Lokales

Wenn die Seele streikt

Kreis Esslingen sieht sich bei der Versorgung psychisch kranker Menschen gut aufgestellt

Die Zunahme psychischer Krankheiten stellt den Landkreis und die Träger der Psychiatrie vor große Aufgaben. Besonders wichtig ist den Akteuren, dass die Betroffenen wohnortnah behandelt werden können.

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Antje Dörr

Kreis Esslingen. Immer mehr Deutsche sind psychisch krank. Nahezu ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung muss einmal im Leben mit einer seelischen Störung fertig werden. Ganz oben auf der Liste stehen Angststörungen, Depressionen, Suchterkrankungen und somatoforme Störungen, also körperliche Beschwerden ohne organische Ursache. Während diese Krankheiten die Betroffenen und ihre Angehörigen völlig aus der Bahn werfen können, hat die starke Zunahme seelischer Störungen weiterreichende Auswirkungen. Wer unter starken Panikattacken oder Depressionen leidet, braucht kostspielige Therapien und kann unter Umständen nicht mehr arbeiten. Die Arbeitsunfähigkeitsfälle wegen psychischer Störungen haben sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt.

„Das ist eine besorgniserregende Entwicklung“, sagte Landrat Heinz Eininger bei der Vorstellung des Psychiatrieplans im Kreistag. Der Plan enthält Daten zu Behandlung, Therapie, Arbeit, Beschäftigung, Wohnen, Freizeit und Selbsthilfe im Bereich Allgemeine Psychiatrie sowie zu den fünf Gemeindepsychiatrischen Verbünden im Landkreis. In ihnen sind die verschiedenen Träger wie Psychi­atrische Dienste, Beratungsstellen und Werkstätten organisiert. Diese Struktur soll eine unkomplizierte und wohnortnahe Versorgung der Patienten gewährleisten.

„Die soziale Infrastruktur ist eine Stärke des Landkreises Esslingen“, lobte der Landrat die Fortschritte, die seit dem letzten Psychiatrieplan 2003 gemacht worden sind. Er bezeichnete die Teilhabe seelisch beeinträchtigter Menschen jedoch als „ständige Herausforderung.“ Aufgabe des Landkreises sei es, Bewusstsein für seelische Erkrankungen zu schaffen, gegen Stigmatisierung anzugehen und psychosoziale Versorgungssysteme zu entwerfen.

Für die Psychiatrie in Kirchheim beginnt in zwei Jahren ein neues Kapitel. 2011/12 zieht die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Nürtingen an den Standort des Klinikums in Kirchheim um. Dort entstehen sechs Stationen mit je 18 Betten. Das sind 18 Betten weniger als bisher in Nürtingen. Dafür soll es in der gerontopsychiatrischen Tagesklinik, die mit in die Teckstadt umzieht, 18 statt bisher 12 Betten geben. Damit will der Landkreis der Alterung der Gesellschaft und der Zunahme psychischer Erkrankungen bei alten Menschen Rechnung tragen.

Von den Fraktionen des Kreistags kam Zustimmung zum neuen Psychi­atrieplan. „Wir brauchen dezentrale, regionale Strukturen“, betonte auch Frank Buß von den Freien Wählern die Notwendigkeit der wohnortnahen Versorgung. Sorge bereite seiner Fraktion der bevorstehende Generationswechsel bei den Nervenärzten. Hier müssten rasch Nachfolger gefunden werden. „Die Psychiatrie hat heute ein menschliches Gesicht“, sagte Robert Bolsinger (CDU-Fraktion). Ziel des Psychiatrieplans sei es, die Hemmschwellen zu senken und Wege kurz zu halten. „Das gelingt“, lautete das Urteil des Kreisrats.

„Menschen mit psychischen Erkrankungen dürfen nicht durch die Maschen fallen“, forderte Solveig Hummel von den Sozialdemokraten. Sie lobte, dass durch die Datenerhebung passgenaue Hilfe möglich sei und wies darauf hin, dass die Zahl der Senioren mit psychischen Erkrankungen in den nächsten Jahren signifikant ansteigen werde. Walburga Duong von den Grünen rief ihre Kollegen dazu auf, den Fokus darauf zu richten, dass psychische Störungen gar nicht erst auftreten. „Städte und Kommunen müssen Strukturen schaffen, die nicht krank machen“, lautete ihre Forderung.