Lokales

"Wahlkampf darf auch Spaß machen"

Jungwähler sind desinteressiert, heißt es gemeinhin. Dass dieses Urteil nicht allgemeingültig ist, konnte erkennen, wer die Podiumsdiskussion im Jugendhaus Linde "Zu blöd zum Wählen?" besuchte, zu der sich fast 60 junge Leute einfanden. Das Gros war unschwer als Anhängerschaft der Partei-Jugendorganisationen zu erkennen. Entsprechend hoch schwappten die Emotionen mitunter.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Eingeladen zu dieser ersten Podiumsdiskussion im

O:508F515.EP_ Rahmen des Bundestagswahlkampfs 2005 in Kirchheim hatten in parteiübergreifender Kooperationen die Jugendorganisationen Junge Union, Jungsozialisten, Grüne Jugend und Junge Liberale. Ziel war, jungen Leuten die Möglichkeit zu geben, sich aus erster Hand über aktuelle Politik informieren zu können. Auf dem Podium im Kulturkeller saßen die Bundestagsabgeordneten von SPD und CDU, Rainer Arnold und Michael Hennrich, der grüne Landtagsabgeordnete und umwelt- sowie verkehrspolitische Sprecher Boris Palmer sowie Florian Toncar, Landesvorsitzender der Jungen Liberalen. Er war speziell der Jugendthematik wegen angereist, sodass die FDP-Kandidatin Ellen Winkler-Oberman im Plenum Platz nehmen durfte.

Zunächst redeten alle Politiker dem Wahlrecht und dem politischen Engagement das Wort. Damit befanden sie sich nicht nur untereinander in absoluter Übereinstimmung, sondern auch mit dem Publikum. Eingangs hatte nämlich der Moderator die Frage gestellt, wer denn auf sein Wahlrecht verzichte keine Hand ging in die Höhe. "Wir sind unter uns", kommentierte daraufhin Boris Palmer die Situation, in der sich politisch interessierte junge Leute, allerdings fast durchweg dem Erstwähleralter entwachsen, mit politisch engagierten Erwachsenen unterhielten.

Der Bredouille auf dem Ausbildungsmarkt und der Problematik im Bildungswesen war die erste große Diskussionrunde gewidmet. Rainer Arnold sprach von einer "ernsten Situation" auf dem Lehrstellenmarkt, auf den geburtenstarke Jahrgänge drängen. Wenn sich auch boomende Branchen der Ausbildung verschlössen, müsste der alte Vorschlag der Ausbildungsabgabe greifen, forderte der SPD-Politiker. Die Wirtschaft durch Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen wie einer geringeren Schulzeit während der Lehre zu mehr Ausbildungsbereitschaft zu motivieren, war das Anliegen von Michael Hennrich. Zudem müsse das schulische Niveau im Vorfeld der Ausbildung angehoben werden.

Beim Bildungssystem sah Boris Palmer den einzigen sinnvollen Ansatz zur langfristigen Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Er wies auf die niedrige Akademiker-Arbeitslosigkeit in Deutschland hin und auf die enormen Arbeitslosenzahlen im Bereich ungelernter Kräfte. "Daumenschrauben für die Wirtschaft" hielt auch Florian Toncar für falsch. Gerade kleine und mittelständische Betriebe bildeten aus, und die müssten bessergestellt werden.

Umstritten auf dem Podium waren natürlich auch jüngere politische Maßnahmen wie der Wegfall des Meisterzwangs in etlichen Bereichen und seine Folgen auf den Ausbildungsmarkt. In der anschließenden Fragerunde wurde deutlich, dass es aber eher ganz persönliche Themen und konkrete Denkansätze sind, die junge Leute in Sachen Politik bewegen. So prangerten zwei Lehramts-Studentinnen zu lange Ausbildungszeiten und zu große Schulklassen an. - Beides Probleme, die auch den Politikern nicht unbekannt sind.

Wie der Wahlkampf die Menschen, speziell die jungen, überhaupt erreichen kann, war ein Thema, bei dem es schlagartig hoch eherging. Aus den Reihen der Liberalen wurde "Rainers Mobiler Mostgarten" mit dem vormals von politischen Gegnern heftig kritisierten "Guido-Mobil" verglichen. "Der mobile Mostgarten ist nicht nur Verpackung, da ist was drin", verteidigte Rainer Arnold sein Konzept, den Bürger zu Gesprächen und Getränken aus heimischen Streuobstwiesen zu laden und bekannte: "Wahlkampf darf auch Spaß machen!" "Der Michail Gorbatschow hat's mit Glasnost probiert, der Rainer Arnold versucht's mit 'Glas Most'", witzelte ergänzend Michael Hennrich. Dass besonders die Jungen unter den Wählern schwer zu erreichen sind, ist eine Erfahrung, die beide Bundespolitiker wiederholt gemacht haben. Das Internet oder den Besuch typischer Aufenthaltsorte Jugendlicher wie Freibäder zu nutzen, empfahl Florian Toncar. "Zwei Drittel der jungen Leute erreicht man nicht", lautete dagegen Boris Palmers ernüchternde Bilanz. Da nütze es auch nichts, dass die Parteien bedruckte Kondome verteilten getreu dem Grundsatz "Sex sales".

Im Verlaufe der Diskussion musste sich Palmer von Hennrich vorhalten lassen, den Zweck der Veranstaltung, Politikinteresse zu fördern, ins Gegenteil verkehrt zu haben. Palmer hatte nämlich unter anderem Aussagen aus dem Plenum über die angeblich schlechte Energiebilanz von Windrädern empört als "Stuss" bezeichnet, der auf "ideologischer Aufgeladenheit" basiere. "Sie fördern dadurch die Politikverdrossenheit", tadelte der CDU-Abgeordnete die Verurteilung einer individuellen Meinung. "Das kann jeder Jugendliche selbst beurteilen", wehrten Stimmen aus dem Publikum einen weiteren Zweikampf ab.

So richtig sauer schien denn auch keiner zu sein, blieb doch die Stimmung im Keller locker. Nach zwei Stunden hatte man außer den eher jugendrelevanten Themen auch allgemeine Sujets wie die Ankurbelung der Wirtschaft beackert. Hier redeten sich zwar die Politiker mit bekannten Standpunkten und der Kritik des politischen Gegners in Rage, das Publikum blieb jedoch weitgehend unbeteiligt. Die Podiumsdiskussion in der Linde dürfte zwar angesichts zuvor schon gefasster Meinungen keine Auswirkungen auf das Wahlverhalten der jungen Kirchheimer haben, war aber

ein interessanter Meinungsaustausch und zeigte, dass auch junge Leute beileibe nicht politikfern sind.