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Wegen Aids gibt es "nur noch ganz Alte und ganz Junge"

OWEN Dass die "richtige" Kleidung ein entscheidendes Statussymbol für Kinder und Jugendliche darstellt, ist weltweit verbreitet und daher so ungewöhnlich nicht. Bei der

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ANDREAS VOLZ

Frage jedoch, was denn eigentlich "richtige" Kleidung ausmacht, unterscheiden sich die Kinder dieser Welt deutlich voneinander. So berichtet der Owener Roland Fischer aus seiner neuen Wahlheimat Sambia: "Kleidung, die nicht zerfetzt ist, gilt als Statussymbol." In der Regel trügen die Kinder drei T-Shirts übereinander nicht weil es im südlichen Afrika besonders kalt wäre, sondern weil sie dadurch die Chance haben, dass an jeder Stelle zumindest eines der T-Shirts die Löcher der beiden anderen überdeckt.

Es gibt aber noch ein weitaus wichtigeres Statussymbol für die Kinder der 30 000-Einwohner-Stadt Choma in der sambischen Südprovinz: Essen. "Regelmäßige Nahrung, drei Mal am Tag das können die Kinder kaum fassen, wenn sie zu uns kommen", sagt Roland Fischer. Außerdem müssen sie sich erst einmal daran gewöhnen, dass es auch am folgenden Tag dieselben Rationen gibt: "Sie kommen mit Fehlernährungen und futtern anfangs, was in sie reingeht." Die Hauptnahrung ist Nshima ein Maisbrei. Wenn die Kinder im Waisenheim "Children's Nest", das Fischers Frau Inge leitet, aus dem Vollen schöpfen können, dann schaufeln sie sich in der ersten Zeit am liebsten mehr davon in die Schüsseln, als diese fassen können.

Das größte Problem, mit dem die Menschen im Süden Afrikas zu kämpfen haben, heißt Aids. Die Krankheit sorgt dafür, dass es immer mehr Waisenkinder gibt, die häufig selbst bereits HIV-infiziert sind. Mit leiser Stimme erzählt Roland Fischer, der zurzeit seine Familie im Lenninger Tal besucht, von Joshua: "Mit vier Wochen kam das Kind letztes Jahr zu uns. Seine Mutter ist zwei Tage später gestorben. Er selbst ist viereinhalb Monate alt geworden." In seinem kurzen Leben hatte er unter anderem mit einer Lungenentzündung und mit Malaria zu kämpfen. Da er das HI-Virus in sich trug, dürfte er wohl an Aids gestorben sein. Für seinen Bericht über den Todesfall hat der zuständige Polizist aber eine Ursache gewählt, die sich in der Gesundheitsstatistik besser ausnimmt: "Wir schreiben Malaria", hat er Roland Fischer zufolge gesagt.

Joshua ist kein Einzelfall: "Bei uns klopfen jeden Tag Leute und fragen, ob wir eines der Kinder aufnehmen. Allein in Choma hätten wir 500 Waisenkinder zu versorgen." Durchschnittlich sterben in dieser Stadt jeden Tag zehn Erwachsene und sechs Kinder. Roland Fischer beschreibt das demografische Problem im christlich geprägten Sambia: "Die gesamte Altersschicht zwischen 25 und 40 ist so gut wie nicht mehr da. Es gibt nur noch ganz Alte und ganz Junge. In den vergangenen zehn Jahren ist die Lebenserwartung von 53 Jahren auf 35 zurückgegangen."

Viele der Aids-Waisen sterben in den ersten fünf Lebensjahren. Für die anderen sind die Zukunftsaussichten aber nicht gerade besser: "Sie enden als Straßenhändler, Bettler, Gelegenheitsdiebe oder in der Prostitution." Die Mädchen verkaufen ihren Körper häufig schon mit zwölf Jahren. Bevor sie sich dadurch infizieren und dann ihrerseits an Aids sterben, haben sie noch eine Lebenserwartung von zwei bis drei Jahren. In dieser Zeit gebären sie aber noch Kinder, die dann demselben Schicksal ausgesetzt sind. Der unheimliche Kreislauf wiederholt sich.

Roland und Inge Fischer sehen für sich den "christlichen und menschlichen Auftrag zur Hilfe". Der IT-Fachmann und die gelernte Erzieherin wollten "schon immer so was machen". Also nutzten sie vor vier Jahren die Chance, als die Kinder mit der Ausbildung fertig waren, und zogen von Owen nach Choma auf halber Strecke zwischen der sambischen Hauptstadt Lusaka und Livingstone, der Stadt an den Victoriafällen. Roland Fischer hat eine Stelle als Entwicklungshelfer beim Deutschen Entwicklungsdienst (DED). Sein Vertrag läuft noch anderthalb Jahre und kann danach für weitere zwei Jahre verlängert werden. Anschließend hoffen die Eheleute, dass ihre private Organisation "Children's Nest" soweit aufgebaut ist, dass sie sich von alleine trägt.

"Die Kinder haben einen Anspruch auf Wohnung, Kleidung, Bildung und medizinische Versorgung", sagt Roland Fischer. Im "Nest" bekommen sie diesen Anspruch eingelöst und sollen darüber hinaus "mehr als aufgehoben" sein. Sie helfen in der Landwirtschaft und erhalten so einen Bezug zur Nahrung, die sie essen, und zur Arbeit, die sie später einmal ausüben sollen. Das Heim ist auf 20 Kinder ausgelegt. Momentan sind dort acht in Vollzeit- und vier in Tagespflege untergebracht.

Roland Fischer zur Auswahl, für die ein "Team von Afrikanern" zuständig ist: "Wir nehmen ausschließlich Vollwaisen, HIV-Infizierte oder Halbwaisen, deren verbliebener Elternteil wegen der Krankheit nicht mehr in der Lage ist, die Kinder zu versorgen." Im "Nest" bleiben die Schützlinge, bis sie eine Berufsausbildung abgeschlossen haben und auf eigenen Füßen durchs Leben gehen können, ohne als billige Arbeitskräfte missbraucht zu werden.

INFOZur Nichtregierungsorganisation "Children's Nest" in Sambia gehört ein gleichnamiger Verein in Deutschland, der 2005 in Owen gegründet wurde. Wer die Patenschaft für ein Kind übernehmen, für den geplanten Hausbau spenden oder einfach nur Näheres über den Verein erfahren möchte, kann sich unter der Telefonnummer 0 70 26 / 37 14 43 an die Zweite Vorsitzende Kerstin Fischer wenden. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.childrens-nest.org; E-Mails an die Adresse inge-fischer@gmx.de werden von Sambia aus beantwortet.