Lokales

Von der "roten, halben Schnur" bis zum Kühlschrank

In der Teckstadt und ihrer benachbarten Schiefergemeinde war am Samstag das große Putzen angesagt. Rund 500 aktive Saubermänner und-frauen aus Kirchheim, Ötlingen, Jesingen, Nabern und Lindorf haben die Gemarkung von Abfall und Unrat befreit. In Holzmaden haben rund 50 Freiwillige den Wald gesäubert.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM/HOLZMADEN Der gestiefelte, kleine Joey ruft erregt: "Ich hab' ne rote, halbe Schnur gefunden". Da kann Anna mithalten: "Und ich ein La Bello". Das sind jedoch eher Peanuts gegenüber den Teilen, die Magdalena und Lydia zum Pritschenauto schleppen: Es sind die Türen von Kühlschränken, die abseits des Radweges zwischen der Saarstraße und Ötlingen im Gebüsch liegen. Eine wahre Fundgrube. Zu den ausgemusterten Kühlschränken gesellen sich eine Mikrowelle, ein Gasherd, eine Antennenschüssel, Autoreifen mit Felgen und Fahrradrahmen.

Immer wieder lösen die Fundstücke erstauntes, aber auch verärgertes Kopfschütteln bei den freiwilligen Sammlern aus. Die unzähligen, achtlos weggeworfenen Zigarettenschachteln, Plastikflaschen und -becher sowie Papierchen und Tüten scheinen schon gar nicht mehr der Rede wert.

Des Dankes wert jedoch empfand Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker am Ende der großen Putzete den Einsatz der rund 500 Teilnehmer aus den Vereinen, Kindergärten und Schulen. Auch Bürger aus dem Klosterviertel hatten sich in ihrem Revier an der Aktion beteiligt. Dennoch meinte Angelika Matt-Heidecker beim Abschlussimbiss für die Helfer im Bauhof: "Ich hätte mir gewünscht, dass noch mehr Bürger mitmachen. Das ist ausbaufähig." Diese Aussage(be-)trifft auch den Kirchheimer Gemeinderat, der im Juli vergangenen Jahres die Putzete beschloss. Hintergedanke war damals, einerseits die Sauberkeit in der Teckstadt und ihrer Umgebung zu verbessern und andererseits das "Wir-Gefühl" der Kirchheimer zu verstärken. Obwohl die Wogen des Unmuts über den Dreck in der Innenstadt und in der Landschaft immer wieder hochschlagen, setzt sich diese Erkenntnis offenbar nicht bei allen in entsprechendes Handeln um. Die Oberbürgermeisterin selbst rückte im Bereich Hahnweidstraße dem Dreck zuleibe und wurde deshalb von einer Passantin gefragt: "Warum müssen denn Sie das machen?"

Den ersten Kirchheimer Markungsputz hatte Tiefbauamtsleiter Martin Zimmert generalstabsmäßig vorbereitet. Punkt 9 Uhr trafen sich am Samstag die Freiwilligen an den ausgesuchten Einsatzorten: am ENBW-Werk in der Hahnweidstraße, am Kindergarten Schafhof, am Hahnweide-Parkplatz, bei der Grünschnittsammelstelle in der Saarstraße, am Waldkindergarten sowie an den Feuerwehrmagazinen Jesingen und Nabern, am Lindorfer Bürgerhaus und am Haus der Vereine in Ötlingen. Die Teck-Realschüler hatten bereits am Freitagnachmittag das Areal um die Schule und den Rambouillet-Platz gesäubert. Dennoch fand sich am Samstagmorgen noch eine kleine Gruppe an der Schule ein, um die Ufer des Jauchertbaches vom Unrat zu befreien. Integriert in die Gesamtaktion wurden auch einzelne ältere Initiativen wie die traditionelle Bachputzete der Fischer.

Zum Markungsputz angemeldet hatten sich bei Martin Zimmert aus dem Kirchheimer Stadtgebiet rund 150 Teilnehmer, aus Ötlingen ebenso viele, aus Jesingen 80, aus Nabern 50 und aus Lindorf 40.

