Lokales

Was Kafka in den Knochen steckt

Schauspieler Markus Gehrlein und Regisseur Thorsten Kreilos stellen Kafka im Klassenzimmertheater vor

Kirchheim. Kafkas Leben und Werk sind nur schwer voneinander zu trennen. Beides ist verstörend – oder

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Andreas Volz

wirkt zumindest so. Kafka zu verstehen ist schwer, ihn zu interpretieren auch. Den Schülern, die sich gestern in einem Klassenzimmer am Schlossgymnasium das Ein-Mann-Stück „Kafka – eine Collage“ angeschaut haben, gab der gespielte Kafka einen wichtigen Satz mit auf den Weg zum schriftlichen Abitur. Der wirkliche Kafka hatte an eine seiner Geliebten geschrieben: „Lass’ dich, wenn es nur irgendwie möglich ist auf dieser heillosen Welt, nicht abschrecken von mir.“

Das „THEATERmobileSPIELE“ aus Pforzheim ist spezialisiert auf Aufführungen im Klassenzimmer. Schauspieler Markus Gehrlein und Regisseur Thorsten Kreilos touren mit dem Kafka-Stück durch Schulen in ganz Baden-Württemberg – nicht zuletzt dank des Sternchenthemas „Der Prozess“. In der Kafka-Collage geht es allerdings nicht um den „Prozess“, sondern um den Menschen Franz Kafka, der zwischen Büroalltag, dem Leben als Schriftsteller und dem Leben als Beziehungsmensch zu unterscheiden hat. Deswegen schreibt er im Stück auch auf drei verschiedenen Papiersorten: Literatur auf weißem Papier, Briefe an Frauen auf rosarotem Papier und dienstliche Briefe auf braunem Packpapier.

Das lässt sich noch gut nachvollziehen. Aber schon am Anfang wird es kafkaesk: In das braune Papier packt Kafka Knochen. Was das soll? Das fragen sich manche bis zum Schluss. Später gibt der Regisseur Auskunft: Die Knochen sind sehr vielgestaltig. Zum einen stehen sie für die Knochenarbeit, zum anderen für den zent­ralen Begriff „Angst“, denn schließlich gehe die Angst ja sprichwörtlich „durch Mark und Bein“. Drittens stehen die Knochen für den Tod, auf den im Stück auch das furchtbare Husten Kafkas hindeutet, samt Schleimabsonderung in eine Konservendose. „Kehlkopftuberkulose“, sagt Thorsten Kreilos zur medizinischen Diagnose.

Es gibt aber noch eine andere Interpretation für die Wirbelsäulenknochen im Stück: Mit ihren aufgestellten Enden wirken sie wie mit Flügeln behaftet, als Brieftauben oder auch als Engel. Der Regisseur spricht von „Vexierbildern“ – Bildern also, die „umspringen“ können. Am bekanntesten ist das Bild, das je nach Betrachtungsweise eine junge oder eine alte Frau zeigt. So sei es auch mit den Knochen, wenn sie im Auge der Betrachter plötzlich Flügel bekommen. „Das ist typisch für Kafka: die Ambivalenzen, Paradoxa und Antinomien. Man muss das Labyrinthische einfach so aushalten.“ Dazu passt ein kleiner Regieeinfall am Rande: Markus Gehrlein hält als Kafka eine kleine Pappschachtel und lässt sie los. Statt aber dem Gesetz der Schwerkraft zu folgen, bleibt die Schachtel einfach an der Wand hängen.

Bei Kafka muss man eben jederzeit mit allem rechnen: Dass man sich plötzlich vor Gericht verantworten muss, aber nie den Grund dafür erfährt, oder auch damit, dass man eines Morgens als großer Käfer erwacht. Selbst wenn die Knochen im Stück als Engel erscheinen, ist es fraglich, ob Engel bei Kafka wirklich Engel sind. Die Collagen-Texte im Stück sind Briefen und Tagebucheinträgen entnommen, und in einem Brief heißt es: „Niemand singt so rein als die, welche in der tiefsten Hölle sind; was wir für den Gesang der Engel halten, ist ihr Gesang.“

Kafka selbst plagt sich mit einem Satz ab, den er irgendwo gelesen hat, aber nicht versteht: „Meine Geliebte ist eine Feuersäule, die über die Erde zieht. Jetzt hält sie mich umschlossen. Aber nicht die Umschlossenen führt sie, sondern die Sehenden.“ Die Geliebte ist die Feuersäule, die den Geliebten in die Freiheit führen soll, wie Jahwe die Israeliten im Alten Testament, erklärt der Regisseur im Nachgespräch. Aber Freiheit gibt es bei Kafka nicht, allenfalls für die Angst. Denn sie, die etymologisch mit der „Enge“ verwandt ist, ist bei Kafka „ausgedehnt auf alles“. Ansonsten ist im Stück aber alles eng: das Viereck, in dem der Schauspieler agiert, und das Dreieck, das den Blickwinkel der fernen Briefgeliebten darstellt – ob es Felice Bauer oder Milena Jesenská ist, bleibt ebenfalls in der Schwebe.

Kafka sucht „immerfort, etwas Nicht-Mitteilbares mitzuteilen, etwas Unerklärbares zu erklären, von etwas zu erzählen, was ich in den Knochen habe und was nur in diesen Knochen erlebt werden kann“. Außerhalb der Enge dieser Knochen ist Kafka vielleicht kaum richtig zu verstehen. Die Abiturienten müssen trotzdem versuchen, sich einen Reim darauf zu machen. Und doch wird so manchem der Eindruck bleiben, den einer am Schluss spontan von sich gab: „Großes Fragezeichen.“ Am Theater allerdings lag es nicht. Regisseur und Schauspieler haben Kafka kongenial wiedergegeben. Das Fragezeichen, das am Ende bleibt, ist Kafkas Fragezeichen.