Lokales

Wenn der Tod der einzige Ausweg zu sein scheint

Der Arbeitskreis Leben, der Menschen in Lebenskrisen hilft, sieht schwierige Zeiten auf sich zu kommen. Gestrichene öffentliche Mittel bedrohen den Arbeitskreis in seiner Existenz

KIRCHHEIM Wer in Kirchheim in der Alleenstraße an dem Haus mit der Nummer 96 vorbeikommt, sieht neben dem Schild des Bürgerbüros auch das des Arbeitskreis Leben kurz AKL. Wer die Türklinke drückt und eintritt, trifft auf Gert Döring. Der Psychotherapeut arbeitet seit elf Jahren für den AKL und ist als einer der drei hauptamtlichen Krisenbetreuer für Kirchheim zuständig. Erika Myke und Lore Hofmann sind für Ratsuchende in Nürtingen da.

Anzeige

"Zu uns kommen Menschen ganz unterschiedlichen Alters, aus allen sozialen Schichten und den verschiedensten Berufen", erzählt Gert Döring. In eine Lebenskrise kann jeder kommen, sei es, weil er vom Partner verlassen wurde oder dieser vielleicht gestorben ist, weil der Betroffene eine schwere Krankheit hat, durch finanzielle, berufliche oder auch schulische Probleme die Gründe sind vielfältig. Viele Menschen sind dann so verzweifelt, dass sie nur noch einen Weg aus der Krise sehen: Selbst Hand an sich legen.

Der AKL bietet jedem Hilfe an schnell und unbürokratisch. Wenn nötig, kommen die Krisenhelfer auch zu dem Betroffenen. Partnerschafts- und Familienkonflikte stehen ganz oben in der AKL-Statistik. Zuhören, herausfinden, was die Wünsche des Ratsuchenden sind, ausloten, was sich verwirklichen lässt und schauen, welche Hilfsmöglichkeiten noch aktivierbar sein könnten das ist ansatzweise die Methode von Gert Döring und seinen beiden Nürtinger Kolleginnen. Sie versuchen, das Vertrauen in Familie und/oder Freunde wieder aufzubauen, um die Situation des Ratsuchenden möglichst schnell wieder zu stabilisieren. Häufig vermitteln die drei psychologischen Berater den Kontakt zu einem Krisenbegleiter.

Zurzeit arbeiten 38 Menschen aus Kirchheim, Nürtingen und Umgebung ehrenamtlich für den AKL. Jeder Begleiter konzentriert sich jeweils auf einen Menschen. Sie treffen sich mit den Betroffenen, gehen spazieren und reden miteinander. Vorbild des AKL sind die englischen Samaritans, deren Prinzip das "Anfreunden auf Zeit" ist. Das heißt, der Krisenbegleiter ist so lange für den anderen Menschen da, wie dieser seine Hilfe braucht. Wie für die Fachkräfte so besteht auch für sie Schweigepflicht.

Leitsatz des AKL ist "Hilfe zur Selbsthilfe". Der Betroffene soll erleben, dass er aus eigener Kraft sein Leben gestalten kann. "Das ist die wichtigste Erfahrung für jeden Menschen. Und die wiederum gibt neue Kraft, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen", berichtet der Psychotherapeut. Der AKL bietet neben der Einzelberatung und Krisenbegleitung auch einen offenen Treff und Selbsthilfegruppen in Nürtingen an. "In unserer Gesellschaft ist Selbsttötung nach wie vor ein Tabuthema", sagt Döring.

