Lokales

Weniger "Mautflüchtlinge" als vermutet

Allenthalben klagen die Anwohner von Bundes- und Landesstraßen seit der Einführung der Lkw-Maut über eine deutliche Zunahme des Schwerlastverkehrs. Zumindest für die Landesstraße 1200 im Bereich Ötlingen und Wendlingen trifft dieser Eindruck offensichtlich nicht zu: Laut einer aktuellen Verkehrszählung blieb die Zahl der Lastwagen nahezu gleich.

FRANK HOFFMANN

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KIRCHHEIM "Es gibt keine Bestätigung für eine signifikante Zunahme des Schwerlastverkehrs", brachte Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer gestern das Ergebnis der Zählung auf den Punkt. Weder in Ötlingen noch in Wendlingen ergab die Auswertung eine Zunahme des Schwerlastverkehrs im Vergleich zur "Vor-Maut-Zeit". Im Gegenteil: In Ötlingen ging der Anteil des Güterverkehrs am Gesamtverkehrsaufkommen sogar minimal zurück um 0,76 Prozent. Wendlingen verzeichnete ebenfalls einen leichten Rückgang. "Offensichtlich entspricht die ,gefühlte Verkehrsmenge' nicht den tatsächlichen Werten", so der Eindruck von Wendlingens Bürgermeister Frank Ziegler.

"Gefühlt" hatten die Anwohner der L 1200 sowohl in Wendlingen als auch in Ötlingen eine deutliche Zunahme schwerer Lkw, die sich vor der Maut drücken und über Bundes- und Landesstraßen "schleichen". "Möglicherweise", vermuten Riemer und Ziegler, "gab's im Januar durchaus eine stattliche Zahl an Lkw-Fahrern, die eine Reihe von Schleichwegen testeten." In diesen ersten Wochen nach Einführung der Lkw-Maut wälzten sich vermutlich tatsächlich deutlich mehr Brummis durch die Ortsdurchfahrten von Wendlingen und den Kirchheimer Stadtteil Ötlingen. In beiden Kommunen ohnehin durch das alltägliche Verkehrsaufkommen schon stark belastet regte sich daraufhin heftiger Protest. Private Verkehrszählungen wurden organisiert, die Stadtverwaltungen angeschrieben und die Landespolitik eingeschaltet.

"Wir haben das Thema von Anfang an sehr ernst genommen", sagt Kirchheims Bürgermeister Riemer, "aber ohne zuverlässiges Zahlenmaterial fehlt uns jede Handhabe." Deshalb war für den 21. Juni eine Verkehrszählung anberaumt worden. Sowohl in Wendlingen als auch im Kirchheimer Stadtteil wurden 24 Stunden lang die Fahrzeuge erfasst. Ermöglicht wurde diese aufwändige Zählung auch durch die tatkräftige Unterstützung der Ötlinger Bürgerinitiative.

Das Ergebnis kann den besorgten Anwohnern wenig Hoffnung machen: Zwar nahm sowohl in Wendlingen als auch in Ötlingen das Verkehrsaufkommen im Vergleich zu den Vorjahren zu, "mautflüchtige" Brummi-Fahrer sind aber offensichtlich nicht die Ursache für die steigende Belastung. In Ötlingen wurde zuvor letztmals am 30. März 2004 gezählt, damals allerdings nur von 6 bis 22 Uhr. Zum Vergleich konnte deshalb natürlich nur dieser Zeitraum herangezogen werden. Das Verkehrsaufkommen insgesamt stieg von 22 383 auf 22 997 Fahrzeuge an. Die Zahl der Lkw ging von 1 311 auf 1 172 zurück. In Prozent ausgedrückt ist dies eine Abnahme des Schwerlastverkehrsanteils von 5,86 auf 5,10 Prozent. Für Peter Struck vom Kirchheimer Planungsamt liegt das höhere Verkehrsaufkommen vor allem in einer weiteren Steigerung des Motorisierungsgrades und der Zunahme des Einkaufs- und Freizeitverkehrs begründet, ist also zu einem nicht geringem Teil "hausgemacht". In der Nacht fuhren übrigens 1 604 Fahrzeuge durch Ötlingen. Der Nachtanteil liegt damit bei 6,52 Prozent; ein für Hauptverkehrsstraßen üblicher Wert.

Das Wendlinger Ergebnis fiel ähnlich aus: Insgesamt wurden dort 19 033 Fahrzeuge gezählt. Gegenüber der Verkehrszählung im Jahr 2001 eine deutliche Steigerung: Damals registrierten die Helfer 16 671 Blechkarossen. Das Lkw-Aufkommen ging von 2001 auf 2005 von 1 079 auf 975 Fahrzeuge zurück.

Die Stadt Kirchheim will nun auch für die Ortsdurchfahrt Jesingen eine Verkehrszählung organisieren und die Ergebnisse dann mit der vom Land angekündigten flächendeckenden Auswertung der Verkehrsströme vergleichen. Trotz der "Entwarnung" in Sachen Schleichverkehr, so Bürgermeister Riemer, nehme die Stadt die berechtigten Klagen der Ötlinger Bürger nicht auf die leichte Schulter. "Schließlich ist das zunehmende Verkehrsaufkommen eine wesentliche Ursache für die ständig steigende Lärmbelästigung, die uns in Zukunft noch intensiv beschäftigen wird."