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Von der Vorlesung restlos begeistert

Gestern ist der Startschuss für die Kirchheimer Kinder- und Jugendakademie gefallen. Besonders interessierte oder besonders begabte Kinder sollen dabei Bildungsangebote erhalten, die über den normalen Schulalltag hinausgehen. Der Anfang in der Kirchheimer Stadthalle war vielversprechend: 500 Grundschulkinder tobten am Ende einer Vorlesung vor lauter Begeisterung.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Der Archäologe und Museumspädagoge Hannes Wiedmann hat gestern in kürzester Zeit Begeisterung für die Steinzeit entfacht: Thema seiner Vorlesung in der Stadthalle war das Feuer. Gemeinsam mit den Grundschulkindern hat er zunächst herausgearbeitet, wie der Mensch seit 1,5 Millionen Jahren das Feuer genutzt hat zum Kochen, als Wärmespender und Lichtquelle, zum Schutz vor wilden Tieren oder um Tiere bei der Jagd zusammenzutreiben, um Werkzeug herzustellen oder Birkenpech, "den Klebstoff der Steinzeit". Am Feuer haben die Menschen Geschichten erzählt, gesungen, musiziert, getanzt und Feste gefeiert, nicht zuletzt religöse Feste.

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Wie aber kommt der Mensch zum Feuer? Auf einen Brand zu warten, der durch Blitzschlag entsteht, war nicht "die geschickteste Methode", wie Hannes Wiedmann gemeinsam mit einem aufmerksamen Grundschüler feststellte. Ähnlich verhält es sich mit dem Tautropfen, der das Sonnenlicht bricht und brennbares Material in der Umgebung entzündet. Auch einen ausbrechenden Vulkan hatten wohl nur die wenigsten Menschen in der Nähe von der Gefahr einmal ganz abgesehen.

Vom Hölzchenreiben hatten die meisten Grundschulkinder schon gehört. Doch ob dies mit bloßen Händen geschah oder mit Hilfe eines Bogens es war alles andere als einfach für die Kinder, die es vor aller Augen ausprobieren durften. "Der Feuerbohrer taucht in allen Büchern auf als wichtigste Technik des Feuermachens in der Steinzeit", erklärte Hannes Wiedmann. Die Archäologen hätten das aber nie nachweisen können, im Gegensatz zur Technik mit Feuerstein und Katzengold. Die Funken allein konnten aber noch kein Feuer verursachen. Dazu brauchte Hannes Wiedmann Fruchtfleisch des Zunderpilzes, das in dünne Scheiben geschnitten und lange weichgeklopft war.

Auf sein junges Publikum sprang der Funke der Begeisterung restlos über, als Hannes Wiedmann ankündigte: "Ich habe heute ausnahmsweise die Genehmigung, hier in der Stadthalle ein Feuer zu machen." Gesagt, getan: Auch wenn Hannes Wiedmann vor lauter Rauch schon bald nicht mehr zu sehen war, so blies er doch unermüdlich in sein "Glutnest" oder schwenkte es hin und her. Als schließlich die Flammen sichtbar emporzüngelten, kannte die Begeisterung der Kinder keine Grenzen mehr: Unter tosendem Applaus beendete Hannes Wiedmann mit dem gelungenen Experiment auch gleich die erste Vorlesung der Kinder- und Jugendakademie in Kirchheim.

Das Konzept dieser Veranstaltungsreihe hatten die Vertreter der beteiligten Organisationen unmittelbar vor der Vorlesung in einem Pressegespräch vorgestellt: Es geht darum, begabten und interessierten Kindern gerecht zu werden, indem Fachleute sie in Seminaren und Workshops mit Themen aus Kunst und Wissenschaft versorgen. Im Einzelnen gibt es für das erste Jahr in Kirchheim folgende Angebote: Die Museumspädagogik informiert umfassend über das "Leben in der Altsteinzeit", die Volkshochschule bietet unter dem Titel "Abenteuer Geologie" naturwissenschaftliche Themen an. Bei der Familien-Bildungsstätte gibt es eine Bildhauerwerk-statt, während der Literaturbeirat und die Stadtbücherei gemeinsam eine Literaturwerkstatt einrichten.

Die Musikschule wiederum bietet des "Erlebnis Percussion" an und hat erste Ergebnisse bereits vor der Vorlesung Hannes Wiedmanns vorgestellt: Eine kleine Gruppe klopfte Steine und Holzstecken aneinander. Die Töne, die dadurch entstanden, ließen sich auch noch in einem kleinen "Orchester" rhythmisch bündeln. So oder so ähnlich dürfte sich menschliche Musik über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg an Lagerfeuern angehört haben.

Die Freihof-Grundschule bietet im Rahmen der Kinder- und Jugendakademie eine "Denk-AG" an. Dabei befassen sich entsprechend begabte und interessierte Grundschüler aus ganz Kirchheim einmal in der Woche mit Denksportaufgaben und Knobeleien. Die Aufgaben sind sowohl mathematisch-technischer als auch sprachlich-philosophischer Natur.

Die Klassenlehrer, die Begabung und Interessen der Kinder im Unterricht kennenlernen, wählen die einzelnen Teilnehmer aus. Ziel der Akademie ist es, Kindern unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern Bildungschancen zu geben, wie sie der jeweiligen Begabung angemessen sind. Solche Akademien gibt es bereits mehrfach in Baden-Württemberg. Kirchheim ist die 16. im Land und die dritte im Landkreis nach Nürtingen und Esslingen.

Ein Novum in Kirchheim ist allerdings die Vergabe von Stipendien. 50 Kinder können kostenlos teilnehmen. Als Hauptsponsor finanziert die Firma Lidl diese Stipendien mit einem Betrag von 19 000 Euro. Wenn Eltern die Teilnahmegebühren dennoch selbst aufbringen, können sie das Stipendium weitergeben, sodass auch mehr als 50 Kinder an der Akademie teilnehmen können. Zahlreiche Eltern haben von dieser Möglichkeit bereits Gebrauch gemacht.

INFOIm Arbeitskreis der Kinder- und Jugendakademie Kirchheim arbeiten die oben genannten Bildungseinrichtungen eng mit der Stadt Kirchheim und dem Landkreis Esslingen zusammen. Das Programm erstreckt sich über ein Schuljahr. Manche Angebote werden sich anschließend verlängern, zum Teil mit demselben Teilnehmerkreis. Andere Angebote kommen neu hinzu. Zunächst nehmen nur Grundschulkinder an der Akademie teil. Das Angebot soll aber auch auf weiterführende Schulen ausgedehnt werden.