Lokales

Waschtage mit Bottich, Kessel und Waschbrett

LENNINGEN Altes Gemäuer hat Charme. Am Bettelsteg zwischen Mühlbach und Lauter steht seit 1927 das Oberlenninger gemeindeeigene Waschhaus. Eine Entenfamilie schwimmt dicht an dessen Westseite

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ERIKA HILLEGAART

auf dem Kanal vorbei. Wildkräuter wuchern über die verschlossenen Fensterläden. Die Mauer an der Lauterseite bröckelt, das Dach ist vermoost. Die Türe zur Schleuse hin ist seit einem Schwabenalter zu und verschlossene Türen machen neugierig.

Ein Dorf verändert sich. Während im Backhaus die Ofen manchmal kaum auskühlen, ist das Waschhaus in Oberlenningens Dorfmitte am Marktplatz unterhalb des Schlössle bei der ehemaligen Gemeindewaage längst verschwunden. Auch das firmeneigene Waschhaus am oberen Kugelbergle, das nur die Waschfrauen der besseren "Scheufelen-Beamten" benutzen durften, gibt es längst nicht mehr. Nun steht das Bettelsteg-Waschhäusle auf dem Prüfstand. Noch bringt es als Lagerraum ein paar Euro in die Gemeindekasse. Was brächte der Abriss des 42 Quadratmeter großen Gebäudes in einem spitzwinklig zulaufenden Grundstück? Wie wären Renovierungskosten zu rechtfertigen? Gibt es eine sinnvolle Nutzung für diesen Bau an dem verschwiegen idyllischen Platz?

Die fleißigen WaschfrauenSolche Überlegungen und Fragen sind ein Anlass, über die Alltagsgeschichte, über die Tradition von Frauenarbeit zu berichten. Seit eh ist das Waschen der Kleidung "Weiberarbeit", Magdsdienst. "Schmutzige Männerhemden sind reine Frauenarbeit", witzelte ein Humorist. Auffällig wenig schreiben Chronisten in Heimatbüchern über diese Knochenarbeit, die einst bei jedem Wetter auch bei frostigen Temperaturen an Bächen und Brunnen von Frauen geleistet wurde. Keine Frau trauert jener Plackerei in alten Zeiten nach. Nur für Künstler waren Wäscherinnen allemal ein malerisch heimatliches Motiv, insbesondere an Brunnen. "Es soll kei frembde Wäsch im Flecken ob unserm Bronnen gewäschen werden" nicht nur Carl Spitzweg machte aus der harten Arbeit eine Idylle. Von Brauch und Sprichwort wissen die älteren, die alten Frauen, auch in Lenningen, aus Urahnes Zeiten zu berichten: "In dem Haus, des in der Karwoche eine Wäsch hat, muss man im selben Jahr drei Häut aufhängen" soll heißen: drei Stück Vieh verlieren.

Die 93-jährige Pauline Gollmer, 's Gollmers Päule, ist so eine Erzählerin. Ihre Erinnerung ist wach und lebendig. Das Waschhaus ganz in der Nähe in der Kugelgasse gelegen sei schon eine große Erleichterung für die Mutter gewesen. Früher habe man vor dem Haus gewaschen, das Wasser hergeschleppt. Im Haus sei kein Abfluss gewesen. Wie ihr elterliches Haus sind zahlreiche Wohnhäuser in den Zwanziger-Jahren ohne Kanalisationsanschluss gebaut worden. Vielen Leuten war die angesparte Bausumme in der Inflation entwertet worden, sodass die Eigenheime zwar solid, aber nur sehr einfach gebaut werden konnten. Eine Landwirtschaft hätten sie gehabt. Da hat es schon genug Schmutzwäsche gegeben. Den Waschtag musste man bei dem Pächter anmelden. Das Gemeindewaschhaus war mit je zwei Waschkesseln, Waschbänken und Standböcken ausgestattet gewesen. Die Zuber, Waschbretter und Bürsten musste jede Partei selber mitbringen.

Da haben die Frauen am Bottich nicht bloß geschrubbt, sondern auch miteinander geschwätzt. Eine Bäuerin soll einmal zu einer Fabrikarbeiterin gesagt haben: "Dei Wäsch isch ogwäscha schöner als meine gwäscha" die Schürzen haben halt nach der Stallarbeit anders ausgesehen als nach dem Papiersortieren. "Älle vier Wocha hot Mutter am Samstagabend oin Kessel agheizt, die Wäsch mit Soigsbrei eibürstet und so eingweicht bis Montag früh", so die Erinnerung. Nach dem Wäschekochen habe man geflößt, geschwenkt und herausgewunden, die Wäschestücke aufgeschlagen und geschüttelt. Bei den großen Stücken hätte sie der Mutter geholfen, so die Seniorin. Mit dem Leiterwagen habe man die Wäsche zum Trocknen in den Garten gebracht. Eine Wäschemangel habe zum Haushalt gehört. Im Krieg hatte man durch Auskochen von Knochen die Seife selbst gemacht. "Später hatten wir eine Wäschepress aus Zink und die Mutter hat Persil gekauft. Da war's nemme so mühevoll."

