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Von "Neuschwanstein" zum "schmucken, beinahe zierlichen neuen Turm"

Die Teck kann auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurückblicken. 1152 wurde sie erstmals urkundlich erwähnt. Aber erst 800 Jahre später hat sie ihr heutiges Gesicht erhalten: Turm, Wirtschaft und Wanderheim sind Werke des 20. Jahrhunderts. Am Sonntag, 26. Juni 1955 vor genau 50 Jahren also , wurde das Albvereins-Wanderheim eingeweiht.

ANDREAS VOLZ

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OWEN Nach der Zerstörung im Bauernkrieg 1525 war die Teck nur noch eine Ruine. 1736 war ihr dann eine neue Blütezeit zugedacht gewesen: Herzog Karl Alexander wollte auf der historischen Burgstätte eine groß angelegte Festung errichten. Sein früher Tod im folgenden Jahr machte diese Pläne allerdings sofort wieder zunichte. Andere "Herren" waren es, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für bauliche Veränderungen auf dem Teckberg sorgten: Die "Herren" des Kirchheimer Verschönerungsvereins kümmerten sich seit der Vereinsgründung im Jahre 1864 um den "Ausbau" der Teck. Schon bald errichteten sie einen Unterstand zum Schutz der Wanderer. Turm und Wirtschaftsgebäude kamen erst 1889 hinzu.

Als der Turm 66 Jahre später im nüchternen Stil der Nachkriegsjahre umgebaut und von seinem romantisierenden Zierrat befreit werden sollte, kam es zu heftigen Reaktionen aus der Bevölkerung gegen die Pläne des Schwäbischen Albvereins. So schreibt der Teckbote am Samstag, 25. Juni 1955, dem Tag vor der Einweihung: "Als wir vor einiger Zeit die Baupläne für die Teck veröffentlichten, gab es zunächst einen Sturm der Entrüstung. Wie kann man nur mit solch grober Hand eine Landschaft verändern, die unseren Vätern und Großvätern altvertraut ist, deren Bild die vielen Menschen, die von hier aus in ferne Lande gezogen sind, im Herzen mit sich tragen? So hieß es. Dieser Sturm hat sich inzwischen gelegt. Es gibt heute kaum noch jemanden, der mit dem schmucken, beinahe zierlichen neuen Turm der Teck nicht einverstanden wäre."

Zur Rechtfertigung seiner Umbaumaßnahmen hatte Architekt Eduard Krüger aus Schwäbisch Hall Anfang 1955 in den "Blättern des Schwäbischen Albvereins" auf den Zeitgeschmack des ausgehenden 19. Jahrhunderts verwiesen, der für die pseudo-mittelalterliche Ausgestaltung des "modernen" Aussichtsturms maßgeblich gewesen war: Der Turm "ist mit Motiven versehen, die wir heute nicht mehr verstehen. Dem Geschlecht von 1889, das den Turm errichtete, soll kein Vorwurf gemacht werden. Hand aufs Herz wären wir anders vorgegangen, wenn wir damals gelebt hätten? Man glaubte so im Anschluß an das Vorbild Neuschwanstein das Wesen einer Ritterburg zu treffen. Unser Geschmack ist heute geläutert und weniger romantisch. Die Gewöhnung an den jetzigen Zustand darf kein Hindernis für eine Neugestaltung sein."

Mit der historischen Teck hat der Aussichtsturm weder in seiner alten noch in seiner neuen Form (also seit 1889 beziehungsweise seit 1955) etwas zu tun. So schreibt Eduard Krüger im selben Beitrag: "Die einstige Teckburg verfügte nur über eine Ringmauer, an die sich die Häuser lehnten, mäßig hohe Türme waren vorgesetzt, vier gegen Owen, zwei gegen Bissingen. Ein Bergfried fehlte, er war angesichts der gesicherten Lage der Festung ja auch nicht notwendig." Das 19. Jahrhundert habe dann irgendeinen Mauerturm herausgegriffen und ihn so stark erhöht, "daß heute statische Bedenken sich anmelden".

Ursprünglich hatte der Albverein den Turm in seiner "alten" Form belassen wollen, als im März 1954 mit dem Umbau der Teck zum Wanderheim mit Übernachtungsmöglichkeit begonnen wurde. So zumindest führte es der Vereinsvorsitzende Georg Fahrbach in seiner Begrüßungsrede zur Einweihung vor 50 Jahren aus. Nach Verwirklichung des ersten Bauabschnitts und der Erweiterung der Küche habe sich allerdings gezeigt, dass der Aussichtsturm ebenso wie die Mörikehalle aus dem Jahr 1933 "nicht mehr zu den neuen Gebäuden paßten. Hinzu kam, dass die starken Stürme an Weihnachten 1954 und im Januar dem Turm mit dem ausragenden Rundgang und dem viereckigen Turmzimmer erheblich zusetzten." Der Beschluss, den Turm umzugestalten, sei dann am 23. Januar 1955 erfolgt, "um seinen Bestand zu sichern, Unfälle zu verhüten und der Teck ein einheitliches Aussehen zu geben".

