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Wenn die "Grille" mit 30 PS durch die Lüfte "zirpt". . .

GRUIBINGEN Ingo Luz ist ein Exot unter den Luftsportfans der Region: Der 50-Jährige Gruibinger fliegt seit kurzem in einer Art Seifenkiste mit nur drei Quadratmetern Flügelfläche durch die Lüfte. Das kleinste zweimotorige Flugzeug der Welt hat

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BORIS-MARC MÜNCH

der gelernte Luft- und Raumfahrttechniker in fünf Jahren nach den Plänen eines französischen Konstrukteurs nachgebaut. Luz ist Mitglied der Fliegergruppen Dettingen und Bölkow in Nabern.

Wenn Ingo Luz seine "Cri Cri" auf den Flugplätzen der Region aus dem Hänger auspackt, ist der Effekt ungefähr so, als ob der Schneider von Ulm seine Flügel ausbreitet. Manche seiner Fliegerkameraden runzeln die Stirn und trauen der fliegenden Blechkiste nicht recht. Die Cri Cri ist das kleinste zweimotorige Flugzeug der Welt. Cri Cri ist französisch und bedeutet übersetzt "Grille".

Mit einem kurzen Seil bringt Luz die beiden winzigen Einzylinder-Zweitaktmotoren, die an der Nase des Fliegers sitzen, auf Drehzahl. "Das hört sich dann so an, wie wenn zwei Nachbarn gleichzeitig den Rasen mähen", sagt Luz und blinzelt durch seine runden Brillengläser. An dem schlanken Körper der Cri Cri strecken sich zwei wilde Auspuffrohre, die fast so lang sind, wie das Flugzeug selbst. Bei einer Länge von 3,9 Metern und einer Flügelspannweite von 4,9 Metern könnte es durchaus als Modellflugzeug durchgehen.

Die Cri Cri entstand aus einer Wette heraus. Der französische Konstrukteur Michel Colomban versprach ein Flugzeug zu bauen, das weniger wiegt als der Pilot. Mit einem Leergewicht von nur 80 Kilogramm hat es eine Zuladung von sage und schreibe 120 Kilogramm.

Colomban hat 1973 die Wette gewonnen und Luz ein Problem beim Einsteigen. Der 85-Kilo-Mann muss sich förmlich in das Cockpit quetschen und sich wieder herausschälen. Obwohl alles andere als dick, darf Luz nur eines nicht: zunehmen. Schon manche Cri-Cri-Besitzer, die sind vor allem in Frankreich zu finden, mussten wegen zunehmender Leibesfülle ihr Spielzeug verkaufen. Da die Resonanz auf dieses Flugzeug sehr groß war, bot Colomban die Pläne zum Nachbau an. Es handelt sich also nicht um ein Baukastenflugzeug, sondern um einen Nachbau nach Plänen.

Die Cri Cri mit dem Kennzeichen D-GLUZ wurde von Luz in etwa 3 000 Arbeitsstunden und einem Materialaufwand von zirka 13 000 Euro fast komplett aus Aluminium gebaut. Die beiden Zweitakt-Motoren mit je 15 PS verbrauchen nicht viel: Mit den 23 Litern Treibstoffvorrat kann die Cri Cri gut zwei Stunden fliegen und das mit einer Höchstgeschwindigkeit von immerhin 205 Stundenkilometern. Bei so viel Sparsamkeit kann man nur darauf warten, bis das Flugzeug im Angebot irgend eines Discounters landet. Zudem ist dieser Winzling sogar kunstflugtauglich, auf eine Bruchlast von 10 G ausgelegt und für 4,5 G zugelassen. "Für 260 Kilometer im Sturzflug geeicht", betont Luz.

Gerade erst fertig gestellt, hat der Gruibinger zurzeit ganz andere Probleme: Die Motoren laufen noch nicht rund, was er kürzlich bei einem Testflug zu spüren bekam. Der Tank zwischen seinen Füßen war zwar voll, aber die Propeller streikten plötzlich. "Die Hahnweide unter mir" schwebte Luz im Gleitflug in das Kirchheimer Fluggelände ein und kam sicher zum Stehen. Den Kolbenfresser hat der Flugzeugliebhaber inzwischen in den Griff gekriegt.

Ein wenig exzentrisch mag Ingo Luz sein, worauf auch die Isetta in der Garage seines knallgrünen Bauernhauses in der Göppinger Straße in Gruibingen hindeutet ein Spinner ist er nicht. Bereits 1970 begann er mit dem Segelflug und verwirklichte "einen Kindheitstraum". Zwölf Jahre später machte Luz den Motorschein und wurde Mitglied in zwei Aeroclubs, in Dettingen und bei der Fliegergruppe Bölkow in Nabern. Konstrukteurswissen eignete er sich in der akademischen Fliegergruppe Stuttgart und als Luft- und Raumfahrttechniker an. Der Diplom-Ingenieur war bei der Firma Wolf Hirth angestellt und entwickelte anschließend für ein anderes Unternehmen Gasgeneratoren für Fahrzeugairbags.

Das Abenteuer reizt den Gruibinger schon: So wie in seiner Jugend, als er mit einem Freund und zwei Isettas in 14 Tagen über 42 Alpenpässe tuckerte mit einem Ersatzmotor auf dem Beifahrersitz. Ein guter Gedanke, denn nach der Hälfte der Strecke brach der Vergaser des BMW-Kultautos zusammen. Den abgebrochenen Auspuff ließ Luz damals von einem italienischen Schmierenmaxen zusammenschweißen.

Das letzte Wort hat heute seine Frau: Mit kritischen Augen verfolgte Edith Luz Cri-Cri-Flugzeuge am französischen Himmel, bevor sie ihr Okay gab und ihr Mann vor fünf Jahren mit dem Bau der "Grille" beginnen konnte. Jetzt fiebert Luz auf das Oldtimertreffen auf der Kirchheimer Hahnweide vom 2. bis 4. September hin, zu dem er eingeladen wurde.