Mitarbeiter des städtischen Bauhofs sowie Privatfahrzeuge sammelten die prall gefüllten blauen Müllsäcke sowie den Schrott ein und karrten ihn zum Bauhof in die Boschstraße. Die Ötlinger hatten für den Transport des Unrats den Schlepperverein begeistern können. Die Abfuhr des von Bauhofmitarbeitern grob sortierten Müllberges übernimmt kostenlos die Firma Heilemann. Sie stellt auch die Container und der Landkreis Esslingen verzichtet auf die Deponiegebühren.

Der erste Kirchheimer Markungsputz gehört der Geschichte an, doch er soll nachhallen. Drei Studentinnen der Fachhochschule für Kunsttherapie Nürtingen werden heute und morgen zusammen mit Schülerinnen und Schülern der Freihof-Realschule aus ausgewählten Stücken des am Samstag gesammelten Unrats "Dreckskerle" kreieren. Sie sollen als mahnende Müllskulpturen vor der Kirchheimer Bücherei aufgestellt werden, um an den täglichen Abfall zu erinnern, der achtlos weggeworfen wird und Straßen und Landschaft verunziert. Wie sagte doch Angelika Matt-Heidecker in ihrem Resumee: "Es muss noch viel zur Sensibilisierung getan werden".

Rund 50 Helferinnen und Helfer nahmen sich ebenfalls am Samstag in Holzmaden den Wald vor, um ihn in einer vom Vogelschutz und Naturverein (VSN) organisierten Putzete von Müll und Unrat zu befreien. Mit Handschuhen, Eimern und Müllsäcken bewaffnet, sammelten VSN-Mitglieder, Grundschüler und Eltern, Waldbesitzer, Jagdpächter und weitere Bürger im "Frauenholz" und "Bunzenberg" rund fünf Kubikmeter Abfall. An den Waldrändern fanden sich vom Winde verwehte und im Gestrüpp hängen gebliebene Plastikfolien, Kartons und Verpackungsreste. Entlang der Waldwege lagen Getränkeverpackungen, Dosen, Bier- und Weinflaschen, Zigarettenschachteln, Papiertaschentücher und Kaugummipapierchen. Auf Verpackungsmüll, alte Autoreifen, Dachrinnen, Plastikkisten, Grillherde und Wellblechteile stießen die Helferinnen und Helfer in Richtung Campingplatz Aichelberg. Doch auch um den Schieferbruch herum und am Waldeck entdeckten sie Gegenstände, die dort nicht hingehören, wie zum Beispiel einen kompletten Klospülkasten, und im "Bunzenberg" förderte eine Gruppe gar ein verrostetes Bettgestell zutage.

Der Müll im Wald ist nicht nur ein unästhetischer Anblick, er kann auch dem Wild gefährlich werden, wies ein teilnehmender Jäger auf ein am Boden liegendes Drahtgeflecht hin. "Bekommt ein äsendes Reh dieses beim Fressen über das Maul, kann es sich selbst aus der misslichen Lage nicht mehr befreien und muss elendig verenden." Deshalb wanderte der Draht postwendend in den Müllsack.

Michael Thiehoff, Erster Vorsitzender und Jugendleiter des Vogelschutz und Naturvereins Holzmaden, stellte zum Abschluss der Waldputzete fest, dass seit der letzten Aktion vor zehn Jahren wieder eine ganze Menge Müll in dem rund 54 Hektar großen Areal lag. Einige Teilnehmer hatten noch schlimmere Zustände erwartet. Der VSN-Vorsitzende freute sich über das Engagement der Freiwilligen und lobte den "großartigen, gemeinsamen Einsatz für den Holzmadener Wald." Er dankte der Gemeinde für deren Unterstützung, dem Containerdienst Neugebauer sowie dem Schieferbruch Fischer für das Bereitstellen des Containers und der Gerätehalle.

Beim abschließenden von der Gemeinde gesponserten Vesper zollte stellvertretender Bürgermeister Gert Hauschild allen Teilnehmern sowie dem VSN "Respekt für ihren vorbildlichen Einsatz" und appellierte an alle Bürger, sorgsam mit dem Wald umzugehen.