Einsturz. Die Bäuerin hatte den Knecht beim Fensterln mit der eigenen Tochter ertappt und dem auf der Leiter stehenden Liebeswerber in einem Akt der Selbstjustiz eine Ladung Schrot in den Allerwertesten gejagt.

Die so der vorsätzlichen Tat und Lüge überführte Angeklagte musste mit der ganzen Härte des Gerichts rechnen. Abhilfe schaffte ein Vergleichsangebot: Verfahrenseinstellung bei Zustimmung der Bäuerin zur Hochzeit. "Die Zeit drängt", umschrieb der pfiffige Anwalt Prachtbau, alias Wolf Friedrich, die besonderen Umstände der Situation. Die Angeklagte willigte sodann reuig ein. Genüsslich kommentierte der Zeuge Trauner die Lage: "Dei Schwiegersohn hat eben vor dir gschoss'n".

In der Episode "Die Majestätsbeleidigung" von Andreas Kern stand der preußische Hauptmann Gottfried von Ziepenwald vor Gericht. Im Gasthaus soll er beim Kartenspiel über Bayerns beliebten König Ludwig II., den "Kini", geäußert haben, dass dieser blöd war. Erregt wurde von den Kartenmitspielern die Bestrafung des "Saupreiß'n" gefordert. Dieser sprach von einem Komplott ihm gegenüber und erklärte, dass er seinen Ausspruch nur auf das im Spiel befindliche Blatt "Herz-König" bezogen habe.

Nach heftigen Wortwechseln, die von Vorurteilen deutscher Volksstämme gegeneinander geprägt waren, mündete das Szenario zwischendurch in Handgreiflichkeiten. Der sich eingekesselt fühlende Hauptmann änderte daraufhin seine Verteidigungsstrategie und hob in einer flammenden Lobeshymne auf des Kinis Märchenschlösser und die kulturellen Leistungen des verstorbenen Landesvaters ab. "Sie können stolz auf einen solch großen Monarchen sein", resümierte der wortgewandte Angeklagte. Derart emotional vereinnahmt und gerührt nahmen die Zeugen Änderungen an ihren Aussagen vor, sodass nur noch ein Freispruch erfolgen konnte.

Die wohl größte Lachsalve des Abends kam bei der Zugabe. Der in Frauenkleidern vor den Richter tretende Mime Herbert Frei, der einem größeren Publikum auch durch Fernsehfilme bekannt ist, wurde vom verdutzten Richter nach dem Grund seiner Bekleidung befragt. Worauf dieser amüsiert auf die Aufforderung in seiner Ladung hinwies: "Erscheinen sie in Sachen ihrer verstorbenen Schwester vor Gericht".

Die Schauspieler des Tegernseer Volkstheaters haben allenthalben eine ansprechende Leistung und zwei Stunden gute Volkstheaterkunst geboten. Diese wurde in ihrer Breite durch annähernd gleiche (Gerichts-) Szenen zwar nicht ganz umfassend, aber doch sehr authentisch, dargestellt.