Lokales

"Weltanschauungstouristen" auf der Suche nach dem Sinn

"Das Weltanschauungsangebot wird immer größer, die Sinnanbieter haben einen Riesenmarkt", sagte Pfarrer i.R. Walter Schmidt auf einer Tagung für Kirchengemeinderäte in Kirchheim. Im engeren Sinne ging es dabei um die Vielfalt innerhalb der Landeskirche, im weiteren Sinne um den globalen "Weltanschauungstourismus".

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Unter dem großen Dach der Evangelischen Landeskirche sind die unterschiedlichsten Gruppen und Gruppierungen zu finden. Das Spektrum des Engagements einzelner Gemeindeglieder reicht so war es auf dem Seminar des Evangelischen Bildungswerks im Alten Gemeindehaus zu hören von denen, die sich in einer "Kirche von unten" intensiv einbringen wollen, über die "pfarrerzentrierten" Menschen, die sich in allen Belangen auf ihren Seelsorger verlassen, bis hin zu den Weihnachtskirchgängern, die darüber hinaus nur an einer gewissen Grundversorgung interessiert sind im Todesfall sowie bei Hochzeiten, Taufen und Konfirmationen.

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Walter Schmidt, der frühere Beauftragte der Württembergischen Landeskirche für Religions- und Weltanschauungsfragen, berichtete von den verschiedensten Gruppen und Gemeinden, die in engem oder auch lockerem Kontakt mit der ACK stehen der Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Kirchen Baden-Württemberg. Die ganze Bandbreite der Weltanschauungen, mit denen es Walter Schmidt im Laufe seines Lebens zu tun bekommen hat, war damit aber noch lange nicht abgedeckt. Über Islam und Taoismus kam er auch auf "hinduistisch oder buddhistisch inspirierte Meditationsgruppen" zu sprechen, auf Scientology, Satanismus, Esoterik, Parapsychologie oder die "alternative Therapieszene" verknüpft mit asiatischen Vorstellungen oder afrikanischen Heilsritualen: "Das alles ist bei uns als weltanschauliches Angebot angesiedelt."

Wie es zu diesem pluralistischen Angebot kommt, erklärte der Referent folgendermaßen: "Die institutionalisierten Anbieter ziehen sich zurück. Aber das Bedürfnis verschwindet nicht." Es werde sogar eher größer, ohne sich allerdings immer positiv auf die "Volkskirche" auszuwirken. Religionshistorisch betrachtet, sei es eine alte Geschichte, dass Götter sterben und die Religionen sich wandeln: "Es kommt die Suche nach den neuen Göttern."

Gerade in heutiger Zeit nehme der "Weltanschauungstourismus" immer stärker zu: "Die Sinnsucher haben dabei mehrere Wohnsitze. Der Hauptwohnsitz ist vielleicht in der Landeskirche. Wenn aber dort die Antworten nicht mehr wie gewohnt zu finden sind, legen sie sich Nebenwohnsitze zu." Die Auswahl orientiere sich an Werbegesetzen. Man nehme das Produkt, das am auffälligsten ist. Und am auffälligsten würden nun einmal diejenigen Gruppen für sich werben, die von sich selbst besonders stark überzeugt sind.

Auf die Frage nach dem "Mehr", das Menschen verlangen, wenn sie mit ihrer Ortsgemeinde nicht mehr zufrieden sind, und das sie anderswo zu finden scheinen, antwortete Walter Schmidt: "Wir verwechseln oft ,mehr' mit ,anders'. Öfter mal was Anderes halten viele Leute für ,mehr'." In diesen Fällen werde oft das "Erweckliche" angesprochen, das sentimentale Empfinden. Das "Mehr" sei dann nichts weiter als ein "Überschuss an Emotionalität".

Aus diesem Grund machte sich der Referent auch dafür stark, ohne große Vorbehalte Menschen wieder in der Landeskirche aufzunehmen, wenn sie denn aus freien Stücken zurückkommen. Vor allem wegen ihrer jugendlichen Unbedarftheit seien diese Menschen zunächst einmal andere Wege gegangen und hätten das erst später erkannt.

Weniger versöhnlich, sondern eher mit drastischen Worten schilderte Schmidt, was er schon alles an charismatischen Inszenierungen bei "sektarischen Gruppierungen" erlebt hat: Auf der Bühne werde "ein Stück religiöse Erotik" aufgebaut, die sich immer wieder in "Halleluja-Entladungen" abreagiert. "Dann tritt der große Prediger auf, und die Leute bekommen einen religiösen Orgasmus." Die Landeskirche tue deshalb gut daran, keine "Bedürfnisanstalt" zu sein, die nur noch Kundenwünsche bedient.

Vielfach werde der Fehler gemacht, Suchbewegungen gleich als Gotteserfahrungen zu interpretieren, auch wenn sie lediglich Erfahrungen eines Defizits seien: "Überall ist Religiosität vorhanden, aber meistens nur in Form religiöser Bedürfnisse." Wenn etwa "Anti-Aging" zur Ideologie werde, dann steckten dahinter leere Unsterblichkeitsversprechungen. Auch sportliche Aktivitäten ließen sich in einen Bereich hineinstilisieren, "der Heilscharakter hat", sagte Walter Schmidt im Hinblick auf die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Turin.

Besonders eindringlich warnte der langjährige Weltanschauungsbeauftragte auch vor den Einflüssen von Gurus: "Wenn ich der Meinung eines Gurus nahekommen will, muss ich mit ihm identisch werden. Der Guru hat immer die letzte Macht. Man kommt da nicht mehr raus." Gerade von solchen Identifikationen und alleinigen Wahrheiten hält Walter Schmidt herzlich wenig: "Der Geist Gottes lässt sich nicht monopolisieren. Er ist nicht vereinnahmbar. Auch die Landeskirche hat keinen Anspruch darauf."

Die Vielfalt der Konfessionen sei schon im Neuen Testament angelegt je nachdem, ob sich ein Text an die jüdische oder an die hellenistische Christenheit wandte. Mitglieder der römisch-katholischen Kirche könnten ihre Vielfalt in den verschiedenen Orden ausleben, in deren Zentrum sich immer der Vatikan befinde. Und die Württembergische Landeskirche? Für Walter Schmidt ist sie "ein Modell der versöhnten, wenn auch spannungsreichen Vielfalt". Im Mittelpunkt stehe dabei der liebende, sich in Christus selbst offenbarende Gott, der jedem mit offenen Armen entgegenkommt.