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Was Kirchheim mit dem englischen Königshaus verbindet

"Oh Heilig's Blechle!" dass dieser schwäbische Ausdruck, der sowohl Erstaunen als auch Verärgerung ausdrücken kann, absolut nichts mit Autos zu tun hat, das erfuhren die Teilnehmer von der Stadtführerin Ruth Mößner bei ihrem Rundgang durch die Stadt.

UTE FREIER

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KIRCHHEIM "Oh Heilig's Blechle, wer kommt denn da?" So oder ähnlich, meinte Ruth Mößner, habe wohl mancher Kirchheimer reagiert, wenn im Mittelalter die armen Bewohner aus dem Spital zum Heiligen Geist an ihre Türe klopften und um Almosen baten. Einmal im Jahr hatten die Spitalbewohner die Erlaubnis zum Betteln, doch sie mussten, als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zum Spital, eine runde Blechplakette anstecken. War diese nicht deutlich sichtbar, drohte ihnen eine Strafe.

Das Spital, in dem nicht nur Arme beherbergt wurden, sondern in die sich auch ledige Töchter von Adligen einkaufen konnten, war im Mittelalter eine wichtige Einrichtung in der Stadt. Zum Spital, dessen Bereich sich bis zum Schloss erstreckte, gehörten weitere Gebäude wie Stallungen, Scheune, Backhaus, Waschhaus, Kapelle und Gärtnerei. Das heutige Spitalgebäude, in dem Ende des 17. Jahrhunderts das Rathaus, später eine Präparandenanstalt für angehende Lehrer untergebracht war und in dem heute die Volkshochschule ihre Kurse abhält, stammt aus dem Jahr 1692.

Auch das ursprüngliche Spital wurde im Jahr 1690 ein Opfer der Flammen beim großen Stadtbrand, der unweit des Spitalviertels in der Brandgasse ausbrach. "Es war ein heißer Sommertag und die Magd des Metzgermeisters Eisele musste Schmalz auslassen. Das Reisig, das sie zum Beheizen des Herds benötigte, legte sie direkt neben den Herd", erzählte Ruth Mößner am einstigen Brandherd, dem heutigen Kunsthöfle der Volksbank. Die Folge war ein Brand, der drei Tage lang innerhalb der Stadtmauern wütete, immer wieder angefacht durch den Wind. Menschen kamen dabei nicht zu Schaden, doch das gesamte Vieh starb, 257 Wohnhäuser und 114 Scheunen wurden in Schutt und Asche gelegt. Nur vier Gebäude hielten den Flammen stand, unter anderem das Max-Eyth-Haus, das deshalb eines der ältesten Häuser in der Innenstadt ist.

Im Jahr 1540 ließ Herzog Ulrich dieses Gebäude als Schule erbauen, als Ersatz für die vorherige Knabenschule, die hier bereits 1249 als erste Lateinschule Württembergs eingerichtet wurde. "Nur Knaben waren anfangs zugelassen. Wann durften wohl die ersten Mädchen in die Schule, was denken Sie?", wollte Ruth Mößner von ihren Zuhörern wissen. Die richtige Antwort darauf musste sie allerdings selbst geben: "1565 erlaubte Herzog Christoph, dass auch die jungen Töchterlein Kirchheims die Schule besuchen durften, aber in einem Nebengebäude, das heute verschwunden ist."

Die Namen württembergischer Herzöge tauchten im weiteren Verlauf des knapp zweistündigen Rundgangs immer wieder auf, vor allem der Name von Herzog Ulrich, der 1540 Kirchheim zur Festung erklärte und das Wasserschloss als Residenz erbauen ließ. Seit dem 17. Jahrhundert lebten in den 45 Zimmern des Schlosses die Witwen der Herzöge, unter anderem die langjährige Mätresse und spätere zweite Ehefrau von Herzog Carl Eugen, Franziska von Hohenheim, die am 1. Januar 1811 im Schloss verstarb. Dass sie im Chor der Martinskirche begraben ist, erfuhr Ruth Mößner durch den Autor und Historiker Dr. Gerhard Raff. "Hier liegt die Franzi drunter", wusste Raff, als er vor fünf Jahren in der Martinskirche einen Vortrag über die Witwen des Schlosses hielt. Heute erinnert eine Gedenkplatte an die wohltätige Herzogin.

Die letzte Witwe im Schloss war Herzogin Henriette. Im Alter von 17 Jahren heiratete sie Herzog Ludwig, den ältesten Bruder des württembergischen Königs, und hatte mit 24 Jahren bereits fünf Kinder geboren. Als ihr Mann 1857 starb, war sie erst 37 Jahre alt und trat nun als Wohltäterin in Erscheinung. Mehrere Einrichtungen gehen auf ihr Engagement zurück. Sie gründete beispielsweise das Wilhelmshospital, das Henriettenstift, eine Töchterschule und die Freiwillige Feuerwehr.

Über ihre fünf Kinder und ihre zahlreichen Enkel wurde sie durch Heirat mit den meisten Adelsfamilien Europas verbunden und gilt deshalb als "Urgroßmutter Europas". So entstand auch eine Beziehung nach England: Einer ihrer Enkel heiratete die englische Prinzessin Mary von Cambridge, die Urgroßmuter der heutigen englischen Königin Elizabeth II.

Als "Herzogin Henriette" in zeitgemäßem Kostüm begrüßt Ruth Mößner bei manchen Führungen ihre Zuhörer. Wer sie oder einen anderen Stadtführer begleiten möchte bei dieser oder einer der anderen Erlebnisführungen, die von der Kirchheim-Info im Rahmen der Zugehörigkeit zur Deutschen Fachwerkstraße angeboten werden, kann sich in der Kirchheim-Info im Max-Eyth-Haus über weitere Termine informieren.