Lokales

Von den Stängeln der Flachspflanze zum Stück Leinenstoff

Laichingen auf der Schwäbischen Alb war vor 200 Jahren ein bedeutendes Leinenweberzentrum in Württemberg. Das Freilichtmuseum Beuren klärte mit einer Zusammenstellung historischer Handwerksgeräte über die Geschichte, Verarbeitung und Verwendung des Flachses auf. Zusätzlich wurde die Ausstellung "Flachs/Lein unentbehrlich" eröffnet. Sie ist in einer Kammer des Weberhauses aus Laichingen aufgebaut.

ANDREA ROTHFUSS

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BEUREN Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde Laichingen zum bedeutendsten Leinenweberdorf im Herzogtum Württemberg. Um 1800 lebten mehr als sechzig Prozent der Haushalte von der Weberei. Um den Flachs zu Leinen zu verarbeiten, waren Flachsbrechen, Schwingen oder Hechelstühle notwendig. Einen Blick zurück in diese Zeit ermöglichte der Aktionstag "Brechen, Hecheln, Spinnen und Weben Flachsverarbeitung auf der Alb" des Freilichtmuseums Beuren.

Handwerksgeräte zu den einzelnen Arbeitsschritten der sehr aufwändigen Flachsverarbeitung sowie fertige Endprodukte waren rund um das Laichinger Weberhaus aufgebaut, um den Besuchern die aufwändige Herstellung von Leinengeweben näher zu bringen. "Holzbrechen, Schwingen, Hecheln, Handspindeln und Spinnräder all diese Geräte sind erforderlich, um aus den Stängeln der Flachspflanze ein Stück Leinenstoff herzustellen", erläuterte Wolf Rühle, museumspädagogischer Mitarbeiter des Freilichtmuseums Beuren.

Der Weg zum LeinenstoffZuerst werde der Flachs gerupft und in kleinen Garben zum Trocknen auf dem Feld aufgestellt. Dann müsse man die Samenkapseln der Pflanze von den Stängeln trennen. Dies geschehe mittels eines Eisenrechens, durch den der Flachs gezogen wird. Anschließend werden auf Flachsbrechen die Stängel gebrochen. Mit einem Schwingmesser werden die Holzreste abgeschlagen und auf dem Hechelstuhl weiterverarbeitet. "Das Hecheln erfordert viel Geschick. Der Flachs wird umso feiner, je öfter er durch die verschieden großen Hecheln gezogen wird", so Rühle. Beim Spinnen im Spinnrad werden die Fasern gedreht und hinterher beim Weben zu Leinenstoffen weiterverarbeitet.

Rühle verriet auch, dass sich die reichen Leute die Leintücher oder Leinenhemden noch farbig bleichen ließen, während die Ärmeren Naturleinen trugen. Leinenkleider seien damals ein wichtiger Teil der Aussteuer der Frau gewesen.

Laichingen hatte einst gute Handelsbeziehungen zu Venedig. Im 19. Jahrhundert änderte sich dies, als billige Baumwollimporte den Flachsanbau verdrängten.

"Jeder kann sich hier einen Bündel Flachs nehmen und sich von uns die einzelnen Arbeitsschritte an den Schwingen oder Brechen zeigen lassen. So wird deutlich, dass es bis zum spinnfertigen Büschel Leinen ein großer Aufwand war und die Leinenproduktion viel aufwändiger als die kostengünstige Baumwolleinfuhr war".

Ausstellung Flachs/LeinDass Leinen heute wieder im Trend ist, zeigte die Ausstellung "Flachs/Lein unentbehrlich", die in einer kleinen Kammer des Weberhauses untergebracht ist. Die Ausstellung ist thematisch in die Geschichte des Gebrauchs des Flachses, des Anbaus der Pflanze und der heutigen Verwendung der Kulturpflanze untergliedert. Mittels zahlreicher Schaukästen, Infotafeln und Originalstücken aus der Blütezeit der Leinenproduktion werden der Werdegang vom Flachsstängel zum Endprodukt sowie heutige Produkte und Einsatzfelder dargestellt. Verantwortlich für die Ausstellung, die bis zum 5. November zugänglich ist, zeichnet sich Prof. Dr. Jan Sneyd von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. "Mein Ziel ist es zu zeigen, was für eine große Bedeutung die Leinpflanze früher und auch noch heute hat", so Sneyd.

Lein gehört mit Gerste und Weizen zu den ältesten Kulturpflanzen. Es wurde bereits vor 8000 Jahren von den alten Ägyptern angebaut und kam in der jüngeren Steinzeit nach Europa. Genutzt wurde es als Öl, Speise-, Heil- und Faserpflanze. Früher lebte etwa jede zweite Familie vom Flachsanbau. Heute wird Lein als Lebensmittel, etwa in Vogelfutter, als Leinöl oder bei Verdauungsschwierigkeiten verwendet.

Einsatz in der TechnikAuch in der Technik wird Flachs eingesetzt: "Die Flachsfasern können aber auch zur Herstellung von technischen Fasern wie Dämmstoffe, Bremsbeläge oder Automobilinnenverkleidungen dienen", erläuterte Prof. Dr. Jan Sneyd.

Der Aktionstag des Freilichtmuseums Beuren rund um das Thema Flachs hat deutlich gezeigt, dass die Faser nicht nur im Mittelalter, sondern auch heute noch hohes Ansehen in der Produktion genießt und auf verschiedenste Art und Weise verwendet wird.