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Weihnachten im Westen Kanadas ist bunt. ...

Weihnachten im Westen Kanadas ist bunt. Überall leuchten und zieren Lichterketten Fassaden und Häuser. Bereits Ende November stellen die ersten Familien ihren künstlichen Weihnachtsbaum auf, der im Keller unter einer Plastikfolie auf das nächste Jahr wartete. Bereits neun Mal hat die fünfköpfige Familie Engel nun bereits Weihnachten im 8 000 Kilometer entfernten Penticton mitfeiern können: Einem Kindheitstraum folgend sind Anette und Jörg Engel mit ihren drei Kindern Sascha, Anika und Meike in den Westen Kanadas ausgewandert. Die weite Natur des Landes, die Wälder und Seen von Britisch-Kolumbien und die entspannte, gelassene Mentalität der Einheimischen ließen sie nach ihrer ersten Reise nicht mehr los. In Lindorf hatten sie zuvor 14 Jahre lang eine Schreinerei gegenüber der Feuerwehr betrieben.

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Weinberge im Westen

„Wir kamen direkt nach Penticton im Okanagantal, denn wir hatten in früheren Reisen diesen Ort für uns ausgesucht. Es leben hier wie in Kirchheim etwa 38 000 Einwohner mit mehreren Orten im näheren Einzugsgebiet. Die Infrastruktur ist sehr familienfreundlich. Dazu zählen die Schulen, eine lebhafte Innenstadt und ein tolles Skigebiet namens Apex, nur 30 Autominuten entfernt“, erzählt Jörg Engel. Badestrände mit kristallklarem Wasser und große Wandergebiete locken im Sommer Touristen in die Gegend, sonnenverwöhnte Obstplantagen, ja sogar Weinberge gehören zum Landschaftsbild. Auch größere Tiere wie Elch, Schwarzbär, Puma und Luchs sind in den Wäldern heimisch. Das Tal wird auch als Tessin Kanadas bezeichnet. Auf einer Fläche von 20 829 Quadratkilometern leben etwa 300 000 Menschen. Die Bevölkerungsdichte von 14 Einwohnern je Quadratkilometer ist für das Binnenland der Provinz weit überdurchschnittlich. Nur zum Vergleich: In Baden-Württemberg leben auf einer Fläche von 35 751 Quadratkilometern rund 10,75 Millio nen Menschen. Das entspricht mit 301 Einwohnern pro Quadratkilometer dem 21-fachen der Bevölkerungsdichte rund um das Okanagantal. Für die Region prägend sind die Seen, welche einen weiten Teil des Tals einnehmen. Das Klima ist außergewöhnlich warm und trocken, im Sommer sind Temperaturen von über 30 Grad üblich. Auch die Wintertemperaturen sind für kanadische Verhältnisse relativ moderat, der Okanagan und Skaha Lake frieren in normalen Jahren nicht komplett zu.

Paraden und Weihnachtsschmuck

Und Weihnachtliches kündigt sich früh an: „Wenn man abends durch die Straßen flaniert, fallen einem schon Ende November zahlreiche Lichterketten an den Dächern, beleuchtete Rehe, Rentiere, Weihnachtsmänner, Candycane und Schneemänner in den Vorgärten auf“, erzählt Anette Engel. „Manche haben auch eine Krippe mit der Heiligen Familie aufgebaut, doch das ist eher selten. Einige Kirchen zeigen eine Ausstellung mit Krippen – sogar mit echten Tieren, Maria und Josef“, erzählt Anette Engel. In ihrer neuen Heimatstadt Penticton feiert man am Samstag vor dem 1. Advent eine „Santa Claus Parade“, bei der Gruppen, Vereine und Betriebe aus dem Ort einen Beitrag zur Parade bringen, der dann auch prämiert wird. Auch Familie Engel war dieses Jahr wieder mit den Pfadfindern aktiv dabei. Im Nachbarort Summerland steigt dagegen der „Christmas Lightup“, bei dem Vereine und Geschäfte aus der Innenstadt ihre Backwaren, Würstchen, Getränke und Basteleien anbieten, begleitet von Livemusik. Um 18 Uhr werden dann ganz feierlich die Weihnachtslichter angemacht.

