Lokales

Von Multikulti keine Spur

Ältere Migranten ziehen eher selten in Heime, sondern lassen sich zu Hause pflegen

Die Kirchheimer Bevölkerung besteht zu fast 30 Prozent aus Menschen mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen sind als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und verbringen hier ihren Lebensabend. Doch in den Seniorenheimen der Stadt wohnen fast nur Deutsche.

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Antje Dörr

Kirchheim. Deutschland ist ein Einwanderungsland – und geprägt durch eine Gesellschaft, die immer älter wird. Das lässt sich nicht zuletzt an der Zahl der Pflegeheime belegen, die in deutschen Städten und Gemeinden stetig steigt. Auch viele Migranten, die einst nach Deutschland eingewandert sind, sind mittlerweile alt, krank und benötigen Pflege. Während immer mehr von ihnen ambulante Pflegedienste in Anspruch nehmen, findet man sie in Pflegeheimen eher selten. Kirchheim ist da keine Ausnahme.

Christine Knauer-Dickhoff vom Sozialdienst im Altenzentrum Sankt Hedwig in Kirchheim glaubt, dass sich das bald ändern wird. „Die Zahl der Migranten in Pflegeheimen wird ansteigen“, sagt sie. „Diejenigen, die hier geboren sind, wollen ihren Beruf nicht mehr aufgeben, um ihre Eltern zu pflegen.“ Bei diesen Jüngeren finde im Moment ein Emanzipationsprozess statt. Anders sei das noch bei den Migranten der ersten Generation, die sich schämten, ihre Angehörigen von Fremden betreuen zu lassen. So erklärt sich Christine Knauer-Dickhoff auch die niedrige Zahl der Migranten, die derzeit in Pflegeheimen leben. Dass finanzielle Gründe eine Rolle spielen, glaubt sie nicht. „Bei finanziell Schwächeren übernimmt das Sozialamt die Kosten.“

In Sankt Hedwig gebe es derzeit nur eine türkische Frau, deren Kinder arbeiten und sie deshalb nicht pflegen könnten. „Bei dieser Dame ist sehr viel Enttäuschung da, dass sie nicht zu Hause bleiben durfte“, weiß Christine Knauer-Dickhoff. Sie sieht in der Sprache bisher das größte Problem. Die türkische Bewohnerin sei leicht dement. „Da wäre es leichter, wenn wir sie in ihrer Muttersprache ansprechen könnten.“ Eine türkische Pflegerin zu haben wäre hilfreich, „vor allem für die kulturell spezifischen Dinge“. Das Thema „Kultursensible Altenhilfe“ ist für Christine Knauer-Dickhoff kein Fremdwort. Im „Arbeitskreis Lebens- und Sterbekultur“ in Sankt Hedwig würden unter anderem auch muslimische Sterberiten thematisiert.

„Griechen, Türken und Italiener haben oft noch eine intakte Familienbindung, deshalb kommen sie nicht zu uns“, sagt Peter Hinneberg, Leiter des ASB-Seniorenzentrums in Kirchheim. Er glaubt nicht, dass die Zahl älterer Migranten, die einen Pflegeplatz in Anspruch nehmen möchte, in den nächsten Jahren zunimmt. Peter Hinneberg hat in vielen Gesprächen mit alten Migranten erlebt, dass die Hürde, sich in einer Einrichtung pflegen zu lassen, viel höher ist als bei Deutschen. „Sie kommen nur zu uns, wenn sie keine Angehörigen haben, oder wenn es einfach nicht mehr anders geht.“ Die Familie einer russlanddeutschen Frau lebte zum Beispiel in so einer kleinen Wohnung, dass das Pflegebett im Wohnzimmer hätte aufgebaut werden müssen. „Das hätte für die Familie zu großen Stress bedeutet“, weiß Hinneberg.

Kulturell bedingte Probleme sind dem Pflegeheimleiter bisher nicht bekannt. Die Einrichtung beschäftigt eine türkische Mitarbeiterin, eine andere spricht griechisch. Würde ein muslimischer Bewohner auf seinen Gebetsteppich bestehen, gäbe es ein Problem. „Im Zimmer können wir das nicht erlauben, wegen der Hygienevorschriften“, sagt Peter Hinneberg. In einem solchen Fall müsste man eben einen Raum für das Gebet zur Verfügung stellen.

Fabio Bertoldi war 20 Jahre lang Mitglied im Integrationsausschuss und hat sich häufig mit dem Thema Altenhilfe und Migration beschäftigt. Auch er hat beobachtet, dass nur wenige seiner Landsleute in Pflegeheime ziehen, wenn sie alt werden und Hilfe brauchen. „Viele gehen zurück nach Italien, weil sie dort noch ein Haus haben“, erzählt Fabio Bertoldi, der seit den 70er-Jahren in Deutschland lebt. Dort kümmerten sich Verwandte oder der Sozialdienst um sie.

Dass Migranten nicht in deutschen Altersheimen leben wollen, weil die Einrichtungen ihre Bedürfnisse nicht ausreichend berücksichtigen, glaubt Fabio Bertoldi nicht. „Wer hier gepflegt werden möchte, wird gut integriert“, glaubt er. Hindernisse seien möglicherweise Sprach­probleme oder mangelnde Kenntnisse über bürokratische Abläufe. Der Italiener glaubt aber, dass die Zahl jener Migranten, die sich im Alter in Deutschland pflegen lassen, steigen wird. Er jedenfalls möchte nicht nach Italien zurückkehren. Und seine Kinder erst recht nicht.