Lokales

"Wenn der Gegner am Boden lag, war Schluss"

KREIS ESSLINGEN In erster Linie sei er immer Polizeiführer gewesen und erst in zweiter Linie Manager. Dabei kann es für den Leiter einer Polizeidirektion naturgemäß

Anzeige

CHRISTIAN DÖRMANN

nicht ausbleiben, sich auch mit Papierkram und mit der Politik auseinanderzusetzen. All dies hat Klaus Schmerling in Esslingen gut acht Jahre lang gemacht und er hat es gern getan: "Meine Zeit als PD-Leiter war die schönste." Am morgigen Donnerstag wird er in den Ruhestand verabschiedet und am liebsten würde er nur ganz leise Servus sagen.

Wer den Polizeiberuf von der Pike auf erlernt und die Straße als sein wichtigstes Betätigungsfeld betrachtet hat, dessen Herz hängt nun mal an der Praxis. Zu jeder Tages- und Nachtzeit ließ er sich über die aktuelle Lage informieren und während es früher leichter gefallen ist, nach einem Anruf zu später Stunde wieder in den Schlaf zu finden, ist das heute nicht mehr so einfach. Am 24. Juni, zwei Tage nach seiner Verabschiedung, wird Klaus Schmerling 60. Für Vollzugsbeamte in Baden-Württemberg bedeutet dieses Alter den Weg in den Ruhestand Ausnahmen werden vom Innenministerium in der Regel nicht genehmigt.

Wer mehr als 30 Jahre mit Bodenhaftung bei der Sache ist, an dem gehen gesellschaftliche Veränderungen nicht spurlos vorüber. Mit Sorge betrachtet Schmerling etwa eine zunehmende Gewaltbereitschaft und auch die Qualität der Konflikte ist anders geworden: "Natürlich hat man sich auch früher auf dem Schulhof geprügelt. Aber wenn der Gegner am Boden lag, war Schluss. Da gab es Grenzen." Diese Grenzen bestünden häufig nicht mehr, da fehle es einfach auch an Respekt.

Dass sich das Verhältnis zwischen Bürgern und Polizei "sehr positiv" entwickelt hat, gehört zu den entscheidenden Erfahrungen, die Schmerling während seiner Laufbahn gemacht hat. Eine demokratische Polizei habe sich herausgebildet und damit auch mehr Nähe zu den Menschen, für deren Sicherheit die Beamtinnen und Beamten verantwortlich seien. Dass man mitunter schon hart gesotten sein muss, um die vielen Begegnungen mit den unerfreulichen Seiten des Lebens persönlich bewältigen zu können, ist nicht mehr als ein Stück Selbstschutz. Trotzdem kann Betroffenheit nicht ausbleiben. Der Mord an der sechsjährigen Alexandra aus Filderstadt im Oktober 2000 war so ein Fall. "Das war das Schlimmste, das ist uns allen an die Nieren gegangen", blickt Schmerling zurück.

Das Verhältnis zwischen Bürgern und Polizei hat auch bei der großen Posten-Reform im Landkreis Esslingen eine Rolle gespielt, die Schmerling auf Anweisung des Innenministeriums gestaltet und umgesetzt hat. Von ursprünglich 38 Posten gibt es derzeit noch 17, das Revier Plochingen wurde geschlossen. Die Bilanz nach einem Jahr bestätigt den PD-Chef. Die Tendenz bei den Straftaten sei insgesamt rückläufig, die Effizienz sei durch bessere Vernetzung spürbar gestiegen. Immerhin wurde der Streifendienst um 24 Beamte aufgestockt und die Zahl der Jugendsachbearbeiter wuchs von 16 auf 41 bei der Schutzpolizei, hinzu kommen noch sechs Kräfte bei der Kripo. "Die Jugend war mir immer sehr wichtig", betont Schmerling. Dabei geht es ihm nicht nur um Strafverfolgung, sondern vor allem um Vorbeugung und Betreuung sowie um einen guten Kontakt zu Schulen und anderen Gruppierungen. Im Falle der Mettinger Jugendbande, die in jüngerer Zeit ihr Unwesen getrieben hat, steht den Beamten der Bürgerausschuss mit Rat und Tat zur Seite. Für Schmerling ein vorbildliches Beispiel von Kooperation.

Angesichts der laufenden Fußball-WM kommen bei Klaus Schmerling Erinnerungen hoch. 1990 gehörte er einer Gruppe von Experten an, die ihren Kollegen in Italien hilfreich zur Seite standen. "Das war damals noch echte Pionierarbeit", sagt Schmerling. Heute zählen Fanbetreuung vor Ort, Kontakte zur Botschaft und zur Mannschaft bei vergleichbaren Anlässen zum erfolgreichen Standardprogramm. Apropos Erfolg: Die deutsche Mannschaft ging damals in Rom als Weltmeister vom Platz.

Aber nicht nur auf Grund der damaligen Erfahrungen hängt Schmerlings Herz und das seiner Frau an Italien: "Wir lieben die herzliche Art der Italiener." In ihrem Häuschen am Lago Maggiore wollen die Schmerlings, zu denen zwei erwachsene Töchter und ein Enkelkind gehören, künftig so viel Zeit wie möglich verbringen. Berichte zur aktuellen Lage werden Klaus Schmerling dort nicht mehr erreichen. Dafür aber die Erinnerung an ein "tolles Team" in seiner PD mit rund 1000 Mitarbeitern und manchmal auch an die eigene Ungeduld, wenn es mit Entscheidungen nicht schnell genug voran ging. "Das war für meine Mitarbeiter nicht immer ganz einfach", weiß der scheidende Polizeichef: "Doch dafür war es immerhin verlässlich."

Nachfolger von Klaus Schmerling wird Polizeidirektor Hans-Dieter Wagner. Wagner war bisher Leiter des Referats "Führung und Einsatz" der Landespolizeidirektion.