Dass der Schwäbische Albverein die Obhut über die Teck vom Kirchheimer Verschönerungsverein übernehmen sollte, war bereits im Sommer 1940 vereinbart worden. Im Januar 1941 bekam der Albverein auch das Eigentum am Grundstück vom Staat übertragen und machte sich sogleich an die Planung für das neue Wanderheim.

Der Zweite Weltkrieg verhinderte allerdings die rasche Ausführung der Baumaßnahmen, und in der Folge schwanden auch die durchaus vorhandenen Finanzmittel dahin, wie der Vorsitzende Georg Fahrbach Anfang 1955 in denAlbvereins-Blättern schreibt: "Die sehr ansehnlichen Beträge, die wir für diesen Bau angesammelt und bereitgehalten hatten, sind zum größten Teil der Währungsreform zum Opfer gefallen."

Die "Teckstiftung" ist dann in den 50er-Jahren erneuert worden, vor allem um die Mehrkosten zu tragen, die durch die unvorhergesehene Umgestaltung des Turms und der Mörikehalle entstanden waren. Diese Baumaßnahmen sorgten auch dafür, dass die "neue Burg" noch nicht ganz fertiggestellt war, als sie am letzten Juni-Wochenende 1955 eingeweiht wurde. Georg Fahrbach ging in seiner Rede zur Eröffnung auch auf diesen wunden Punkt ein: "Daß die Mörikehalle und der Abschlußturm nicht ganz fertig geworden sind, ist bedauerlich, aber verständlich, denn die Errichtung dieser Bauten wurde erst beschlossen, als der Einweihungstermin für den Hauptbau das Wanderheim schon feststand." Dass sich dieser Termin nicht mehr einfach ändern ließ, zeigt sich an der Liste der Ehrengäste, die von keinem Geringeren als dem damaligen Ministerpräsidenten Dr. Gebhard Müller angeführt wurde.

Vor der Prominenz wie vor dem zahlreich versammelten "einfachen" Wandervolk führte Architekt Krüger aus, dass er seiner Aufgabe "mit den einfachsten Mitteln und aus der natürlichsten Gesinnung" heraus nachgekommen sei. Seine eigene Frage, ob es denn überhaupt erlaubt sei, ein solches Bauwerk mitten in die Natur zu setzen, beantwortete er dabei folgendermaßen: "Man darf kecklich ja sagen. Denn zu allen Zeiten hat der Mensch organische Punkte der Landschaft betont, zu allen Zeiten sind auf Bergeshöhen Häuser entstanden sie haben die Natur gesteigert."

Dass ihm die Aussage des letzten Nachsatzes als arrogant ausgelegt werden könnte obwohl es überhaupt nicht so gedacht war , muss Dr. Eduard Krüger wohl selbst gemerkt haben, denn er fügte noch hinzu: "Es war nicht notwendig, auf Effekte und verblüffende Wirkungenauszugehen. Die von der Natur selbst gespielte Symphonie erklingt gewaltig genug. Es waren nur zwei Dinge erforderlich: die Demut und die Ehrfurcht."

Demut und Ehrfurcht zeigten sich auch an der Tatsache, dass die Wege auf die 775 Meter hoch gelegene Teck am Tag der Einweihung "für Fahrzeuge jeder Art, auch für Fahrräder," gesperrt waren. Dafür sind auf der Rückseite der Einladung alle möglichen Wanderwege zum neuen Wanderheim aufgeführt. Lediglich bei einem Weg am Gelben Felsen vorbei herrschte Unsicherheit. "Dieser Weg kann evtl. infolge des Flugzeugabsturzes noch gesperrt sein", hieß es, weil genau zwei Wochen zuvor bei dichtem Nebel eine amerikanische Miitärmaschine vom Typ B 29 an dieser Stelle abgestürzt war. Die Gäste werden wohl vorsorglich andere Wege gewählt haben.

Die Teck ist in den vergangenen 50 Jahren bereits mehrfach wieder umgebaut und renoviert worden, zuletzt anlässlich des Pächterwechsels vor etwas mehr als einem Jahr. Aber eines hat sich seit damals nicht geändert, und die nachfolgenden Worte des damaligen Albvereinsvorsitzenden Georg Fahrbach scheinen heute gültiger denn je: "Um dieses herrliche Stückchen Erde als ,Oase der Ru-he' zu erhalten, hielten wir ein Verbot für Kraftfahrzeuge für unumgänglich, weil nicht auch hier oben das Hasten und Hetzen unserer Zeit Einkehr halten soll, weil dies eine Stätte der Wanderer sein soll und weil wir der Meinung sind, daß dieser kurze Gang vom Parkplatz hier herauf jedem nur gut tun wird. Die Aussicht auf einem Berge soll man sich verdienen wie das Essen. Die geistige und körperliche Überforderung des heutigen Menschen, seine Abhängigkeit von den technischen Errungenschaften, kann nur durch den Aufenthalt in der freien Natur, durch die Langsamkeit der menschlichen Beine ausgeglichen werden."

INFOAm Samstag, 30. Juli, feiert der Schwäbische Albverein das Jubiläum "50 Jahre Wanderheim Burg Teck".