Lokales

"Wasser kennt keine Gemarkungsgrenzen"

Die Schäden des Sommer-Hochwassers von 2002 sind beseitigt. Doch der Schrecken sitzt immer noch tief. "Land unter" hieß es damals in Teilen der Stadt. Jetzt liegt eine Hochwasserschutz-Studie für Kirchheim und Umgebung vor. Klar ist schon mal, dass effektiver Schutz teuer wird.

IRENE STRIFLER

Anzeige

KIRCHHEIM Leben ohne Schutz kann auch teuer werden: Über 710 000 Euro kostete die Stadt die Beseitigung der Schäden, die das Hochwasser von 2002 angerichtet hat. Außer Geld war auch Zeit vonnöten. Bis 2005 dauerte es, bis alle Arbeiten abgeschlossen waren. Jahre, die nicht nur zum Bauen genutzt wurden, sondern auch zum Rechnen. Mannigfache Zahlen wurden in der Studie zum Hochwasserschutz verarbeitet, in die zudem "neueste Erkenntnisse eingeflossen sind", wie Bürgermeister Günter Riemer den Technischen Ausschuss informierte. Das sind auch Faktoren, die in Zukunft zu weiteren Verschlechterungen führen können, etwa Neubaumaßnahmen oder der Klimawandel.

Wichtiger noch als die Ausrichtung auf aktuelle Erkenntnisse scheint die Ausdehnung des Untersuchungsgebietes: "Eine umfassende Herangehensweise, die weit über den Jauchertbach und die Gießnau hinausgeht, war erforderlich, denn Wasser kennt keine Gemarkungsgrenzen.", betonte Riemer. So wurde das Areal auf Lauter und Lindach ausgedehnt, und Dr. Hans Göppert vom Büro Wald und Corbe nahm rund 990 Quadratkilometer unter die Lupe. Auch die im Einzugsgebiet liegenden Gemeinden wurden ins Boot genommen. Ohmden und Lenningen beauftragten ihrerseits dasselbe Büro, andere Gemeinden lieferten Daten.

Nach Vorgabe des Landes sollen Siedlungen mindestens einen Schutzgrad erhalten, der der 50- bis 100-jährlichen Wiederkehr eines Hochwassers entspricht, Städte sogar über 100-jährlichen Schutz (siehe "Definition"). "Problemkind" ist in Kirchheim der Jauchertbach. "Er ist nicht mal den Anforderungen an 10-jährlichen Hochwasserschutz gewachsen", stellte Göppert klar. Über lokale Schutzmaßnahmen sei hier, vor allem wegen der baulichen Situation, keine nennenswerte Verbesserung möglich.

Ganz anders als am Jauchertbach sieht's an der Gießnau aus. Sie entspricht überwiegend den 100-jährlichen Schutzkriterien und weist lediglich einzelne kritische Punkte auf, auf Kirchheimer Terrain vor allem im Gewerbegebiet Bohnau. Im Naberner Bereich ist die Lage etwas schlechter. Hier gibt es zwei Knackpunkte, deren Entschärfung nach Meinung des Fachmanns in absehbarer Zeit ansteht. Das Ergebnis der Untersuchungen legt kleinere bauliche Maßnahmen für Gießnau und Jauchertbach nahe. Den Aufwand für Wallanlagen zum Objektschutz in Nabern schätzte Göppert auf maximal 140 000 Euro.

Für eine entscheidende Entschärfung der Situation am Jauchertbach gibt es nach Meinung der Fachleute nur eine einzige realistische Möglichkeit: Ein Rückhaltebecken südlich der Autobahn, hinter der Straßenbaumeisterei. Dort sollten sich etwa 114 000 Kubikmeter Wasser stauen können, natürlich nur im Notfall. Die meiste Zeit sind derartige Becken nämlich grün, in Teilbereichen können sie sogar genutzt werden. Die Baumaßnahme würde weithin ausstrahlen: Wenn der Jauchertbach im Hochwasserfall durch das Retentionsbecken entlastet werden könnte, ergäbe sich daraus auch eine Entspannung für die Gießnau.

Technisch stellt ein solches Becken kein Hexenwerk dar. Die Probleme, die eine solche Anlage mit sich bringt, sind dennoch vielfältig: "Wir haben hier ein einfaches Bauwerk, aber eine ausgesprochen schwierige Planung", fasste Martin Zimmert, Leiter des Geschäftskreises Hoch- und Tiefbau, zusammen. Zum ersten handelt es sich um kleinparzellig genutzte landwirtschaftliche Flächen mit vielen Grundstückseigentümern. Zum zweiten liegt das Areal nicht auf Kirchheimer, sondern auf Dettinger Gemarkung. Zum dritten geht das Vorhaben ins Geld. Mit 1,2 Millionen Euro schätzte das Ingenieurbüro die anfallenden Kosten, wobei die Höhe der Landeszuschüsse zwischen 20 und 70 Prozent schwanken kann.

Was die Stadträte besonders beschäftigte, war die Kooperation mit Dettingen. Zimmert wies darauf hin, dass bereits erste Gespräche mit dem Arbeitskreis Biotop und Naturschutz der Nachbargemeinde stattgefunden hätten. Zweifellos stehe bis zum Planfeststellungsverfahren ein langer Prozess der Abstimmung im Spannungsfeld von Naturschutz, Ökologie, Gemarkungsproblematik und Zuschüssen bevor, in dessen Verlauf einzelne Standpunkte abgeklopft werden müssten. Planerisch berücksichtigt werden muss auch die langfristige Gewerbeentwicklung und die angestrebte Zufahrt zur Bohnau.

Der Technische Ausschuss hat nun der Beauftragung des Ingenieurbüros Wald und Corbe mit der Vorentwurfsplanung von Retentionsbecken südlich der A 8 zugestimmt. Die Situation des Gießnaubachs in Nabern wird separat behandelt. Auch dort wird es eine Vorstellung der Studie im Ortschaftsrat geben.

DEFINITIONHochwasser werden entsprechend ihrer "Jährlichkeit" eingeteilt. Gemeint ist das statistische Wiederkehrsintervall. Das bedeutet, dass ein 50-jährliches Hochwasserereignis rein statistisch gesehen alle 50 Jahre wiederkommt oder eben zwanzig Mal in 1000 Jahren. Vielleicht sogar mehrmals in einem einzigen Jahr.