Die Zahl der Selbsttötungen in Deutschland ist erschreckend hoch: 2002 starben 11 163 Menschen durch Suizid. Das sind fast doppelt so viele Menschen als im Straßenverkehr ihr Leben verloren haben. Experten schätzen die Zahl der Selbsttötungen aber wesentlich höher ein, da häufig Selbsttötung nicht als Todesursache festgestellt wird. Und wie viele der Verkehrsunfälle Selbsttötungen sind, lässt sich nur sehr schwer sagen. Alarmierend ist der Anstieg der Selbsttötungshandlungen bei den 10- bis 25-Jährigen. Die Forschung geht davon aus, dass bei dieser Altersgruppe auf eine Selbsttötung etwa 20 bis 30 Selbsttötungsversuche kommen. Suizidversuche werden statistisch nicht erfasst. Nur ein geringer Teil der Selbsttötungshandlungen werden bekannt. "Suizid wird wenig wahrgenommen und häufig unterschätzt", so der Krisenberater. Gerade junge Menschen erleben häufig schwere Krisen und Umbruchzeiten. Der AKL hilft deshalb auch Jugendlichen und deren Angehörigen in Krisenzeiten. Auch junge Menschen, die sich um Freunde oder Geschwister sorgen, finden bei den Krisenberatern Rat und Hilfe ebenso wie Eltern.

Die Mitarbeiter des AKL kommen auf Einladung in den Schulunterricht, laden Schulklassen in die AKL-Räume ein oder halten Vorträge für Eltern, Lehrer und Erzieherinnen. Für verzweifelte Menschen ist professionelle Hilfe sehr wichtig. Das private Umfeld ist mit dem Problem des Betroffenen häufig überfordert, wenn es die Krise überhaupt erkennt. "Viele Menschen können sich einfach nicht vorstellen, dass einem Menschen beispielsweise Beziehungsprobleme oder schulische Probleme in Verbindung mit anderen Schwierigkeiten so zu schaffen machen, dass er irgendwann nur noch den Tod als Ausweg sieht", weiß Döring.

Wie wichtig das Angebot des AKL ist, zeigt die jährlich steigende Zahl an Ratsuchenden. 2003 nahmen 333 Menschen das Angebot des AKL Nürtingen-Kirchheim an. 2000 waren es noch 228, 2004 werden es schon über 380 sein. Doch der Verein muss um sein Überleben kämpfen. Die Finanznot des AKL spitzt sich von Jahr zu Jahr zu. "Wären wir ein Wirtschaftsunternehmen, hätten wir schon lange dicht machen müssen", berichtet Döring. Gut 150 000 Euro fallen jährlich an Ausgaben an. An Zuschüssen erhielt der AKL im Jahre 2003 42 000 Euro vom Land Baden-Württemberg, rund 25 000 Euro vom Kreis Esslingen, 12 000 Euro von der Stadt Nürtingen und 11 000 Euro von der Stadt Kirchheim.

Zusammen sind das 90 000 Euro. Fast 40 Prozent seiner Mittel, das sind etwa 60 000 Euro, muss der AKL aber selbst durch Mitgliedsbeiträge, Veranstaltungserlöse, Bußgeldzuwendungen und Spenden ranschaffen. Dabei gelten 20 Prozent für einen Verein wie den AKL eigentlich als Obergrenze der Machbarkeit. Doch das Dilemma wird sich nächstes Jahr noch verschärfen: Nachdem der AKL 2004 schon Kürzungen von 8 300 Euro hinnehmen musste, sind weitere Kürzungen für 2005 auf Landesebene schon angedacht. Einsparungen wären nur noch bei den Personalkosten möglich. "Wenn jemand verzweifelt ist und deshalb nicht mehr ein noch aus weiß, braucht er sofort Hilfe, damit er sich nicht das Leben nimmt", erklärt Döring. "Wenn wir aber Personal abbauen müssen, um Geld zu sparen, dann ist das für einen Menschen, der vor einer Verzweiflungstat steht, fatal."

Nähere Informationen erhalten Interessierte unter der Telefonnummer 0 70 21 / 7 50 02 oder auf der homepage www.akl-nuertingen.de. Für alle die, den AKL finanziell unterstützen möchten, gilt folgendes Spendenkonto: Volksbank Kirchheim-Nürtingen, Kontonummer 501 818 006, Bankleitzahl 612 901 20.

pm