Lokales

Von flüchtigen Bekannten und dem jungen Mann mit der großen Klappe

Eine Haushalts-Einbringungsrede der etwas anderen Art hat Lenningens Bürgermeister Schlecht in der jüngsten Sitzung seinen Gemeinderäten präsentiert. Anschnallen und sich dann ein ganzes Weilchen am Sitz festhalten, lautete seine Empfehlung gleich zu Beginn.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Irgendwie scheint der Schultes vom Nikolaustag inspiriert worden zu sein. Er erzählte seinen Räten passend zur Adventszeit eine Geschichte. Und zwar die Geschichte einer jungen Dame, die Zug fährt und die er der Einfachheit halber "die Gemeinde Lenningen" nannte. Diese Dame wird demnächst 31 Jahre alt, hat einen kleinen Koffer bei sich und darin ist alles, was sie besitzt und braucht, um durch das kommunale Jahr 2006 zu kommen.

Sie steht auf dem Bahnsteig und könnte in den Kommunalzug eigentlich schon einsteigen, aber etwas hält sie zurück. "Sie wartet noch auf zwei Bekannte, die sie leider nur flüchtig kennt. Aber die beiden hatten ihr zugesagt, dass sie ihr künftig mehr helfen wollen, weil sie ja für immer mehr Aufgaben immer weniger Geld zur Verfügung gestellt bekomme", stimmte Michael Schlecht auf die Geschichte ein. Bund und Land sind diejenigen, auf die sie wartet, und eben jene unterhalten sich, und zwar über sie. Es geht um ihre Zukunft und wie sie am besten ausgetrickst werden könnte. Vom Wegfall der Eigenheimzulage und der Reduzierung der Pendlerpauschale ist da die Rede und davon, dass sie dadurch immer mehr Einwohner verlieren könnte. Aber auch von der Hoffnung, dass sie es nicht rechtzeitig bemerkt, um Alarm schlagen zu können, weil doch so dringende Aufgaben wie Tagesbetreuungs-Ausbaugesetz, falsche Versprechungen bei Hartz IV und der Abgrenzungsvorschlag zum Vogelschutz anstehen. "Und wenn das Vogelschutzgebiet erst mal da ist und sie für Ausnahmen in diesem Gebiet immer unsere Hilfe benötigt und ausschließlich auf unser Wohlwollen angewiesen ist, dann sitzt die junge Dame auch künftig wieder brav bei Fuß, wo sie auch hingehört", hört die junge Dame das Land sagen.

Auf ihrem Weg durch die Waggons trifft "die Gemeinde Lenningen" auf den jungen Mann "Verband Region Stuttgart". Er hätte gerne eine Spende von 23 000 Euro fürs Leben im kommenden Jahr, und wegen der Beteiligung an der Neuen Messe hätte er von den insgesamt fälligen 105 000 Euro anteilig für 2006 die Summe von 39 000 Euro. "Die junge Dame wusste, der junge Mann hatte sich vor einiger Zeit, ohne irgendjemanden zu fragen, mit seiner großen Klappe einfach bei der Neuen Messe Stuttgart eingekauft", nannte Michael Schlecht Ross und Reiter.

Wie die junge Dame so durch den Landkreis Esslingen fährt, blickt sie durchs Fenster und erfreut sich des Anblicks. "Eigentlich ein schöner Landkreis, auch ganz schön aktiv ist er, trotz der vielen Schulden, die er hat. Ein neues Krankenhaus baut er, neue Schulen, neues Verwaltungsbebäude . . .", heißt es in der Rede. Daraufhin beginnt die junge Dame, sich selbst Gedanken zu machen, denn sie weiß, wie wichtig Visionen sind sie hat ja selbst welche: eine neue Turn- und Festhalle in Unterlenningen, weil die ganz schön marode ist, oder die Sanierung des Bahnhofgebäudes in Oberlenningen. "Nur das geht nicht so einfach. Dafür benötigt sie Geld. Und jetzt lässt sie ja zunächst einmal einen Gebäudetrakt für die Ganztagesschule bauen und die Erweiterung des Grundschulgebäudes in Oberlenningen steht auch an. Beides sehr wichtig und unglaublich sinnvoll, aber kostet viel Geld. Also muss sie erst mal abwarten, was danach noch an Geld da ist. Sie hat nämlich ein Lebensmotto, ein Überlebensmotto: Zunächst einmal nur das Geld auszugeben, was sie tatsächlich selber hat", erzählte der Schultes.

Exakt 2 387 000 Euro erhält der Landkreis für seine Träume und Notwendigkeiten das sind über 660 000 Euro mehr als die junge Dame selbst an eigenen Steuern einnimmt, zugegebenermaßen ohne Gemeindeanteile an Gemeinschaftssteuern und ohne Schlüsselzuweisungen. Für Personalkosten fallen rund 3,5 Millionen Euro an "viel Geld, aber gerechtfertigt", kommentiert Michael Schlecht. 200 000 Euro ist für die Feuerwehr reserviert, denn Sicherheit hat ihren Preis, ebenso ist auch die Bildung etwas wert: 800 000 Euro für den Baubeginn der Ganztagesschule, dazu noch 815 000 Euro als Verpflichtungsermächtigung, plus 800 000 Euro für die Erweiterung des Grundschulgebäudes in Oberlenningen mit der Einrichtung eines Hortes. "Die Realschule beantragte den Umbau eines Physikraumes in einen multifunktionalen Fachraum für naturwissenschaftliches Arbeiten. Das Land hätte doch gerade den Bildungsplan geändert und das müsse jetzt berücksichtigt werden", heißt es in der Geschichte weiter. Die Gemeinde Lenningen muss nun 80 000 Euro für den Umbau aufbringen. "Sie wird das tun. Komisch nur, dass das Land die neuen kostenintensiven Bildungspläne einführt, aber gleichzeitig die Sachkostenbeiträge an die Schulträger senkt. Wohl dem, der was zu küren hat", unkte Schlecht.

Bei den Gutenberger Höhlen ist Sanierungszwang gegeben. 39 000 Euro soll die Sicherungsmaßnahme kosten, um die Gussmannshöhle wieder zugänglich zu machen. Insgesamt sind knapp 880 000 Euro im Kindergartenbereich zuzuschießen. Die Gebäudeunterhaltung schlägt insgesamt mit fast 400 000 Euro zu Buche und dieses Jahr steht ganz im Zeichen der Fenster, die entweder zu ersetzen oder zu streichen sind und allein schon 161 000 Euro kosten. "Fenster erneuern macht Sinn bringt nämlich erhebliche Einsparungen bei den Energiekosten. 511 000 Euro muss sie für die Bewirtschaftung der Gebäude und Grundstücke aufwenden", erklärte Michael Schlecht im Hinblick auf die junge Dame. So zählt er Punkt um Punkt weiter auf, darunter auch die Wasserversorgung im Sanierungsgebiet Ortsmitte Unterlenningen mit 123 000 Euro, die 469 000 Euro für den Umbau und die Verbesserung der Entwässerungsanlagen in der Kirchheimer Straße oder die 160 000 Euro für die Kanalauswechslung im Mittelöschle in Oberlenningen.

"Kurz bevor der Zug hält, öffnet die junge Dame ihren Koffer und glaubt ihren Augen nicht trauen zu können. Nur 104 790 Euro sind ihr noch geblieben. Als sie den Koffer gepackt hatte waren es 14 573 680 Euro. Gut ihr Koffer hat zwei Fächer, ein Fach für die laufenden Ausgaben, da waren 11 541 390 Euro zu Beginn drin. Im anderen Fach, das für die Investitionen, für die Dinge, die sie für ihre Weiterentwicklung auch benötigt, waren 3 032 290 Euro vorgesehen", erklärte Michael Schlecht den Gemeindehaushalt hinsichtlich Verwaltungs- und Vermögenshaushalt. Keine Kredite aufzunehmen gelingt der Gemeinde Lenningen deshalb auch dieses Jahr. Ihrem Sparbuch kann sie wieder einmal rund 825 000 Euro zukommen lassen. Das heißt: Der Verwaltungshaushalt erwirtschaftet voraussichtlich eine Zuführung an den Vermögenshaushalt von 104 790 Euro und außerordentliche Einnahmezuflüsse aus dem allgemeinen Grundvermögen, die sich aus höheren Grundstückerlösen und einmaligen Leistungen zusammensetzen, ermöglichen eine Zuführung zur Allgemeinen Rücklage von rund 824 000 Euro.

"Doch diese 104 790 Euro sind eigentlich zu wenig, um eine neue Turn- und Festhalle bauen zu können, die Rathäuser in Oberlenningen zusammezuführen oder für Brucken die Aufnahme in das Landessanierungsprogramm anzugehen. Auch zu wenig, um eine Tiefgarage in der Ortsmitte Oberlenningen mitzubauen oder bei der Sporthalle einen neuen windgeschützten Eingangsbereich zu gestalten und vielleicht einen Gymnastikhallen-Anbau bei der Halle", kommt der Schultes ins Grübeln.

Die nächsten drei Jahre fehlen Lenningen aller Wahrscheinlichkeit nach 927 000 Euro, dann 429 000 Euro und schließlich immer noch 243 000 Euro, sodass die Gemeinde vermutlich schon das Sparbuch antasten muss, bevor überhaupt ein Euro investiert werden kann. Um an Geld zu kommen, will die junge Dame jedoch weder die Steuern anheben, und auch die Abwassergebühr und der Wasserzins soll 2006 ebenfalls gleich bleiben. "Vielleicht könnte man einen Teil der freien Rücklagen in Aktien, zum Beispiel in die des eigenen Stromversorgers EnBW, anlegen so wie vor einigen Jahren noch mit den NWS-Aktien?", regt der Schultes an.

"Die junge Dame verlässt den Zug, geht durch den Bahnhof und denkt bei einem flüchtigen Blick in eine Schaufenstervitirine: Doch du siehst noch gut aus, attraktiv und lebendig. manche sagen sogar lebens- und liebenswert zu ihr. So soll es bleiben auch wenn es jedes Jahr schwieriger wird", befürchtet Michael Schlecht.