Lokales

Von den Ursprüngen des weißen Sports bis heute

Dr. Gerd Falkner nahm sein Publikum auf eine interessante Zeitreise durch die kurzweilige Geschichte des Skilaufs mit

Wer bislang davon ausging, dass der Skilauf vor 5 000 Jahren seinen Anfang nahm, wurde im Kornhaus eines Besseren belehrt. Nicht belehrend, sondern äußerst locker und unterhaltsam nahm Dr. Gerd Falkner, Sporthistoriker und Direktor des DSV-Skimuseums in München/Planegg, mehr als 100 Zuhörer mit auf eine Reise von den Ursprüngen des weißen Sports vor 8 000 Jahren bis heute.

Rosemarie reichelt

Kirchheim. Der SVL hatte im Rahmen seines 100-jährigen Jubiläums und der mit dem Titel „100 Jahre SVL – 100 Jahre Skigeschichte“ überschriebenen Ausstellung, die nur noch bis Sonntag, 30. Mai, im Kornhaus zu sehen ist, mit Dr. Gerd Falkner einen ausgewiesenen Fachmann gewinnen können. Für die dreibändige 100-jährige Verbandsgeschichte hatte sich der Referent schließlich schon intensiv mit dem Thema Skisport auseinandergesetzt.

Ein Zufallsfund im Norden Norwegens, ein in einen Felsblock eingeritzter Skifahrer sowie Skifragmente an der russischen Nordmeerküste um 6 000 vor Christus, gelten derzeit als älteste und eben 8 000 Jahre alte Nachweise für den Skilauf. Fachleute gehen allerdings davon aus, dass der Skilauf noch älter und sein Ursprung im Altai-Gebirge in Hinterasien zu suchen ist, merkte der Referent an. Von dort brachten Indogermanen auf ihrer Wanderung den Skilauf über Mitteleuropa nach Skandinavien.

Skibrauchtum schlug sich in den religiösen Vorstellungen der Germanen im Norden nieder. Deshalb wird auch diskutiert, ob es sich bei dem berühmten „Skihasen“ von Rödöy/Norwegen, der 5 000 Jahre alten Felszeichnung und bisherigen Urquelle der Skigeschichte, nicht um einen steinzeitlichen Jäger auf Skiern mit Hasenmaske handelt, sondern vielmehr um einen der frühen Ski fahrenden Fruchtbarkeitsgötter. Eine sehr ähnliche Figur mit Gehörn und Phallussymbol, die den Gott Donnar darstellt, weist darauf hin.

Skilaufende Götter spielten auch in der Folgezeit eine Rolle. So finden sich in der nordischen Sagenwelt der Skigott Ullr und die Skigöttin Skadi, auch Namensgeberin für Skandinavien. Gleichzeitig aber wird bei der Darstellung von Brauchtum nicht mehr nur die Götterwelt bemüht, sondern das Alltagsleben direkt gezeigt. Ein Beispiel dafür ist der Urvater des Biathlon, ein Skiläufer mit Pfeil und Bogen, auf dem Runenstein von Balingsta in Finnland aus dem 11. Jahrhundert vor Christus.

In einem Zeitsprung am Wasalauf vorbei – weil hinlänglich bekannt – führte Gerd Falkner Interessantes zum Skilauf aus dem 17. und 18. Jahrhundert nach Christus aus einer weniger bekannten Quelle vor. In der Kalevala, dem im 19. Jahrhundert aufgeschriebene finnische Nationalepos, wird die Skitechnik beschrieben mit einem langen Gleitski, der die Richtung hielt und einem kurzen Stoßski, mit dem Geschwindigkeit aufgenommen wurde. Als Skiwachs diente Rentiertalg. Der Skistock kostete ein Otterfell, der Skiteller das Fell eines Fuchses – also teure Geräte.

Auch in Deutschland soll um 1800 der Begründer einer neuzeitlichen Körperkultur Johann Christoph Friedrich GutsMuths mit einem kurzen und einem langen Ski im Thüringer Wald unterwegs gewesen sein.

