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Warum Männer in der Erziehung wichtig sind

Ernst Schrade von der schulpsychologischen Beratungsstelle Esslingen hielt im Bildungszentrum Wühle einen Vortrag zum Thema "Wie viel Vater braucht ihr Kind?". Zu dieser Veranstaltung hatte die Realschule Weilheim in Kooperation mit dem Förderverein der Realschule eingeladen.

RAINER STEPHAN

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WEILHEIM Realschulkonrektor Winfried Rindle begrüßte über 60 Gäste und stellte den Referenten Ernst Schrade vor. Der ausgebildete Hauptschullehrer, der Weilheim aus seiner aktiven Zeit als Lehrer kennt, arbeitet seit seiner beruflichen Umorientierung als Schulpsychologe mit Eltern, Schülern und in der Lehrerfortbildung. Daneben ist er als Supervisor in der freien Wirtschaft tätig.

Der Referent freute sich über den sehr hohen Männeranteil unter den Besuchern. Als Vater von mittlerweile drei erwachsenen Kindern könne er heute "aus dem Rückblick klug sprechen". In der Erziehungszeit jedoch, seien bei ihm Theorien sehr wohl in die Härteprobe gekommen. Ernst Schrade bezeichnete es als Ziel der Erziehung, Kindern und Jugendlichen eine große psychologische Stabilität mitzugeben, damit sie "klar kommen". Diesen Kindern und Jugendlichen ist zu Eigen, dass sie selbstbewusst und motiviert sind, Aufgaben in Angriff nehmen und bei Misserfolg Gleichmut zeigen. Im Gegensatz hierzu stehen die "Unsicheren", denen die Balance fehlt und ein abweichendes Verhalten an den Tag legen. Im Erwachsenenalter hätten diese große Probleme, da sie nicht "stressresistent" sind.

Wie wird das Erziehungsideal erreicht? Nach Ansicht des Fachmannes "durch Zuneigung und Zuwendung die Bindung zwischen Eltern und Kindern vertiefen". Verhindert werde dies oft durch emotionale Vernachlässigung. Diese habe viele Nuancen: Leise Formen des Ignorierens, Über- oder Unterforderung der Kinder, Missbrauchserfahrungen sowie "entwertende Erziehung".

Bei der Bindung des Kindes an die Eltern spiele das Maß der Fürsorge die entscheidende Rolle. Seit den 90er-Jahren treten wieder die Väter verstärkt ins Blickfeld der Erziehung. Viele der Verhaltensmuster seien bei ihnen gleich wie bei den Müttern. Diese seien bei der Bindung nicht mehr privilegiert, da gleiches auch für Tagesmütter und Väter gelten könne. Was ist nun das Besondere an den Vätern? Bei der Erziehung spiele neben der Bindung zum Kind die Polarität zwischen Mann und Frau eine große Rolle. Beides gehöre zusammen und bedinge sich gegenseitig. "Mütter spenden Trost, während Väter Anregungen geben." Die Muttersprache und die Vatersprache unterscheide sich. "Väter wählen weniger vertraute Wörter, Mütter zeigen mehr Verständnis", so Schrade.

Auch unterschiedliche Umgangsformen würden zu Tage treten. Während Mütter eher visuell agieren, neigen Väter zur Motorik und körperlichen Kontakten. Bei der Loslösung von der Familie wirken Väter als "Abschussrampe" und fordern die Neugier des Kindes heraus. Bei der Entwicklung der Geschlechteridentität gehen Väter mit den Töchtern sorgsamer, mit den Söhnen eher kämpferisch, herausfordernd um.

"Mamakendla", so Ernst Schrade, haben als Umkehrseite den nicht vorhandenen oder abgetauchten Vater. Die Polarität zeige sich vereinfacht in Mütter-Nähe und Väter-Distanz. In der Stress-Hirnforschung habe man festgestellt, dass sich bei Kindern mit hohen Belastungen biologische Narben bilden, wobei es nicht die einzelne, sondern die Vielzahl der Belastungen ausmache.

Zur Frage, was nun schützend für das Kind ist und worauf hingearbeitet werden sollte, stellte der Referent seine fünf Säulen der Erziehung vor. Hierbei betonte er, dass diese kein Patentrezept darstellen würden, sondern Punkte wären, über die man nachdenken müsse und die auch die Aufgaben der Väter in der praktischen Erziehungsarbeit beschreiben würden. Von Bedeutung seien "Emotionale Wärme", zwischen Kälte und Überhitzung; "Achtung und Res-pekt", zwischen Missachtung und Überbewertung; "Kooperation", zwischen "Kinder machen, was Eltern sagen" und "Eltern machen, was Kinder sagen"; "Struktur und Verbindlichkeit", zwischen Beliebigkeit und Rigidität und "Allseitige Förderung", zwischen Überforderung und mangelnder Förderung.

Der Schulpsychologe betonte darüber hinaus, dass auch eigene Vorlieben Kinder stark prägen würden. Zum Schluss hob er auf ein Regulativ ab und zitierte den Sozialpädagogen Janusz Korczak, der von Haus aus Kinderarzt und Schriftsteller war: "Menschen, die sich zutrauen, Kinder zu erziehen, sollten zuerst lernen, sich selber zu erziehen". Die aktuelle Bindungsforschung bringe erfreulicherweise die Väter wieder vermehrt ins Spiel, indem diese auf ihre Rollen und Aufgaben hingewiesen werden.

Bei der anschließenden Fragerunde betonte Schrade, dass Eltern nicht unbedingt immer an einem Strang ziehen müssen, da es im Leben nun mal unterschiedliche Ansichten gäbe. Dieser Sachverhalt müsse jedoch allen bewusst sein und offen diskutiert werden. Polarität ja, aber eine klare Richtung vorgeben dies fördere Kinder und trage zur Stabilisierung bei.