Lokales

Weltweite Herausforderung

Dr. Beate Jacob vom Deutschen Institut für ärztliche Mission (DIFÄM) berichtete im Bissinger Abendforum über das Thema Aids und verdeutlichte die dramatische Situation anhand von Zahlen: 3,1 Millionen Tote (davon 570 000 Kinder) im Jahr 2004, denn alle zehn Sekunden stirbt ein Mensch an Aids.

BISSINGEN Mehr als 40 Millionen Menschen sind infiziert. 14 000 Neuinfektionen pro Tag. In Osteuropa und Russland stieg die Infektionsrate in den letzten Jahren um 1300 Prozent. Seit 1996 verbessern die Kombinationstherapien die Behandlungsmöglichkeiten erheblich aber nur sieben Prozent aller Erkrankten weltweit haben Zugang zu Aids-Medikamenten.

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Diese nüchternen Zahlen und Fakten standen zu Beginn des Berichts von Dr. Beate Jacob vom DIFÄM in Tübingen. Vor welche Herausforderungen die HIV-Infektion die Betroffenen, die Angehörigen und die Gesundheitssysteme sowohl in den Industrieländern, als auch in den so genannten Entwicklungsländern stellt, wurde im weiteren Verlauf des Abends deutlich. Die Ärztin und Theologin hat viele Jahre in Afrika verbracht und hat deshalb gerade über die derzeit am stärksten von der Erkrankung betroffenen Gebiete südlich der Sahara genaue Kenntnisse.

"Die Schwester unseres Hausmädchens in Kenia erkrankte und zeigte die typischen Symptome von Aids. Eine Behandlung der Erkrankten weitab einer Krankenstation war nicht möglich, die junge Frau starb und hinterließ zwei kleine Kinder. Sie wurden in der Familie unseres Hausmädchens aufgenommen. Einige Zeit nach unserer Rückkehr aus Afrika erfuhren wir, dass auch unser ehemaliges Hausmädchen an der Krankheit verstorben war. Ihre beiden Kinder und Nichten leben nun bei der Großmutter." Dr. Jacob berichtete aber auch von Rosemary, die bereits todkrank war, als sie endlich Medikamente erhielt. Sie fühlt sich jetzt gut und mittlerweile arbeitet Rosemary in einer Krankenstation in Südafrika. Sie führt Aufklärungsgespräche und überwacht die Medikamentenausgabe an Aidspatienten.

Zwei ganz typische Beispiele, die zeigen, dass es fast eine Sache des Zufalls ist, ob jemand an Aids stirbt oder, mit Medikamenten versorgt, weiterlebt. In Afrika hat nach optimistischen Schätzungen nur einer von zehn Bedürftigen Zugang zu Aidsmedikamenten. Die Medikamente sind zwar sehr viel billiger als in Deutschland, doch sind die Kosten von rund 150 Euro jährlich für viele nicht bezahlbar. "In vielen Ländern Afrikas überfordert die Aids-Epidemie das Gesundheitswesen völlig viele demoralisierte und schlecht bezahlte Mediziner haben ihre Arbeit aufgegeben oder arbeiten in anderen Ländern zu besseren Bedingungen", berichtete Dr. Beate Jacob weiter.

Ein riesiges Problem ist in den Entwicklungsländern die hohe Zahl infizierter und erkrankter Kinder. In den reichen Ländern werden nur wenige Kinder mit HIV geboren, weil die Übertragung des Virus von einer HIV-infizierten Mutter auf ihr Kind durch Medikamente, Kaiserschnitt-Entbindung und Verzicht auf Stillen, verhindert wird. "Trotz dieser sehr deprimierenden Fakten gibt es aber keinen Grund zu resignieren", wies Dr. Jacob auf die positiven Entwicklungen der letzten Zeit hin. Große Pharmakonzerne sind inzwischen bereit, Aids-Medikamente in Entwicklungsländern billiger zu verkaufen. Eine weitere sehr gute Möglichkeit wäre es, wenn die Konzerne den Pharmaunternehmen in den Entwicklungsländern die Lizenz zur Herstellung der Medikamente erteilen würden. Die Medikamente könnten dann sogar kostenlos an die Patienten abgegeben werden. Das hätte den zusätzlichen Effekt, dass Schwarzmarktgeschäfte mit Medikamenten nicht mehr lukrativ wären. "Am kommenden Donnerstag ist Welt-Aids-Tag 2005. Dieser Tag soll ein Tag der Solidarität mit denen sein, für die jeder Tag ein Aids-Tag ist." Deshalb bat die Medizinerin ihre Zuhörer, die Unterschriftenliste des Aktionsbündnisses gegen Aids zu unterschreiben.

gg