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"Von O bis O Von Oktober bis Ostern"

Von Schneeflocken weit und breit keine Spur, doch Reifenhersteller melden Lieferengpässe und die Händler in und um Kirchheim kommen kaum nach mit dem Reifenwechseln. Dass das Geschäft mit den eis- und schneetauglichen "Schlappen" brummt, liegt an der am 1. Mai dieses Jahres in Kraft getretenen Winterreifen-Verordnung.

ANKE KIRSAMMER

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KIRCHHEIM "Chaotisch geht es bei uns zu", so bringt der Pressesprecher der Kfz-Innung Nürtingen, Alfred Hiller, die momentane Situation im Kraftfahrzeuggewerbe auf den Punkt. "Unsere Reifenlieferanten bestätigen keine Bestellung mehr. Die laden irgendwann einfach irgendwelche Reifen ab. Auch die Preise haben breits angezogen."

Der Boom ist der neuen Winterreifen-Verordnung zu verdanken, in der es heißt: "Bei Kraftfahrzeugen ist die Ausrüstung an die Wetterverhältnisse anzupassen. Hierzu gehören insbesondere eine geeignete Bereifung und Frostschutzmittel in der Scheibenwaschanlage." Will heißen: Laut Straßenverkehrsordnung gibt es zwar keine Pflicht, Winterreifen aufzuziehen, wenn's aber schneit oder glatt wird, können Autofahrer zur Kasse gebeten werden: Wen die Polizei an Eis- oder Schneetagen ohne "geeignete Bereifung" erwischt, zahlt 20 Euro, 40 Euro und ein Punkt in Flensburg sind fällig, wenn andere deshalb aufgehalten werden. Bei einem Unfall erlischt möglicherweise sogar der Kaskoschutz. Zulässig sind aber genauso Matsch-und Schnee-Reifen, besser bekannt unter der Abkürzung M+S-Reifen sowie Ganzjahresreifen. Spezielle Winterreifen mit dem Schneeflockensymbol zeichnen sich indes durch mehr Grip, einen besseren Vortrieb sowie einen kürzeren Bremsweg aus.

Doch genau die fehlenden Standards sind es, die Hiller ärgern. Zum einen würden dadurch die Autofahrer verunsichert, zum anderen böten die verschiedenen Reifensorten nicht dieselbe Sicherheit. "Weil Kautschuk im Vergleich zu Gummi sehr teuer ist, haben viele Reifen einen sehr geringen Anteil", erläutert der Fachmann. In guten Winterreifen stecke dagegen viel Kautschuk. Deshalb warnt Hiller auch davor, billige Pneus via Internet zu bestellen, bei denen unklar ist, welche Qualität sie haben. Auch rät Hiller dazu, unabhängig von Eis und Schnee, die Sommerreifen bei kalten Temperaturen einzumotten: "Unter sieben Grad setzt bei Gummi der sogenannte Verglasungseffekt ein", so Hiller. Die "Schlappen" verlieren an Elastizität. Hiller selbst hat seine Wagen längst mit Winterreifen ausgestattet. "Für mich ist das auch deshalb selbstverständlich, weil ich Fahrzeuge vermiete und damit haftbar gemacht werden kann." Um auf Nummer sicher zu gehen, lautet Hillers Faustformel für die Winterreifensaison: "Von O bis O Von Oktober bis Ostern".

Der extrem milde Oktober hat das Geschäft mit den Winterpneus dieses Jahr weit in den November hinein verschoben, meint ein Dettinger Reifenhändler. "Bei dem Kälteeinbruch vor zwei Wochen haben an einem Tag 500 Kunden wegen Winterreifen angerufen." Seiner Schätzung zufolge schaffen sich 15 bis 20 Prozent Autofahrer mehr als bisher einen zweiten Satz Reifen an. Aufgrund des Andrangs müssten die Kunden deshalb eine Wartezeit von gut einer Woche in Kauf nehmen.

Um vor Bußgeld gefeit zu sein, ist es auch wichtig, dass die Profiltiefe der Reifen stimmt. Die Straßenverkehrsordnung schreibt zwar lediglich 1,6 Millimeter vor, Harry Kellner, Technikleiter des ADAC Württemberg, empfiehlt aber ein Minimum von vier Millimetern. "Nur so haben die Lamellen des Reifens noch eine wirksame Stärke und den entscheidenden Grip". Zudem müsse die Fahrweise an die Witterungsverhältnisse angepasst werden.

Das sieht Wilhelm Holl, Leiter des Autobahnpolizeireviers Mühlhausen, genauso. Er begrüßt zwar die neue Verordnung, gleichwohl geht sie ihm nicht weit genug. Mit Ganzjahresreifen ausgerüstete Lastwagen seien bei Schnee- und Eisglätte insbesondere auf abschüssigen Streckenabschnitten beziehungsweise an Steigungen das größte Problem. "Die sind gesetzlich zulässig, aber nicht geeignet das muss man klar sagen", so Holl. Meist ereigneten sich im Winter eher kleinere Unfälle mit Sachschaden, bei dichtem Schneetreiben sei es allerdings sehr aufwendig, Fahrzeuge abzuschleppen. "Wenn man an den volkswirtschaftlichen Schaden denkt, den kilometerlange Staus verursachen, ist das Bußgeld ein Witz", meint Holl. Mehr als der gut ausgebaute Aichelberg stelle der Albaufstieg hinter Mühlhausen auf der A 8 im Winter eine Schwachstelle dar, weil der Verkehr zweispurig geführt wird und es keinen Standstreifen gibt. "Dort genügt ein liegen gebliebenes Auto und alles ist platt", sagt Holl.

An die Einsicht der Autofahrer appelliert auch Klaus Holzmann, Pressesprecher der Polizeidirektion Esslingen. Die herbstlichen Verhältnisse auf den Straßen mit Nebel, Wind, Laub und regennassen Straßen böten die Gelegenheit, sich auf einen längeren Bremsweg einzustellen und vorsichtiger zu fahren.

Neue Vorschrift hin oder her: "In unserer Gegend ist es schon immer sinnvoll gewesen, das Auto für den Winter umzurüsten", betont Holzmann. "Zur eigenen Sicherheit und zur Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer."