Lokales

Warum Schumi eigentlich geächtet gehört

"Es war richtig, ihn einzuladen", lobte Stadt- und Kreisrat Walter Aeugle am Ende des Neujahrsempfangs der Kirchheimer SPD die Auswahl des Gastreferenten. Hatte es doch bei Bekanntgabe des Programms auch kritische Nachfragen gegeben: Denn Sieghard Bender, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Esslingen und jahrzehntelanges SPD-Mitglied, war im Sommer 2004 aus der Partei ausgeschlossen worden.

PETER DIETRICH

Anzeige

KIRCHHEIM Geht es in Deutschland gerecht zu? Fragt man politische Mandatsträger aus Bund- und Landtagen, glauben das rund 60 Prozent. Fragt man quer durch die Bevölkerung, sind es nur 27 Prozent. Diese Zahlen, die Sieghard Bender aus einer aktuellen Bertelsmann-Untersuchung zitierte, zeigen für ihn die große Diskrepanz zwischen Politikern und Gesellschaft. Im Spitalkeller bot er den rund 60 Besuchern des SPD-Neujahrsempfangs einen Insiderblick in die Arbeitsmarktsituation, fragte nach Ursachen und Alternativen.

Anderthalb Jahrzehnte lang widmete sich Bender dem Aufbau der Gewerkschaftsarbeit in Chemnitz, wurde dort zur bekannten Persönlichkeit, wurde mehrmals zu Sabine Christiansen eingeladen. "Weil es Streit um den Aufbau Ost und den Umgang mit der NPD gab", begründete Bender beim Neujahrsempfang seinen Ausschluss durch den sächsischen Landesvorstand. Heute gehört Bender zur WASG-Linkspartei.

Es gehöre zur guten politischen Kultur, auch Mitglieder anderer Parteien und Parteilose einzuladen, betonte deshalb Ludwig Kirchner, Stellvertretender Vorsitzender der SPD Kirchheim, bei seiner Begrüßung. Man habe dies immer so gemacht und damit keine schlechten Erfahrungen. Er schätze an Bender seine unkonventionellen und innovativen Ideen, sein undogmatisches Herangehen an die Gewerkschaftsarbeit. Mit Trillerpfeifen und kämpferischen Tönen der Gewerkschaften habe er seine Schwierigkeiten, meinte Ludwig Kirchner, "aber das gehört wohl dazu wie das Feierliche zum Katholizismus".

Als Sieghard Bender nach 16 Jahren von Chemnitz nach Esslingen zurückkehrte, traf er geballt auf die Veränderungen: "27 Prozent der Produktionsarbeitsplätze waren weggefallen, bei den Ausbildungsplätzen sogar 36 Prozent." Die Angst vor Arbeitslosigkeit, so Benders Beobachtung, sei im Landkreis Esslingen größer als in Chemnitz, ebenso die Angst vor Hartz IV: "Die Leute hier haben mehr zu verlieren." Er vernehme noch immer eine Grundstimmung, wer arbeitslos sei, sei selbst schuld daran. "Du nicht" das müssten viel zu viele 17- bis 18-Jährige immer wieder hören, und dies "im besten Landkreis in der Republik".

Dass ein Kirchheimer Autohaus zum größten gewerblichen Ausbildungsbetrieb der Stadt werden könne, hätte vor 15 Jahren noch keiner geglaubt. Noch fänden im Landkreis durch die Alterszeit 500 Jugendliche im Jahr eine Stelle. Fiele die Altersteilzeit im Jahr 2009 tatsächlich weg und käme die Rente mit 67, sei für diese 500 sieben Jahre lang kein Bedarf: "Ich kenne Personalchefs, die deshalb ihre Ausbildungsplätze reduzieren wollen."

Bei der derzeitigen Massenarbeitslosigkeit sieht Bender auch Gewinner: "Die Wirtschaftsführer leben doch gut damit." Die Gewerkschaften hingegen hätten das Problem, für Solidarität zu sorgen, wenn gleichzeitig die Konkurrenz um Arbeitsplätze da sei. Die EU-Osterweiterung eröffne neue Möglichkeiten, Mitarbeiter gegeneinander auszuspielen. Dabei müssten "die Metabo-Mitarbeiter in Nürtingen die Verluste in China und Frankreich ausgleichen", genauso finanzierten die Gewinne von Eberspächer in Esslingen die Anlaufschwierigkeiten des Unternehmens in den USA.

Kritik an NiedriglöhnenNicht nur die Arbeitslosigkeit, auch die vielen ungesicherten Arbeitsverhältnisse sorgen Bender: "In der Industrie gibt es 600 000 Leiharbeiter wer kann von Tariflöhnen von 7,20 oder gar 6,70 Euro sein Leben bestreiten? Da braucht die Frau noch einen 400-Euro-Job bei Lidl." Bender stört die andauernde Legitimation des Handelns mit den Begriffen "Globalisierung" und "Demografie": "Das kommt mir inzwischen wie eine Religion vor." Die Diskussionen seien jedoch gut vorbereitet, durch die von den Arbeitgebern finanzierte "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM) und andere: "Die Folien bei einer Tagung von Bertelsmann sah ich kurz darauf bei Minister Clement wieder." Das Medienhaus nehme für sich in Anspruch, der wirtschaftspolitische Teil der EU-Verfassung sei von ihm verfasst worden.

Als Alternative warb Sieghard Bender für die "Grundidee eines sozialen Europas", das beispielsweise seine Steuersysteme vereinheitliche. Prominente Steuerflüchtlinge wie Michael Schumacher gehörten nicht auch noch geehrt: "In den USA wird so jemand öffentlich geächtet." Und warum werde eigentlich ein EU-Mitglied bei mehr als drei Prozent Inflation gestraft, aber nicht bei mehr als drei Prozent Arbeitslosigkeit? Sieghard Bender mahnte die SPD zu einer programmatischen Debatte. Jeder solle seinen eigenen Verstand gebrauchen und sich fragen, welche Interessen hinter politischen Meinungsäußerungen stünden. Die IG-Metaller im Landkreis wollten dabei weiterhin ein streitbarer Partner sein.