Lokales

"Vorhaltestrategie" für die nächsten 15 Jahre

Mit 28 bis 35 Hektar an neuen Gewerbeflächen will die Stadt Kirchheim in den kommenden 15 Jahren versuchen, den Verlust von 4 000 Arbeitsplätzen seit 1990 auszugleichen. Der Gemeinderat hat nun den Hauptinhalten des Gewerbeflächenentwicklungskonzepts zugestimmt nachdem sich in der Diskussion ergeben hatte, dass das Gutachten allerhand Interpretationsspielraum lässt.

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Planungsamtsleiter Dr. Hermann-Lambert Oediger stellte im Kirchheimer Ratsrund zunächst einige wesentliche Punkte der 90 Seiten starken Expertise vor. So sieht die Bedarfsprognose bis 2020 mit 28 bis 35 Hektar in etwa den Wert der Jahre 1990 bis 2005 vor, als die Gewerbefläche in Kirchheim um 26 Hektar angewachsen ist. "Fast doppelt so viel" seien es im Vergleich dazu zwischen 1960 und 1975 gewesen: 46 Hektar. Konkret ist für die Weiterentwicklung der Gewerbeflächen daran gedacht, vorhandene Gebiete zu modernisieren und Baulücken zu füllen. Schon allein in der Bohnau sei noch großes Potenzial vorhanden. Zählt man alle dortigen Brachflächen zusammen, ergeben sich insgesamt 4,3 Hektar, die in dem gut erschlossenen Gebiet noch nutzbar wären.

Ansonsten setzt die Planung darauf, neue Gebiete auszuweisen. Waren es früher vor allem Flussläufe und Eisenbahnlinien, an denen entlang sich Industrie und Gewerbe ansiedelten, so ist jetzt der Autobahnanschluss der dominierende Faktor schlechthin. Auf die beiden Anschlussstellen konzentrieren sich denn auch die Vorschläge des Entwicklungskonzepts für weitere Gewerbegebiete.

Über Kirchheim-West sind jetzt bereits Kruichling und Heimenwiesen verkehrlich angebunden. Folgen könnte noch das Gebiet "Hegelesberg" im Dreieck Kruichling, Nürtinger Straße, Bahnlinie sowie das Gewann "Hägele" zwischen Kruichling und Ötlingen.

Die Anschlussstelle Kirchheim-Ost dagegen "bedient" die Bohnau sowie die Bereiche Faberweg und Dettinger Straße. In diesem Fall müsste allerdings die Infrastruktur verändert werden, denn so Dr. Oediger: "Es liegt zwar direkt an der Autobahn, aber man kommt nur über eine große Schleife in das Gebiet hinein."

Die verbesserte Erschließung wäre allerdings eng mit einem neuen "interkommunalen" Gewerbegebiet östlich der Autobahnmeisterei verknüpft. "Hungerberg" und "Wiedenhalden" heißen die beiden Gewanne auf Kirchheimer beziehungsweise Dettinger Markung zu beiden Seiten der Autobahn, die dafür in Frage kämen. Dieses Gebiet dient jedoch in erster Linie einer "Vorhaltestrategie" für den Fall, dass sich ein "internationaler Großkonzern" in der Region niederlassen möchte und einen geeigneten Standort sucht. Gezielte Anfragen in dieser Hinsicht bestehen derzeit aber nicht.

Falls sich auch weiterhin kein "internationales Großunternehmen" konkret für die Vorhaltefläche interessieren sollte, sieht das Konzept längerfristig vor, das Gebiet "Hägele" auf Ötlinger Markung zu erschließen, um ansiedlungs- oder erweiterungswilligen Unternehmen geeignete Flächen anbieten zu können.

Am Gewann "Hägele" lobte der Planungsamtsleiter die Topografie und die "absolute Nähe zur Autobahn". Es gebe zwar ertragreiche Böden, aber insgesamt "keine landschaftlich wertvolle Situation". Zur aktuellen Diskussion sagte Oediger, dass es wohl nie ein Gebiet gebe, dass alle Voraussetzungen erfüllt.

Dass Kirchheim unter Umständen nicht auf ein Gewerbegebiet "Hägele" verzichten kann, stellte er aber eindeutig klar: "Wir schaffen es nicht nur mit der Modernisierung vorhandener Gebiete." Um aber in zehn oder 15 Jahren bei Bedarf Gewerbeflächen im "Hägele" anbieten zu können, müsse die Planung möglichst frühzeitig beginnen.

Was die Grundgedanken des Gewerbeflächenentwicklungskonzepts betrifft, waren sich die Fraktionen im Kirchheimer Gemeinderat weitgehend einig: Vorhandene Flächen, die bereits erschlossen sind, müssten vorrangig genutzt werden. Um die 4 000 Arbeitsplätze, die Kirchheim in den vergangenen 15 Jahren verloren hat, zurückbekommen zu können, sperrte sich aber niemand dagegen, nötigenfalls die neuen Gewerbeflächen wie vorgesehen zu verwirklichen.

Darüber hinaus interpretierten einige Redner das Gutachten des Stuttgarter Stadtplanungsbüros ORplan und des Stadtökonomen Professor Dr. Henckel von der TU Berlin nach ihren eigenen Gesichtspunkten. Grüne Alternative und Frauenliste etwa entnahmen der Expertise, dass die Nordwesttangente nicht nötig sei. Für den Jesinger Ortschaftsrat wiederum signalisierte Hans Gregor breite Zustimmung zum Konzept vor allem wegen der Option "Hungerberg" einschließlich besserer Autobahnanbindung der Bohnau. Die Jesinger sähen darin erstmals die Chance für eine "effektive Umgehungsstraße".

Ötlingens Ortsvorsteher Hermann Kik sprach sich dafür aus, dass der Gemeinderat das Konzept zunächst nur zur Kenntnis nimmt. Die Zustimmung zu den Hauptinhalten solle dann später erfolgen, wenn ein "erweiterter Dialog" stattgefunden habe. Schließlich gehe es beim "Hägele" um 20 Hektar guten Geländes, das der Landwirtschaft entzogen werde. "Wenn Sie heute zustimmen, ist das Ding aufgegleist", warnte er die Ratsmitglieder. In den letzten 20 oder 30 Jahren habe er nicht erlebt, dass ein Zug dann noch einmal umgedreht wurde. Die Freien Wähler wollten mit der Zustimmung ebenfalls warten, bis die Erkenntnisse der Bürgerbeteiligung in das Konzept einfließen könnten.

Die Mehrheit des Gremiums war jedoch der Auffassung, dass sich die Details des Planwerks immer noch ändern lassen, sodass den Leitlinien bereits jetzt zugestimmt wurde. Einstimmig hat der Gemeinderat anschließend die Bürgerbeteiligung im Rahmen eines Informationsabends befürwortet. Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker konnte dafür auch bereits einen Termin benennen: das Stadtforum am Dienstag, 28. März.