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Von Norge, zu wenig Norwegisch und der "nye fredsarbeider"

OSLO "Hei, jeg heter Sara. Jeg kommer fra Tyskland. Jeg er nye fredsarbeider her." Am 16. September wurde dies zu meinem Standardsatz. "Nye fredsarbeider" das bin

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SARA MÖSSNER

ich. Frei übersetzt: der neue Friedensarbeiter. Übersetzt aus dem Norwegischen. Und da bin ich auch, in Norwegen. Denn nach meiner mehr oder weniger glorreichen Schullaufbahn hatte ich beschlossen nicht sofort zu studieren (ich wusste sowieso nicht was), sondern ein Jahr im Ausland zu verbringen.

Nach längerer Suche war dann auch eine interessante Organisation gefunden, bei der ich dies verwirklichen konnte. ASF Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Gegründet nach dem Zweiten Weltkrieg, schickt ASF jedes Jahr Freiwillige in Länder, die unter dem Nationalsozialismus besonders gelitten haben. Dort engagieren sich die Freiwilligen in verschiedenen Projekten, bei denen sie in Gedenkstätten mithelfen, mit sozialen Randgruppen oder Menschen mit Behinderungen zusammenarbeiten. Während früher das Ziel noch eher auf "Sühne" für das Geschehene lag, stehen heute Punkte wie Völkerverständigung im Vordergrund.

Ich landete in Norwegen im "Kongsg†rd Sykehus", einem kleinen Krankenhaus, das früher ein Behindertenheim war und sich jetzt auf Rehabilitationspatienten spezialisiert hat. Einige der Behinderten leben jedoch immer noch dort, und mit diesen arbeite ich nun zusammen. Die erste Person, die ich regelmäßig besuchte, war Ole (Name geändert), der von meinen Vorgängern Deutsch gelernt hatte. Dies war ungemein praktisch, da mein norwegischer Wortschatz leider noch nicht viel mehr enthielt als meinen Standardsatz ("Jeg heter Sara") und Ausdrücke wie "Jeg forst†r ikke" (Ich verstehe nicht), "Takk" (Danke) und "Jeg st†r og vifter med en agurk" (Ergebnis eines absurden Norwegischlernprogramms sehr unnützer Satz, weigere mich, ihn zu übersetzen).

Ole liebt es Deutsch zu lernen, und so begann ich dann auch, zu seiner großen Freude, den Deutschunterricht fortzusetzen. Die Schwierigkeit hierbei liegt darin, dass Ole keine komplexen Satzgefüge oder rasche Themenwechsel versteht. So wollte er einmal in sein Übungsheft immer wieder das gleiche Wort schreiben, da er sich genau darauf konzentriert hatte und mental noch gar nicht beim nächsten Wort angelangt war. Ansonsten erfreut sich Ole daran, mich nach der Bedeutung der Aufschriften meiner T-Shirts zu fragen, und akzeptiert kontinuierlich nicht, dass manche Firmennamen nun mal keinen hintergründigeren, tieferen Sinn haben (zumindest keinen, von dem ich weiß).

Eine Behinderte, die ich inzwischen auch regelmäßig besuche, ist Bjørk (Name ebenfalls geändert). Sie spricht nur Norwegisch. Ich nicht. Das erschwert die Konversation. Mittlerweile bin ich aber ganz gut darin, ihr beispielsweise die Telefonnummern ihrer Bekannten herauszusuchen und diese dann auch zu wählen (immer mit der Befürchtung, die falsche Person zu erwischen) oder ihr dieses oder jenes Buch zu holen ich irre ziellos durchs Zimmer, nehme alle Bücher in die Hand, die ich finden kann und frage: "Ist es das? Ist es das?". Manchmal bekomme ich dann von ihr die norwegische Tageszeitung geschenkt, damit ich schneller Norwegisch lerne.

Ich beschäftige mich dann damit, herauszubekommen, wie das Wetter sein wird, was man anhand der netten, kleinen Illustrationen sehr gut verstehen kann. Ich habe auch versucht, einen Kommentar zur ersten Präsidentschaftsdebatte zwischen Kerry und Bush zu lesen, bin mir aber nicht sicher, ob ich die Details richtig eingeordnet habe. Ansonsten erweitere ich meine Arbeit dadurch, dass ich öfters den Ergo- und Physiotherapeuten bei der Arbeit zuschaue oder zusammen mit Ole und Bjørk im Einkaufzentrum außerhalb bin. Dort lernte ich dann, wie man einen elektrischen Monsterrollstuhl samt schreckhaftem Insassen manövriert, wobei der Insasse zurecht schreckhaft war.

Wenn ich nicht gerade arbeite, gehe ich in die Sprachschule, um mein Norwegisch einem angemessenen Konversationsniveau anzupassen. Da Norwegisch der deutschen Sprache sehr ähnlich ist, ist der Unterricht für mich auch sehr einfach (Betonung auf "sehr"), und die Schwierigkeiten liegen auf anderen Gebieten, etwa darin, dem Sitznachbarn, der leider, leider nur tschetschenisch und russisch spricht, den Unterschied zwischen einem Verb im Infinitiv und im Präsens zu erklären. Nein, er hat es nicht verstanden.

Mittlerweile habe ich mir in der öffentlichen Bücherei eine Ausleihkarte besorgt und mir norwegische Kinderbücher ausgeliehen, um so meine Sprachkenntnisse zu erweitern. Nachdem ich in "Bjarne B. und der heimliche Elefant" erkannt habe, dass nicht der ganze Elefant rosa war, sondern nur sein Schwanz (was ihn sehr unglücklich machte), versuche ich es jetzt mit frühreifen Mädchen, die sich in der ersten Klasse mit ernsthaften Liebesproblemen herumschlagen. So bin ich zumindest guter Hoffnung, schnell Norwegisch zu lernen, um mich besser mit "meinem" Behinderten und den anderen Patienten beschäftigen zu können.

INFONein, ich habe noch keine Elche gesehen.