Rudolf – das Rentier

Eine Adventszeit mit dem Nikolaus wie in Deutschland gibt es in Kanada dagegen nicht. Anders bei den Engels: „Wir feiern noch wie früher. Wir haben unseren selbst gebastelten Adventskranz auf dem Tisch und feiern die Adventszeit mit Gebäck und Kerzen. Durch die Musikschule nehmen wir auch an Weihnachtskonzerten teil“, so Anette Engel. Lichterketten zieren das Hausdach der Engels, auch die Fenster sind weihnachtlich geschmückt. Ganz wichtig für die Kinder ist Rudolf, das Rentier mit der roten Nase. „Er war zu klein um den Schlitten zu ziehen, deshalb wurde er von den anderen Rentieren verspottet. Bis dann einer darauf kam, dass Rudolfs rote Nase als Laterne den Weg beleuchten könnte“, erzählt Anette Engel. „Natürlich leben hier auch viele Leute aus Ländern, die eigentlich keine Weihnachten feiern. Doch fast alle stellen ihren Weihnachtsbaum auf mit Geschenken für die Kinder. Dabei ist der Anteil der Bevölkerung, die deutsch spricht oder von deutschsprachigen Eltern abstammt, mit etwa 20 Prozent recht hoch“, erzählt Engel.

Weihnachtsbaum aus dem Wald

„Die große deutschsprachige Gemeinde war und ist für unsere Schreinerei als potenzielle Kundschaft von Bedeutung. Wir bauten hier unsere Schreinerei mit den mitgebrachten Maschinen wieder auf und gingen im Februar 2002 wieder in Produktion“, so Jörg Engel. Anfangs hatte man viele schwere Hürden zu nehmen: die Bürokratie kann auch in Kanada kompliziert sein. „Eine in Deutschland als sicher geltende Maschine wird hier nicht automatisch zugelassen. Außerdem mussten wir ja erst das Vertrauen der Kunden gewinnen, uns einen guten Ruf erarbeiten und zeigen, was unsere Schreinerei leisten kann“, sagt der Firmenchef. Die ersten drei Jahre waren sehr hart. „Inzwischen kennt man uns, weiß die deutsche Qualität zu schätzen und ist auch bereit, sie zu bezahlen“. Die Engels bauen Küchen und Badezimmereinrichtungen für Privathäuser ebenso wie Möbel für Büros, Praxen, Autohäuser, Schulen oder Weingüter. „Daneben haben wir als zweites Standbein eine Schnapsbrennerei aufgebaut, fast zeitgleich mit der ersten in Britisch Kolumbien. Wir stellen Schnäpse und Liköre aus heimischem Obst sowie Grappa her“, erzählt Anette Engel. Viele Weingüter beliefern sie mit ihren Produktionsabfällen, die sie dann destillieren. Der gewonnene Alkohol kann den Weinen zugesetzt werden. Da­raus entsteht dann Portwein. „Mit diesem Betrieb sind wir Vorreiter in West-Kanada“, erzählen die Auswanderer nicht ohne Stolz.

In der Woche vor Heiligabend fahren die Engels mit ihren Truck in die Berge und holen sich einen frischen Weihnachtsbaum aus dem Wald. „Der ist meistens recht dünn, denn hier wachsen nur Bäume, die mit der Trockenheit im Sommer zurechtkommen.“ Die Douglasien sind meistens recht durchsichtig, was den Kanadiern nicht gefällt. Sie bevorzugen deshalb künstliche Weihnachtsbäume. „Unser Baum kommt ins Wohnzimmer mit Lichterketten, Strohsternen und alten Figuren, die wir aus Deutschland mitgebracht haben“.

