Lokales

Wärmende Fracht aus eifrigen Händen

Freiwilliges Langzeitprojekt – Frauen-Netzwerk strickte Wolldecken für Menschen in Not

Über 20 Jahre lang verarbeitete eine Gruppe Weilheimer Frauen Ausschusswolle zu Decken, die sie einer Hilfsorganisation spendeten. Jetzt sind die letzten Vorräte erschöpft. Damit endet die humanitäre Mission der Strickerinnen.

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Tobias Flegel

Weilheim. Umweltbewusste Frauen, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts am Puls der Zeit waren, strickten. Bei Öko-Fans galt das Hobby als kreativ, meditativ und politisch korrekt. Dann, in den Neunzigern, verschwanden die Strickerinnen aus den Klassenzimmern, Bahn-Abteilen und Fernsehsesseln. Eine Flaute im privaten Maschengewerbe setzte ein, die nun, sofern man den Prophezeiungen der Lifestyle-Zeitschriften glaubt, ihr Ende gefunden hat. Allerdings ist von der neuen Popularität bislang wenig zu sehen – zumindest in der Öffentlichkeit machen sich die Handarbeiterinnen noch rar.

Bei einer Gruppe Weilheimer Frauen steht das Stricken schon lange hoch im Kurs. Mit stoischer Ausdauer und unbeeindruckt von jeglichen Trends verarbeiteten sie über 20 Jahre lang die Produktionsreste der Weberei Faber und Becker zu Wolldecken. Die Früchte ihres Fleißes spendeten die Frauen der Hilfsorganisation Licht im Osten – allein in der Zeit von 2001 bis 2007 produzierten sie 287 Decken.

„Wer eigentlich die Idee dazu hatte, weiß ich nicht“, sagt Lydia Reisgies. Zu lange lägen die Anfänge des gemeinnützigen Projekts bereits zurück. Sicher ist aber: Die Reste wegzuwerfen, die Reisgies‘ alte Schulfreundin Martha Autenrieth aus der Weberei mit nach Hause nahm, brachten die Frauen nicht über ihr schwäbisches Herz.

Lydia Reisgies stieß im Januar 1987 durch ihre Nachbarin zu den Strickerinnen. Heute gehört die 77-Jährige mit Isolde Adam und Maria Beck zu den letzten Mitgliedern der früher acht- bis neunköpfigen Gruppe. Die Zweige des Netzwerks reichten zeitweise bis nach Lenningen. „Da gab es auch eine Strickerin, die alles selbst machte“, berichtet Reisgies. Die Weilheimer Handarbeiterinnen dagegen teilten sich die Arbeit in einem mehrstufigen Produktionsprozess.

Zuletzt liefen bei Roswita Göttinger die Fäden zusammen: Als Autobesitzerin hatte die 45-Jährige die Rolle der Logistikchefin und Koordinatorin übernommen. Göttinger lagerte die verbliebenen Wollreste zu Hause und fuhr die Spulen portionsweise zu Maria Beck. Diese führte die dünnen Stränge von drei Wollspindeln zu einem dicken Faden zusammen und wickelte daraus ein neues Knäuel. Anschließend brachte Roswita Göttinger die „Böbbel“ zur Lydia Reisgies, die aus der Wolle zwanzig auf zwanzig Zentimeter große Quadrate strickte. Als letztes Glied in der Produktionskette häkelte Isolde Adam jeweils 25 Vierecke zu einer Decke zusammen.

Sechs davon passten in einen ausrangierten Bananenkarton und immer drei volle Schachteln brachte Roswita Göttinger zur Weilheimer Sammelstelle von Licht im Osten. Von dort gingen die Decken zur Zentrale in Korntal, die sie an bedürftige Menschen in Osteuropa und Zentralasien verteilte.

Manche der Strickerinnen kannten sich aus der Jugend, andere nur vom Sehen, ihrer Arbeit gingen aber alle in den eigenen vier Wänden nach. Maria Beck wickelte auf der Bühne, Lydia Reisgies strickte im Kreis der Familie. Der Eifer und die Zeit, die sie für ihre Heimarbeit aufbrachten, stießen dabei nicht immer auf Verständnis: „Mein Mann meinte, dass ich süchtig bin“, sagt Lydia Reisgies. Andere wiederum hätten sie ausgelacht, weil sie jede freie Minute zu den Stricknadeln griff: „Viele haben mir den Vogel gezeigt.“

Doch Kritik und Unverständnis ließen die Frauen kalt. Unbeirrt schafften sie vor sich hin, auch weil sie aus der Handarbeit einen persönlichen Nutzen zogen. „Das Stricken hat mich beruhigt“ gibt Reisgies zu. Deshalb habe sie besonders abends gerne zu Nadel und Faden gegriffen. Als ihr Mann und ihr Sohn zeitweise im Krankenhaus lagen, lenkte sich die Strickerin mit Nadeln und Faden ab. „Das hat mir damals viel geholfen“, sagt sie. Isolde Adam schätzte ebenfalls die entspannende Wirkung der „netten Nebenbeschäftigung“.

Lydia Reisgies trieb noch ein anderes Motiv zur Ausdauer. Sie war sicher, dass sich die lange Arbeit irgendwann auszahlt – wenngleich nicht unbedingt in barer Münze. „Mein Standpunkt ist: Das kommt irgendwann auf einer anderen Seite wieder rein“, sagt die Weilheimerin. Stimmt ihre Theorie, wird es das Schicksal gut mit der fleißigen Handarbeiterin meinen, die für das Projekt 27 000 Wollquadrate strickte.

Ende März schlüpften die letzten Fäden durch die Finger von Isolde Adam, Maria Beck und Lydia Reisgies. Das gemeinnützige Langzeitprojekt, an dem über mehrere Jahrzehnte viele Frauen beteiligt waren, ist damit beendet. Ihr Ziel haben die Strickerinnen maßgenau erreicht: Reste von den Resten blieben keine übrig. „Die letzte Decke ist zwar nur vier auf vier Quadrate groß, aber die Wolle ging genau auf“, freut sich Isolde Adam.