Den modernen Skilauf als sportliche Betätigung rief in erster Linie der Norweger Fridtjof Nansen ins Leben, der als Erster Grönland auf Skiern durchquerte und dies in einem Buch veröffentlichte. Gleichzeitig als Nationalerzieher wirkend, im Bestreben der Norweger nach einem eigenen souveränen Staat, was 1905 gelang, überhöhte er alles Norwegische und so auch den norwegischen Skilauf. Falkner zeigte als Beispiel eine Abbildung von über den Abgrund fliegenden Norwegern.

Die Begeisterung für den norwegischen Skilauf schwappte über nach Deutschland. Vor allem Wilhelm Paulcke, der Gründer des DSV, übernahm die norwegische Skikultur. Der Ullr, Schutzpatron der Norweger, wurde in Münzform an die Skihose geheftet. Örtlich ging die Verbreitung des Skilaufs in Deutschland von Clausthal-Zellerfeld aus. Als um 1870 Norweger in die dortige Bergbau-Akademie im Harz zum Studium kamen, brachten sie ihre Skier mit. 1890 wurde in München der erste Skiverein gegründet und 1905 der Deutsche Skiverband.

Die Skier nach norwegischem Vorbild mit einer Länge von 3,40 Meter werden vor allem von Adligen und bürgerlichen Honoratioren in Gang gesetzt. 1900 wurde ein Norweger erster Deutscher Skimeister. Im Gegensatz zu seinen deutschen Konkurrenten trat er nicht mit einem, sondern bereits mit zwei Stöcken zum Wettlauf an. Er erreichte damit viel früher als erwartet das Ziel. Das Kampfgericht war noch gar nicht vor Ort. Trotzdem bevorzugten die Deutschen noch mehr als zehn Jahre die Einstocktechnik mit „Schaukelsitzbremse“.

Entschiedener als in vielen anderen Bereichen setzte sich damals auch Skifahren für Frauen durch – zunächst noch in langen Röcken. Bereits 1896 gab es einen ersten Skiwettkampf für Frauen im Harz. Nicht die Schnellste siegte, sondern die Dame, die nach Meinung der männlichen Jury die beste Haltung aufzuweisen hatte. Gerade bei Frauen wurde bald das „Abfahren“, weil ästhetischer, bevorzugt. Über Aufstiegshilfen diesbezüglich wurde nachgedacht. Im Schwarzwald entstand 1908 der erste Lift.

Zum Schluss ging der Referent noch ausführlich auf die militärpolitische und propagandapolitische Bedeutung des Skilaufs ein, beginnend mit den Ski-Bataillonen im Ersten Weltkrieg. Danach folgte als Ersatz für die Olympiade von 1924, von der Deutschland ausgeschlossen war, die Einführung der Winterkampfspiele durch Carl Diem, in politischer Konkurrenz dazu die Olympiaden und Spartakiaden des Arbeiter-Turn- und Sportbundes; dieser wurde 1933 mit der Machtergreifung Hitlers verboten.

Als Deutschland 1936 unter Hitler seine Propagandaolympiade abhielt, waren es vor allem auch erfolgreiche Skisportler, die sich als Aushängeschilder in den Dienst des Naziregimes stellten. Der Referent machte auch deutlich, dass der Deutsche Skiverband gleich nach der Machtergreifung sich der NSDAP und auch deren Rassenideologie angeschlossen hatte.

Schließlich ging Dr. Falkner noch kurz auf die Problematik der beiden Deutschen Olympiamannschaften nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Wiedervereinigung ein, bevor er mit dem Bild der erfolgreichen Skidamen bei der jüngsten Winterolympiade seinen äußerst spannenden Vortrag beendete. Dr. Falkner hatte die Kunst vollbracht, in eineinhalb Stunden das wichtigste zu 8 000 Jahren Skigeschichte zu berichten.

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