Lokales

Von der Betroffenheit zur Beteiligung

1967 gründeten einige Familien aus dem Landkreis Esslingen, die für ihre körperbehinderten Kinder keine ausreichenden Versorgungs- und Bildungsmöglichkeiten finden konnten, den Verein für Körperbehinderte Esslingen. Seitdem arbeitet diese Selbsthilfevereinigung für die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Handicaps am Leben in der Gemeinschaft. Am vergangenen Sonntag wurde in der Köngener Zehntscheuer Bilanz gezogen.

PETER STOTZ

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KÖNGEN "Gemeinsam stark mit Behinderung", dieses Motto begleitet den Verein für Körperbehinderte Esslingen seit seinen Anfängen. Aus der oft schmerzlichen Erfahrung geboren, dass nur die Solidarität Behinderter und ihrer Angehöriger eine Teilhabe der von Körper- oder Mehrfachbehinderung betroffenen Menschen an der Gesellschaft ermöglicht, arbeitet und streitet der Verein nunmehr seit vier Jahrzehnten für Integration und Selbstbestimmung behinderter Menschen. "In all den Jahren hat der Verein sich nicht auf Betroffenheit zurückgezogen, sondern mit Elan die Belange der Menschen nach vorne gebracht", würdigte der Vereinsvorsitzende Kurt Spätling die bisherige Arbeit bei der Festveranstaltung. So wurde der Verein Berater für Politik und Verwaltungen, für Betroffene und Angehörige. Seit dem Jahr 1984 ist er Mitträger der Werkstatt für Behinderte Esslingen-Kirchheim und seit 2001 verfügt er mit dem "Wohnhaus" im Scharnhauser Park in Ostfildern über eine Einrichtung, die 32 körper- und mehrfachbehinderten Menschen betreutes und doch selbstbestimmtes Wohnen und Leben ermöglicht.

"Solidarität, Anerkennung und Bewunderung" bekundete Köngens Bürgermeister Hans Weil für diese Leistungen. "Wohnen und Arbeiten sind wichtig für die Teilhabe behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben", stellte Landrat Heinz Eininger klar und lobte die "ausgesprochen partnerschaftliche Zusammenarbeit", die viele gemeinsame Planungen für passgenaue Hilfen im Landkreis ermöglicht habe. Ohne Selbsthilfe freilich sei dies kaum zu schultern, der Landkreis fördere daher solche Netzwerke, um die auch vom Sozialgesetzbuch geforderten Teilhabemöglichkeiten behinderter Menschen umzusetzen. Ulrich Noll, FDP-Landtagsabgeordneter und zweiter Vorsitzender des Landesverbandes für Körper- und Mehrfachbehinderte Baden-Württemberg, unterstützte Eininger. Die Politik benötige die Elternselbsthilfe. Gleichwohl müsse dem Engagement der Angehörigen professionelle Hilfe zur Seite gestellt werden. Das Ehrenamt dürfe nicht überfordert werden, sagte Noll und stellte in Aussicht, dass sich das Land "auf einem guten Weg" befinde, "dauerhafte und verlässliche Finanzierung für die Behindertenhilfe zu erreichen".

Bei aller Zufriedenheit mischte Kurt Spätling einige kritische Zwischentöne bei. So sei zu bemängeln, dass zwar "vieles für Behinderte, aber immer noch viel zu wenig mit ihnen" getan werde, sodass er manchmal an den Begriff "fürsorgliche Separierung" denken müsse. Hinzu käme, dass in manchen Kreiskommunen die Belange behinderter Menschen von den Bauverwaltungen "aus ästhetischen Gründen" zurückgewiesen würden. "Das darf nicht sein", betonte Spätling.