Lokales

Wechselwirkungen zwischen den Werken

Objekte stehen den Bildern in Susanne Immers Kornhaus-Ausstellung als eigenständige Ausdrucksform gegenüber und führen mit ihnen einen permanenten Dialog

Kirchheim. Von einer Kunstausstellung, die Anspruch auf Gegenwärtigkeit und substanzielle Durchdringung erhebt, kann mehr erwartet

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Florian Stegmaier

werden als nur eine ästhetisch ansprechende Präsentation vereinzelter Werke. Eine weitaus höhere Qualität stellt das Bestreben dar, einen organischen und werkübergreifenden Zusammenhang erlebbar zu machen, der den Betrachter wie auch den Galerieraum in künstlerische Prozesse aktiv einbezieht. Eine Qualität, die in der aktuellen Ausstellung mit Objekten von Susanne Immer in der Städtischen Galerie im Kornhaus als hervorstechendes Merkmal sichtbar wird. So können die Ausstellungsbesucher selbst entscheiden, von welcher Position aus sie den Einstieg in die Wechselwirkungen und Kraftflüsse zwischen den Werken wagen möchten. Schnell stellen sie fest, dass es neben der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Raum und Bildraum vor allem der Umgang mit energetischen Zuständen ist, der die in Reutlingen lebende Meisterschülerin von Ben Willikens und Christiane Möbus interessiert.

Dass in diesem Jahr Susanne Immers ohnehin beachtliche Reihe von Auszeichnungen um den ersten Preis zum Thema „Energie“ des Forums Kunst-Kultur-Technik der Stadt Düsseldorf erweitert wurde, scheint da nur konsequent. Immers Bilder leben vom linearen Duktus. Er sorgt für Dynamik und Verdichtung, Begrenzung und Öffnung, weckt Anklänge an Gebautes, an tragende Konstrukte. Bildwelten, in denen der wache Blick der Betrachter entlangwandern, Analogien zur Architektur des Galerieraums entdecken und dabei unversehens die vom Exponat vorgegebenen Bildgrenzen in einen imaginären Bildraum hinein erweitern kann.

Als visualisierte Ausschnitte aus einem größeren, unbegrenzten Gefüge weisen die Bilder weit über sich hinaus, ohne dabei ihre Autonomie zu verlieren. Diese von den Rezipienten zu vollziehende Erweiterung des Bildraums ist nicht auf formale Aspekte beschränkt. Qualitative Momente wie Dichte und Transparenz, Zartheit und Härte, Schwere und Leichtes, Nähe und Ferne, sind ebenfalls fortführbar und bilden eine Brücke zu den ausgestellten Objekten.

Die Objekte stehen den Bildern als eigenständige Ausdrucksform gegenüber und führen mit ihnen in gegenseitiger Anregung einen permanenten Dialog. Neben Holz und Edelstahl begegnen sich hier diverse Kunststoffe, denen jedoch nichts Steriles anhaftet. Ihre Materialien wählt Susanne Immer stets danach aus, was ein spezifisches Material kann, nicht was es bedeutet oder wie es sich funktional bestimmen lässt.

Die Objektgruppe der „kleinen Spindeln“ verdankt einer Kunststoffumwicklung den Eindruck, dass die in ihnen zur Form gewordene Rotation je nach Lichteinfall tatsächlich im Gange ist, obwohl die Arbeiten äußerlich ruhen. Die dichte, leicht durchscheinende Umwicklung verleiht den Objekten ein sensibles, fein abgestuftes Kolorit, das – mit anderen Mitteln umgesetzt – wiederum in Susanne Immers Bildern anzutreffen ist.

Auch die 17-teilige Wandinstallation mit dem Titel „Navigation“, in der die Künstlerin hohes energetisches Potenzial mit äußerst reduziertem Materialeinsatz realisiert, macht klar, dass von den Arbeiten die Aufforderung ausgeht, sie sich in bewegten Prozessen vorzustellen.

Durch ihre spezielle Form- und Farbgebung angeregt, können die Betrachter die Werke innerlich bewusst ergreifen, sie imaginativ in Dynamik versetzen und so ihr immanentes Potenzial, ihre schlummernde Kraft freisetzen und unmittelbar erleben. Das eigene Wahrnehmen und Denken wird so zu den eigentlichen Orten der Kunst.

Bis einschließlich Sonntag, 18. Juli, ist die Ausstellung „Susanne Immer – Objekte/Bilder“ im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen. Zur Finissage besteht von 14 bis 17 Uhr Gelegenheit zum Künstlergespräch.