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Waghalsige Messungen auf dem Stauferschloss

KIRCHHEIM 16 Kirchen in drei Tagen, dazu noch an den heißesten drei Tagen des Jahres Castel del Monte in Apulien vermessen dieser

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IRIS HÄFNER

Schnitt des Seminarkurses des Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasiums kann sich sehen lassen. "Wir haben den ganzen Sporn samt Absatz abgegrast", beschreibt Martin Kieß, Mathematiklehrer und Leiter des Seminarkurses, die Route. Ihm zur Seite stand Physiklehrer Dr. Joachim Sutter.

Mit einer gemütlichen Urlaubsfahrt haben die Italienreisen von Martin Kieß nichts gemein. Baden im Meer ist Luxus für die Schüler, lässt es der dichte Zeitplan dann doch zu, sind sie meist zu schlapp für derartige sportliche Aktivitäten. Ihr Anspruch ist ein höherer, und tatsächlich kamen die jungen Forscher mit einer neuen Entdeckung im Gepäck zurück: "Castel del Monte und das Wäscherschloss sind architektonisch gesehen, trotz unterschiedlichster Baugestaltung, eng miteinander verbunden", verrät Martin Kieß.

Die Grundrisse der beiden Gebäude könnten nicht unterschiedlicher sein. Während Castel del Monte ein gleichmäßiges Achteck ist, regte das Wäscherschloss mit seinem unregelmäßigen Sechseck schon immer die Fantasie an, weshalb der Umriss diese ungewöhnliche Form hat. Zentimetergenau kommt nun dieser Grundriss des Wäscherschlosses an zentraler Stelle eines für die Geometrie von Castel del Monte bedeutsamen Kreises wieder vor.

Nach und nach scheinen Schüler und Lehrer den Geheimnissen der Stauferschlösser auf die Spur zu kommen. Die Botschaft ist wieder einmal in Steinen, Zahlen und den Himmelskörpern versteckt. "Der Umfang des Mittenkreises von Castel del Monte beträgt wie der Umfang des Wäscherschlosses 96,68 Meter. Legt man das von der Karlsruher Forschungsgruppe in den Neunzigerjahren für Castel del Monte bestimmte Fußmaß des Neapolitanischen Palm von 26,3 Zentimter zu Grunde, so ergeben sich für beide Umfänge genau 360 Neapolitanische Palm", sagt Martin Kieß. Diesen Kreis wollte er vermessen, weil er ihm im Fußboden als Muster aufgefallen war. "Wir glauben, dass wir damit die Klammer gefunden haben", ist er überzeugt.

Waghalsige Messungen auf dem Dach von Castel del Monte waren dafür nötig. Dank der mittlerweile guten Beziehungen, an denen Dr. Adriana Cuffaro vom italienischen Kulturinstitut in Stuttgart maßgeblich beteiligt ist, hatten die deutschen Schüler ungehinderten Zugang in sämtliche Räume des wohl berühmtesten Stauferschlosses. Zu ihrer eigenen Sicherheit wurden sie bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit von einem Mitarbeiter des Castels begleitet. "Mit nur sechs Leuten sind wir auf dem Dach rumgestiegen. Oben wehte ein unglaublicher Wind, und wir mussten genügend Abstand zum Rand halten", beschreiben die Schüler ihre spannende Tätigkeit. Ausgerüstet mit dem von der Elternschaft gespendeten Theodoliten die zweitägige Einweisung an diesem Spezialgerät erhielten die Schüler von Mitarbeitern des Amts für Geoinformation und Vermessung beim Landratsamt Esslingen vermaßen sie den Mittenkreis. Ziel der vielen Messungen war es, das ganze Castel zu vernetzen. "Der gemeinsame Umfang von 360 Fuß weist deutlich auf den Tierkreis hin", ist Martin Kieß überzeugt. Darin sehen er und seine Schüler eine Bestätigung der bisher gewonnenen Forschungsergebnisse, dass sowohl Castel del Monte als auch das Wäscherschloss steinerne Abbilder der oktogonalen Planetenkonstellation vom 26. Dezember 1241, dem 47. Geburtstag von Stauferkaiser Friedrich II., ist.

"Wir sind überzeugt, mit unserer These auf dem richtigen Weg zu sein", so Martin Kieß. Vieles habe sich dank der Messungen bestätigt. "Wir haben einige Beweise, die nicht zu widerlegen sind", gibt sich der Lehrer selbstbewusst. Mit seinem Seminarkurs bewegt er sich auf wissenschaftlich schwierigem Terrain, da er dem Geheimnis der Stauferschlösser mithilfe der Astrologie auf die Spur kommen will. "Wir gehen davon aus, dass die Stauferkaiser dieses Wissen einst benutzt haben. Wenn man diesen Aspekt außer Acht lässt, schränkt man die Lösungsmöglichkeiten ein und kommt deshalb nicht zum Zug", sagt Martin Kieß.

Von ihrer Reise und den gewonnenen Erkenntnissen ist die Mehrzahl der Seminarkurs-Teilnehmer begeistert. Viel Energie und Engagement haben die Schüler investiert und bei zahlreichen unvorhersehbaren Problemen Eigeninitiative ergriffen und Lösungen gefunden. Der Bus war unverzichtbares Fortbewegungmittel, schon allein wegen der mitgeführten notwendigen Utensilien, wie etwa die Messinstrumente, Kamera, Laptop oder das eindrucksvolle Modell von Castel del Monte. Die gesammelten Daten wurden am Abend noch in den Computer eingegeben und dank des eigens von einem Schüler dafür erstellten Programms lagen am nächsten Morgen die Ergebnisse schon auf dem Tisch. "Die haben gerechnet wie die Hölle und sehr geschickt", lobt der Lehrer.

Respekt zollte die Gruppe auch ihrem Busfahrer, der sich vor allem durch Engelsgeduld und Expeditionsgeist ausgezeichnet hatte und das, obwohl er im Hafen von Bari überfallen worden war und außer seinem Handy zeitweilig nichts mehr besaß. An seiner Seite Christian Übersetzer, Streitschlichter, Mädchen für alles und Co-Pilot in Personalunion. Mit dem Fernglas nahm er den Fortgang der Straße genau unter die Lupe, um feststellen zu können, ob sie für den Bus breit genug bleibt. Hatten er und der Fahrer sich dann wegen geparkter Autos doch "verpeilt", rückte kurzerhand die schnelle Eingreiftruppe aus und trug die leichten italienischen Modelle zur Seite.

Gemäß dieser Problembewältigung ist sich der Seminarkurs sicher: "Unsere Ergebnisse bestätigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, den Code von Castel del Monte vollständig zu lösen."