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Vulkane, Wackelböden und ein Christstollen

KIRCHHEIM/SANTIAGO Vergangene Woche noch war er aktiv. Speite Feuer, Lava und Asche und versetzte die Menschen an seinem Fuße in Angst und Schrecken. Nun gibt sich der 3 125 Meter hohe Vulkan Llaima in den chilenischen Anden wieder friedlich. Wie vor etwa

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RICHARD UMSTADT

acht Wochen, als die 23-jährige Kirchheimerin Kathrin Waldow den Nationalpark Conguillio im Süden Chiles mit seinen wunderschönen Araukarienwäldern und Lagunen am Fuße des Llaimas besuchte. Obwohl der Vulkan zu dieser Zeit noch still vor sich hinträumte und seine Backen nicht aufblies, fand die blondgelockte Kirchheimerin die Landschaft beeindruckend. "Der Boden war vom Lavagestein ganz schwarz." Kein Wunder, seit 1640 spukt der Vulkan in schönster Regelmäßigkeit Gift und Galle.

Doch der Andenstaat am Pazifik ist nicht nur von Zeit zu Zeit ein heißes Pflaster, sondern auch ein notorischer Wackelkandidat. Die Studentin aus dem Schwabenlande, die drei Monate lang in der chilenischen Metropole Santiago für die deutschsprachige Zeitung "Condor" arbeitete, durfte auch dies erleben. "Ich war zu einer Hochzeit eingeladen und plötzlich bebte die Erde, das Haus wackelte, ich dachte, ich muss sterben." Die Chilenen jedoch sind derlei Anfälle gewohnt und reagierten "cool". "Sie versuchten lediglich, die Flaschen auf den Tischen festzuhalten." Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass es in Chile 500 bis 2 000 Erschütterungen pro Jahr gibt.

In das Land mit den vier Klimazonen von der trockenen Atacamawüste im Norden bis zu den Eisbergen Feuerlands im Süden kam Kathrin Waldow durch eine Internetanzeige. Die Kirchheimerin, die in Tübingen im sechsten Semester Rhetorik, Spanisch und Soziologie studiert, suchte eine Praktikumstelle bei einer deutschsprachigen Zeitung im spanischsprachigen Ausland und die deutschsprachige Zeitung "Condor" in Chile suchte eine spanischsprachige Praktikantin aus dem Ausland. So überquerte Kathrin Waldow im August im Flugzeug den großen Teich und die argeninische Pampa, um nach rund 20 Stunden in Chiles Metropole Santiago zu landen.

Die Vorfahren der heute rund 200 000 deutschstämmigen Chilenen hatten vor rund 162 Jahren den wesentlich längeren und beschwerlicheren Seeweg genommen. Viele waren unterwegs erkrankt und gestorben. Die stärksten deutschen Einwandererwellen landeten in den 1850er Jahren in den Pazifikbuchten von Puerto Mont und Valdivia im Süden des rund 4 300 Kilometer langen, aber im Schnitt nur etwa 180 Kilometer breiten Landes.

Damit war das Kontingent der Alemanes aber nicht erschöpft. Immer wieder, vor allem in Notzeiten, wanderten Deutsche nach Chile aus. Nicht immer, um das Ansehen ihrer alten Heimat zu mehren. Hier seien nur Stichwörter wie Colonia Dignidad, und Pinochets deutschstämmige Unterstützer, genannt. Dennoch genießen die "Ottos", wie sie halb scherzhaft in Chile genannt werden, den Respekt ihrer Mitbürger. Sie ließen ganze Agrarlandschaften entstehen, brauten das erste Bier für südamerikanische Oktoberfeste, bauten schöne Häuser und bliesen die ersten Hochöfen im Andenlande an.