Truthahn zu Weihnachten

Hier feiern die meisten Menschen den 1. Weihnachtsfeiertag. An Heiligabend kommt bei den Kanadiern der Weihnachtsmann in der Nacht durch den Kamin und bringt den Kindern Geschenke. Er steckt sie in einen Strumpf, der am Kamin hängt. Die Kinder stellen für ihn einen Teller mit Keksen und ein Glas Milch neben den Kamin, damit sich der Weihnachtsmann stärken kann. Schon in der Adventszeit haben die Familien ihre Geschenke unter den Baum gelegt. Am 25. Dezember stehen dann die Kinder früh auf und dürfen endlich ihre Geschenke aufmachen. Am Nachmittag gibt es Besuch von Verwandten und viel zu essen, meistens einen Truthahnbraten mit Gemüse, Kartoffelbrei und allerlei traditionellen Gerichten aus den jeweiligen Ländern, aus denen sie oder ihre Vorfahren stammen. Am 26. Dezember scheint für viele Familien ein sehr wichtiger Feiertag zu sein: Der sogenannte „Boxing Day“. Das ist der Tag, an dem alles in den Geschäften wieder eingepackt wird fürs nächste Jahr, der Kunde in die Geschäfte geht und seine Geschenke umtauscht oder auf Schnäpchenjagd geht: Denn für den Weihnachtsschmuck gibt es reichlich Rabatt. „Die Läden sind proppenvoll und alle kaufen sich etwas von dem geschenkten Geld. Im Gegensatz zu der Mehrheit bleiben wir am Boxing Day zu Hause und telefonieren mit Verwandten und Freunden in Deutschland“, sagt Engel.

Ruhige Zeit nach Weihnachten

Die Zeit bis zu den Heiligen drei Königen ist eine ruhige Zeit, ohne viele Aktivitäten. „Der Feiertag am 6. Januar ist hier unbekannt. Die Kinder haben Ferien und manche fahren in den Süden nach Mexiko, andere gehen Ski oder Snowmobil fahren oder Eisfischen. Manche Familien haben eine Wohnung oder Hütte in den Bergen und ziehen sich dorthin zurück.“ Der Himmel ist strahlend blau, der Schnee liegt wie Puderzucker auf der Landschaft. Im Skigebiet auf 1 600 Meter Höhe liegt fast ein Meter Schnee „Hier im Ort auf 345 Meter Meereshöhe gefriert jetzt das Wasser am Ufer der Seen. Letztes Jahr blieb der Schnee von November bis Ende März liegen. Hier gibt es übrigens keinen Schneematsch und keine nasse Kälte“, erklärt Jörg Engel das lokale Klima. Es ist zu kalt und der Schnee verdunstet ohne aufzutauen in der trockenen Luft – anders als in Lindorf. „Damals waren an Weihnachten unsere Familien in der Nähe, wir hatten Besuch von den Großeltern, Geschwistern oder besuchten sie. Das fehlt uns natürlich. In den ersten Jahren vermisste ich die vorweihnachtlichen Bastelabende im Kindergarten, das Adventskranzbasteln mit Freundinnen, den Weihnachtsbesuch beim Nachbarn oder den Kinobesuch mit dem Lindorfer Frauenkreis“, erzählt Anette Engel. Auch dieses Jahr hat sie wieder ihre „Bredla“ gebacken und bei gemeinsamen Abenden mit Freunden angeboten. Doch Lebkuchen und andere aus Deutschland importierte Leckereien kann man inzwischen auch in Penticton kaufen.

Heißer Draht in die Heimat

„Wir telefonieren an Weihnachten viel mit den Verwandten in Deutschland, was zum Glück nicht teuer ist. Auch freuen wir uns über Neuigkeiten per E-Mail mit Fotos und Geschichten“, sagt Anette Engel. „Ich glaube, wir sind ziemlich deutsch geblieben, was Weihnachten angeht. Dennoch genießen wir die Straßenbeleuchtungen, die Lichter und Dekorationen in den Vorgärten, die Straßenfeste und Weihnachtskonzerte – und tragen auch die Weihnachtsmannmütze beim Straßenfest.“

Rehe, Rentiere, Weihnachtsmänner, Candycane und Schneemänner in den Vorgärten.

Familie Engel feiert Weihnachten im 8 000 Kilometer entfernten Penticton.

Familie Engel holt sich jedes Jahr einen frischen Weihnachtsbaum aus dem Wald. Fotos: privat