Lokales

"Vor mancher Haustür hat man schon Herzklopfen"

Eine starke Gemeinschaft ist die "Ökumenische Besuchsdienstgruppe" in Gutenberg. Ihr Markenzeichen: still im Hintergrund, dafür tatkräftig und mit viel Herz wirken.

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IRIS HÄFNER

LENNINGEN "I frai me emmer ganz arg wenn se kommt ond bevor se gohd, sag' i: komm au bald amol wieder". Mit strahlenden Augen erzählt eine 82-jährige Gutenbergerin von ihren Erfahrungen mit dem "Ökumenischen Besuchsdienst". Gerade von einem Krankenhaus- und Rehaaufenthalt zurück in den eigenen vier Wänden, freut sie sich über die Abwechslung, die solch ein Besuch mit sich bringt. "Do schwätzet mr halt mitnander ond i erfahr, was es Neis em Flecka gibt", sagt die temperamentvolle Dame.

Doch solche Gespräche sind bei Leibe keine Einbahnstraße. "Es kommt auch unglaublich viel zurück. Die Besuche bringen mir selber viel", berichtet eine Ehrenamtliche der Besuchsdienstgruppe. So kommen nicht selten Gespräche in Gang, die alle Beteiligten die Zeit vergessen lässt. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass der Enkel seine Hochzeit im Erzgebirge feiert und die Oma bei den Nachbarn der Braut einquartiert wird. "Ich schaue nie auf die Uhr, wenn ich zu Besuch bin", nennt eine Besuchsdienstmitarbeiterin, die selbst alleinstehend ist, ihren obersten Grundsatz. Kein Wunder, wenn man Sätze wie "Bei Dir bressierts heit edda. Du bisch sowieso alloi drhoim" nicht nur einmal zu hören bekommt.

Die ökumenische Besuchsdienstgruppe besteht aus insgesamt 15 ehrenamtlichen Mitarbeitern im Alter zwischen 35 und 90 Jahren. Neben Pfarrer Sobko sind noch zwei Männer mit dabei, die große Mehrheit stellen auch hier wie so oft im sozialen Bereich die Frauen. Alle vier Wochen treffen sich die Ehrenamtlichen zum Austausch. "Das ist immer wieder schön, wir sind eine tolle Gemeinschaft", heißt es unisono. Besprochen werden dabei aber auch Probleme oder wer welchen Termin wahrnimmt. Schließlich gilt es, sich um sämtliche ältere, kranke und behinderte Einwohner von Gutenberg, Krebsstein und Schlattstall zu kümmern. Ab dem 70. Lebensjahr bekommt jeder Besuch zum Geburtstag wer es wünscht, denn verdonnert wird dazu niemand.

Einmal im Jahr steht auch ein kleiner Ausflug auf dem Programm, beispielsweise Kutschfahrten im "Dondl" dem Donntal und Schlattstall oder der Besuch des Bibelgartens in Bissingen. Die dunkle Jahreszeit wird für die Senioren mit Adventssingen aufgehellt. Mit von der Partie sind dabei auch einige Grundschüler, die Flöte spielen oder singen. "Wenn die Kinder ein Schoklädle bekommen, sind es am nächsten Tag gleich mehr", erzählt eine der Ehrenamtlichen lachend. Diese Treffen erweitern vor allem den Horizont der Kinder, die plötzlich feststellen, dass jemand den ganzen Tag alleine lebt. Andererseits wollen viele Senioren genau wissen, wie denn nun der Vater heißt, um zu wissen, wo genau der Knirps herkommt.

Jeden Monat findet ein Mittagstisch statt, an dem rund 30 Personen teilnehmen und den auch der Krankenpflegeverein mitveranstaltet. Außerdem gibt es für die Senioren ein besonderes Angebot: Sie dürfen zum Kaffeekränzchen einladen, den der Besuchsdienst organisiert. "Einmal haben wir sogar eine Klassenkameradin aus Neuffen geholt", erinnern sich die ehrenamtlichen Helferinnen. Auch Besorgungen werden wie selbstverständlich gemacht oder jemand wird zum Frisör gefahren.

"Vor mancher Haustür hat man schon Herzklopfen vor allem beim ersten Besuch", bekennt eine der ehrenamtlichen Helferinnen. Dies war beispielsweise der Fall, als sie eine Familie mit einem behinderten Kind besucht hat. Mittlerweile ist eine "Besuchsdienstlerin", die Kinderkrankenschwester von Beruf ist, bei der Diakoniestation angestellt und unterstützt die Familie bei ihrer schwierigen Aufgabe.

Dank ihrer Erfahrung stehen die Ehrenamtlichen auch sonst mit Rat und Tat zur Seite. Sie wissen, wo Hilfe zu bekommen ist oder an welche Institution man sich wenden kann. Auch bei Trauerfällen bieten sie den Hinterbliebenen Gespräche und Besuche an und bringen eine Trauerkerze mit. Zwei Mitglieder der Besuchsdienstgruppe haben auch eine Ausbildung bei der Hospiz absolviert und helfen bei der Sterbebegleitung.

"In Gutenberg, Schlattstall und Krebsstein muss es keine einsamen, älteren Menschen geben, weil die Helfer der ökumenischen Besuchsdienstgruppe allen Einwohnern ihren Dienst anbieten. Sie sorgen dafür, dass es hier ein wirklich gutes Netzwerk der Nachbarschaft gibt", lobt Pfarrer Helmut Sobko das Engagement der Ehrenamtlichen, die unter der Schirmherrschaft der evangelischen Kirchengemeinde überkonfessionell arbeiten. "Wir schaffen alle gut zusammen. Sämtliche Vereine, Feuerwehr und Schule unterstützen uns. In Gutenberg ist eine Gemeinschaft da", geben die Mitglieder der ökumenischen Besuchsdienstgruppe das Lob bescheiden an die anderen weiter getreu ihrem Motto: nur ja kein Aufhebens machen und im Stillen wirken.