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Von hymnisch bis bravourös

KIRCHHEIM Einen ungewöhnlichen Einstieg für ihren Klavierabend wählte die litauische Pianistin Aleksandra Zvirblyte: Mit Rücksicht auf die zweite Programmhälfte, die sie gemeinsam mit ihrer

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GERHARD FINK

Mutter vierhändig gestaltete, begann sie ihr Recital gewissermaßen mit einem "Endspiel", mit Schuberts letzter Klaviersonate in B-Dur. Dieses letzte große Klavierwerk des Meisters hat für die Künstlerin nichts "reliquienhaftes" und sie setzt nicht auf Exzesse der Langsamkeit, wie sie bei der Interpretation dieses Werkes in den letzten Jahren in Mode gekommen sind.

Das rhythmische Fundament behält die Litauerin stets im Auge. Mit reicher Anschlagspalette macht sie die fächerartige Ausbreitung des Themenmaterials im Kopfsatz als neues Stilmittel evident, die Schubert an die Stelle der klassischen Themendialektik setzt. Der weiträumige Gestaltungsstil dieser Musik, das Heraustreten aus Raum und Zeit wird bezwingend erlebbar. Der langsame Satz verbleibt im Ausdrucksbereich gefasster Trauer und wird nicht zum Lamento umgebogen.

Herrlich gelingen die Aufhellungen, die das zweite Thema wie Lichteinbrüche in dunklem Gewölk erscheinen lassen. Und natürlich kann eine fulminante Liszt-Spielerin wie Aleksandra Zvirblyte auch das quirlige Scherzo feinziseliert in Szene setzen. Dem impulsiven Musizierdrang des Finales folgt sie mit zügig-federndem Schwung und stellt die triumphierende Geste, mit der das Werk schließt, glanzvoll und ungebrochen heraus. Dieser Schubert verharrt nicht in Verzweiflung, sondern feiert den Sieg des Geistes über die elende Physis.

Mit fünf Ungarischen Tänzen von Johannes Brahms in der vierhändigen Originalfassung begann Aleksandra Zvirblyte zusammen mit ihrer Mutter Veronika Vitaite den zweiten Programmteil. Welch eine Affinität zu dem magyarischen Musiziergestus trat hier zutage, welcher Spaß am Affektstau, der sich in unbändiger Musizierlust auflöste!

Dank der sorgfältig ausbalancierten Basslinie im Secondopart blieb dabei die reiche Harmonik bis in alle Verästelungen durchhörbar. Ein mitreißendes Hörvergnügen, das auch auf die abschließenden Six Morceaux von Sergej Rachmaninow übersprang. Ein diabolisches Scherzo, der lebensvolle Walzer französischer Spielart und das große Pathos des glockenumwogten Glorien-Finales bleiben in Erinnerung, in den schwächeren Stücken dominiert die Spielkunst des familiären Duos und half über kleine Untiefen der Komposition hinweg.

Dem begeisterten Applaus des Publikums im Schloss zollten die beiden Virtuosinnen aus Vilnius mit Gershwin und zwei besonders effektvollen Miniaturen von Manfred Schmitz den gebührenden Tribut.