Kathrin Waldow konnte sich von der mitteleuropäischen Ästhetik und der Postkartenidylle eines veralteten Deutschlandbildes am anderen Ende der Welt überzeugen. Während ihres Praktikums bei "Condor", dessen Herausgeber der deutschstämmige Chilene Carlos Büchner ist, besuchte sie Kulturveranstaltungen des Deutsch-Chilenischen Bundes (DCB), Kunstausstellungen sowie Vorträge, zum Beispiel über deutsche Einwanderung und chilenische Identität.

"Relevant für die Zeitung ist alles, was mit Chile, Deutschland, Österreich und die Schweiz zu tun hat." Die Redaktion des "Condors" mit Chefredakteurin Birgit Tuerksch und Redakteur Arne Dettmann sitzt im elegant-modernen Santiagoer Stadtteil Providencia. Die Auflage der deutschsprachigen Zeitung bewegt sich um die 10 000. Gelesen wird sie von Deutschstämmigen in ganz Chile, vor allem in der chilenischen Schweiz, dort wo auf den Balkonen weißgetünchter Restaurants Geranien blühen, Gartenzwerge die Vorgärten zieren und die Schilder "Kaffee und Kuchen" sowie "Bier und feine Wurstwaren" auf urdeutsche Gepflogenheiten hinweisen.

So kommt es nicht von ungefähr, dass sich selbst am anderen Ende der Welt Chileninnen, die Riechers, Anwandter, Kunstmann, Kauffmann oder Moedinger heißen, in der Vorweihnachtszeit wie ihre Geschlechtsgenossinnen im fernen Deutschland nach den Zutaten für ein bestimmtes Backrezept umschauen. Kathrin Waldow half aus: Sie lüftete im Dezember in Chile ist es Sommer auf einer Sonderseite im "Condor" das Geheimnis des deutschen Christstollens und lieferte auch gleich die Adressen deutscher Bäcker in der acht Millionen Stadt Santiago mit.

Inzwischen gibt es freilich nicht nur deutsche Bäcker und Metzger. Zeitgemäße Botschafter deutschsprachiger Kultur in Chile ist das Goethe-Institut, die Deutsch-Chilenische IHK, die Deutsche Klinik, sind die rund 24 deutschen und Schweizer Schulen, sind die deutschen Vereine, darunter der deutsche Andenverein und der deutsche Sportverein, aber auch die Siebte deutsche Feuerwehrkompanie Concepcion.

Dabei stellte die "Condor"-Praktikantin fest, dass nicht alle Chilenen, die einen deutschen Namen tragen auch automatisch die deutsche Sprache beherrschen. Stark beeindruckt war sie allerdings von der Theateraufführung einer deutschen Schule, die das Brecht-Stück "Der kaukasische Kreidekreis" in deutscher Sprache spielen ließ.

Welche Eindrücke brachte Kathrin Waldow außerdem mit? "Ich hab' keine schlechten Erfahrungen gemacht", berichtet die Kirchheimerin, die positiv überrascht war von der herzlichen Aufnahme und Offenheit der Menschen dort. "Die Arbeit im Condor hat mir gut gefallen". Begeistert haben sie auch die chilenischen Landschaften: "Ich war viel unterwegs von San Pedro de Atacama im Norden bis runter nach Chiloe. Das Land ist extrem gegensätzlich." Deshalb ist es eigentlich nur mit der großen Entfernung zu erklären, dass sich nur wenige europäische Touristen dorthin "verirren". Es liegt am anderen Ende der Welt. Das große Bild, oben, zeigt eine typische Mondlandschaft mit einem Salzsee in der Atacamawüste im Norden Chiles. Auf dem Foto unten ist der Hafen von Valparaiso an der Pazifikküste zu sehen. Valparaiso hat rund 804 000 Einwohner und ist die größte Hafenstadt Chiles. Foto, rechts: Kathrin Waldow unterwegs im Nationalpark Conguillio in den chilenischen Anden am Fuße des Vulkans Llaima. Auf dem kleinen Foto prangt das Schriftzeichen der chilenischen Wochenzeitschrift Condor.

Fotos: privat