Lokales

Weißes Meer am Fuß der Alb

Die Kirschblüte hat begonnen – Prägendes Element der Kulturlandschaft

Die ersten Knospen an den Kirschbäumen sind aufgeplatzt und die Streuobstwiesen am Albtrauf verwandeln sich nach und nach in ein Meer aus weißen Blüten. Obstexperten zufolge besteht die Chance, dass dieses Jahr darüber hinaus noch ein ganz besonderes Blütenphänomen eintritt.

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Bianca Lütz

Weilheim. In Japan wird die Kirschblüte als Symbol der Kraft und Schönheit, aber auch der Vergänglichkeit verehrt. Sobald dort in den Parks die Kirschen blühen, befindet sich das Land im Ausnahmezustand: Die Menschen treffen sich zum Picknick, lassen sich allerorten unter den blühenden Bäumen nieder, feiern und halten die Pracht mit ihren Fotoapparaten fest.

Eine solche Tradition gibt es in Deutschland nicht – aber wenn in den „Hochburgen“ Hepsisau, Weilheim und Neidlingen die Kirschen blühen und sich die Streuobstwiesen in ein Meer aus weißen Blüten verwandeln, üben auch sie eine enorme Anziehungskraft aus.

„Das ist die schönste Zeit des Jahres“, freut sich Albrecht Schützinger, Obst- und Gartenbaufachberater des Landkreises Esslingen, schon auf die Hochzeit der Obstblüte. Vor gut einer Woche sind die ersten Knospen an den Kirschbäumen aufgeplatzt. „Ein paar schöne Tage noch, dann steht alles in voller Blüte“, sagt er – und das bezieht sich nicht nur auf die Kirschbäume. Dem Experten zufolge besteht die Chance, dass dieses Jahr ein ganz besonderes Blütenphänomen eintritt: „Die Blüte könnte kompakt kommen.“ Das heißt: Kirschen, Äpfel, Birnen, Zwetschgen und Nektarinen blühen zur gleichen Zeit und bieten dem Betrachter ein enormes Farbspektrum von Weiß über Rosa bis Rot. „Das gibt es in normalen Jahren nicht“, weiß Schützinger. Allgemein haben der milde Januar und der milde Februar dafür gesorgt, dass die Obstblüte schon recht weit ist. „Die Kirschen sind dieses Jahr wieder früh dran“, so Schützinger. Über den weiteren Verlauf der Blüte, die Ernte oder gar den Ertrag kann der Fachberater noch keine Aussage treffen. „Das hängt ganz von der Witterung ab“, weiß er. Schützinger hofft, dass jedenfalls kein Frost kommt und die Blüten schädigt.

Auch Hildegard Drexler aus Hepsisau schwärmt von der Kirschblütenzeit: „Für mich ist es immer noch ein ganz besonderes Erlebnis, wenn die Bäume in voller Blüte stehen.“ Hildegard Drexler ist nicht nur Besitzerin einiger Streuobstwiesen, sondern auch Gästeführerin der Schwäbischen Landpartie und bietet geführte Kirschblütenspaziergänge durchs Hepsisauer Tal an. Dabei können die Teilnehmer nicht nur Drexlers Motto „Doppelt genießen mit Augen und Gaumen“ folgen und neben dem Anblick des weißen Meers auch Kirschmuffins und Kirschwasser kosten. Sie erfahren zudem so allerhand Wissenswertes über die Geschichte der Kirschbäume im Speziellen und den Streuobstbau im Allgemeinen.

Mit ihren Führungen möchte Hildegard Drexler erreichen, dass die Menschen nicht einfach nur an den Obstwiesen vorbeifahren, sondern dieses ganz besondere Stück Natur mit offenen Augen wahrnehmen.

„Vor 2000 Jahren war noch fast alles lückenlos bewaldet“, weiß die Gästeführerin. Die Kulturlandschaft mit den Streuobstwiesen, die heute den Albtrauf prägen, sei erst durch menschliche Nutzung entstanden. Ursprünglich kamen die Kirschbäume aus Kleinasien nach Europa. Die Römer waren es dann, die den Obstbau kultivierten. Im Mittelalter wuchsen Kirschbäume vor allem in den Klostergärten. „Die Herzöge von Württemberg entdeckten das Obst dann als Nahrungsmittel“, erzählt Drexler. Sie hätten sogar angeordnet, entlang der Straßen Kirschbäume zu pflanzen: „Das kann man an der Hepsisauer Steige noch gut sehen.“

Streuobstwiesen, wie es sie heute gibt, existiert der Gästeführerin zufolge erst seit der Jahrhundertwende. „In Hepsisau beispielsweise wurde 1931 der Kirschenmuttergarten angelegt.“ Damals seien Sorten wie der „Hepsis­auer Kurzstil“ oder die „Zipfelbachperle“ neu gezüchtet worden.

Mittlerweile wachsen vorwiegend neuere, unempfindlichere Sorten auf den Streuobstwiesen am Albtrauf – trotzdem brauchen sie jede Menge Pflege, damit sie erhalten bleiben. Was diesen Punkt angeht, hat Hildegard Drexler derzeit ein gutes Gefühl: „Ich habe den Eindruck, dass sich auch junge Leute wieder mehr dafür interessieren.“

Das Interesse an dem Meer aus weißen Blättern während der Kirschblütenzeit ist ohnehin groß. Zahlreiche Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung wollen die Augenweide genießen und fahren eigens für Spaziergänge und Wanderungen durch die Blütenpracht nach Weilheim, Hepsisau oder Neidlingen. Gelegenheit dazu bietet beispielsweile auch der Weiheimer Kirschblütentag am Sonntag, 20 April. Wanderfreunde und Freizeitsportler können an diesem vom Stadtmarketing organisierten Tag von 10 bis 15 Uhr an zahlreichen geführten Rad-, Wander- und Inlinetouren durch die Blütenpracht teilnehmen.

Kirschblütenspaziergänge im Hepsisauer Tal mit Gästeführerin Hildegard Drexler bietet die Schwäbische Landpartie am Mittwoch, 16. April, am Samstag, 19. April, und am Donnerstag, 24. April, an. Treffpunkt ist jeweils um 14 Uhr an der Gemeindehalle Hepsisau. Interessierte können sich im Internet unter www.schwaebische-landpartie.de oder per Telefon unter 0 70 23/90 87 18 anmelden und informieren.