Bis weit in die Fünfziger-Jahre hatten die Frauen dort am Bettelsteg gewaschen, wissen andere zu berichten. "Meine Mutter war Kriegerwitwe und wir waren sechs Geschwister, da konnte sie keine Waschmaschine kaufen. Wir haben schon mithelfen müssen", ist zu hören.

Fortschrittliche NeubautenNach den Inflationsjahren bekam Oberlenningen durch zahlreiche Neubauten eine fortschrittliche Struktur. Neben den Stiftungsbauten der Turn- und Festhalle mit dem Freibad, dem Gemeindehaus in der Tobelstraße mit einer "Kleinkinderschule" und einem Hauswirtschafts-Unterrichtsraum durch die Firma Scheufelen, plante und baute die Gemeinde ein weiteres Waschhaus am Bettelsteg, ein Schlachthaus mit Kühlanlage, eine Brücke über den Tobelbach im Heerweg, eine weitere Mühlbachbrücke und eine Tieferlegung der Lauterbrücke nach der Hofstraße aus statischen Gründen. Zahlreiche Hausanschlüsse an die Gemeindewasserleitung wurden ermöglicht; Kredite für Wohnhäuser bis zu 4500 Goldmark vergeben.

Das neue Waschhaus sollte 2500 Mark kosten, schlug aber "fix und fertig mit inbegriffenen Geräten" mit 3800 Mark zu Buche. Die Maurermeister Maier und Steudle bauten es in zwei Monaten nach Plänen von Hermann Gassner, genehmigt vom Schultheißenamt Oberlenningen, auf einen Teil von Parzelle Nr. 267/1. Oberlehrer Hanssum hatte auf einen Zipfel seines Gemüsegartens verzichtet. In den Gemeindearchivalien lassen sich die Regelungen für das Waschhaus nachlesen: "Der Pächter hat für die Erfüllung seiner Verbindlichkeiten einen tüchtigen Bürgen und Selbstschuldner zu stellen. Das Waschhaus darf von der gleichen Haushaltung nicht in kürzeren Zeiträumen wie vier Wochen benutzt werden. Der Pächter ist berechtigt, von jeder Wäsche bis zur Dauer von 24 Stunden je 10 Reichspfennige von den Benutzern zu erheben. Das Waschhaus darf an den gleichen Benutzer nicht allein überlassen werden, sofern weitere Personen waschen wollen. Der Pächter ist verpflichtet, bei Benutzung auf tadellose Ordnung zu halten. Das Waschhaus, die Fenster, Fußboden, Tische und insbesondere Gerätschaften sind stets tadellos rein zu halten. Zuwiderhandlungen können vom Gemeinderat mit einer Vertragsstrafe bis zu 10 Mark für jeden einzelnen Fall bestraft werden."

In den Annalen von 1926/27 finden sich auch aufschlussreiche Vergleichszahlen. Fuhr- und Taglöhne betrugen 1 bis 1,60 Mark. Pro Kind mussten die Familien in der Kleinkinderschule 50 Pfennige im Monat bezahlen. 20 Mark erhielt die Kleinkinderschwester aus Großheppach, Mathilde Häfner, um die Kinder am Osterfest zu beschenken. Eine Witwe bekam einmalig zur Weihnachtszeit 10 Mark, damit sie ihre schwerkranke Tochter in einem Sanatorium besuchen konnte. Der Totengräber schaufelte für 60 Mark im Jahr. Und kaum zu glauben, dass dies ein Gemeinderatsbeschluss von 1927 war es wurde dem Feldschützen auf sein Anfragen die von ihm während seines Dienstes getragene Mütze überlassen. Polizisten hießen noch Polizeidiener und der Dienst des Nachtwächters Hermann Fuchs endete um 12 Uhr nachts außer bei genehmigungspflichtigen Veranstaltungen bis Schließung der Wirtschaften.

35 Jahre lang rauchte der Schornstein auf dem Waschhaus am Bettelsteg. Noch 1956 wurden beide Gemeindewaschhäuser neu verpachtet, das Bettelsteghaus an Marie Feller für 5 Mark bei "Erhebung einer Benützungsgebühr von 10 Pfennigen pro Kessel". Doch am 7. Februar 1962 entschied der Gemeinderat über die sofortige Schließung des Waschhauses, das nur noch von einem Haushalt genutzt wurde. Die modernen Waschmaschinen in jedem Haus ließen das alte Kinderlied "Zeigt her eure Füße, zeigt her, eure Schuh und sehet den fleißigen Waschfrauen zu" zur nostalgischen Erinnerung werden. Keine Kinderhand muss mehr helfen beim Wringen, Ziehen und die Wäschemangel drehen. Die Großeltern gehen mit den Enkeln ins Beurener Freilichtmuseum zum "Waschtag damals", einer Märchenstunde pur.

Brauchen die Oberlenninger ihr Waschhäusle im Dornröschenschlaf beim Lautergeplätscher eingentlich noch? Es ist noch nicht denkmalgeschützt. Wen stört es am Bettelsteg? Kreative Überlegungen von verschiedener Seite lohnen. Abgerissen ist es schnell. In Frankreich beispielsweise sind die "lavoirs" in vielen Dörfern restauriert und offen für Besucher.