Lokales

Wenn ein alter Opel zum kaum mehr verlassenen "Wohnzimmer" wird . . .

KIRCHHEIM " . . . denn sie wissen nicht, was sie tun . . ." fasst ziemlich präzise das Organisationsprinzip einer in der Teckstadt begonnenen Reise zusammen, die ungeahnte Eigendynamik entwickelte und ausdem zunächst angedachten entspannenden Camping-Urlaub eine Mara-

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thonfahrt machte, die den konditionsstarken "Urlaubern" unterschiedlichste Einblicke gewährte. Das Preis-Leistungsverhältnis der extrem hart erkämpften Impressionen und Einsichten ist kaum zu überbieten. Mehr kann man in so kurzer Zeit nicht sehen und erleben. Trotzdem muss nachhaltig empfohlen werden: Bitte nicht nachmachen.

Für die drei 21-jährigen Ex-Abiturienten aus Kirchheim und Umgebung, die erst einmal ihren inzwischen in Bayreuth wohnhaften vierten Kumpel abholen mussten, war klar, dass erst in der vervollständigten Viererrunde ernsthaft darüber nachgedacht wird, wohin sie überhaupt "in Urlaub" fahren werden. Die Grundsatzentscheidung "Richtung Osten" war innerhalb des Teams eindeutig mehrheitsfähig, doch was genau das bedeuten soll, musste praktisch an jeder strategisch wichtigen Kreuzung neu definiert und diskutiert werden.

Klar war vor Beginn der anstehenden Reise eigentlich nur, dass die vier gemeinsam dem Ausbildungs- und Studienstress entkommen und zu einem Camping-Urlaub aufbrechen wollen, um in exakt acht Tagen wieder zurück zu sein. Sebastian Großmann hatte schließlich einen Konzertbesuch schon fest eingeplant, was seine drei Freunde Christian Hesse, Thomas Rademacher und Moritz Zeh als klare Vorgabe so auch voll akzeptierten. Auch wenn sie sich unterwegs täglich eher dem von Humphrey Bogart in "Casablanca" unsterblich gemachten Prinzip verpflichtet fühlten "I never make plans that far ahead Ich plane nie so weit voraus" war der Tag der Rückkehr eine absolut unumstößliche und nicht verhandlungsfähige Größe.

Für das zunächst in seinen enorm expandierenden Dimensionen überhaupt nicht einschätzbare Abenteuer wurde ein 21 Jahre alter hellblauer Opel Kadett mit 60 PS, 1,3-Liter-Motor und Viergang-Getriebe als Reisefahrzeug ausgewählt. Nachdem die immerhin mit sportlichen Leichtmetallfelgen ausgestattete Limousine einst einem italienischen Priester gehört hatte, ging der positiv denkende neue Besitzer davon aus, dass das deutlich angejahrte Fahrzeug sicherlich auch über die entsprechenden Segnungen verfügen muss.

Nach dem Start von Kirchheim nach Bayreuth folgte dann vor Ort die gemeinsam getroffene erste richtungsweisende Entscheidung, zunächst einmal gen Osten zu fahren und Tschechien anzusteuern. Dass ein Besuch in Pilsen nicht schon alles sein kann, war unstrittig. Österreich wirkte als künftiger Verweilort schon deshalb nicht zwingend attraktiv, weil dort alle vier "Traveller" schon mehrfach zum Wandern oder Skifahren gewesen waren.

An Bratislava vorbei ging es daher geradewegs Richtung Ungarn, das schließlich nicht nur für seine gute Küche, sondern auch für seine moderaten Preise bekannt ist. Das plötzlich im Raum stehende Ziel "Plattensee" war angesichts praktisch nicht mitgeführter Karten sehr schwer anzusteuern. An jeder Kreuzung versprechen praktisch alle Wege in dieser Ecke nicht nach Rom, sondern gen Balaton zu führen, verraten aber nicht, welche Verbindung auf direktem Weg zum Ziel führt.

Morgens um Sieben war bei der Ankunft dann aber doch alles in Ordnung. Dass sie ein Hotel angesteuert hatten, lag nicht zuletzt daran, dass sie für den spontan geplanten Camping-Urlaub dann doch nur suboptimal vorbereitet waren. Vor Ort musste das zur Improvisation neigende Quartett schließlich schmerzhaft zur Kenntnis nehmen, dass ihnen für den zunächst anvisierten Camping-Urlaub insgesamt nur ein Zwei-Mann-Zelt, drei Iso-Matten und eine alte Decke zur Verfügung standen.

Der Grenzübertritt nach Kroatien wurde dann zur schweren Prüfung, denn wirklich alles, was die für spontane Entscheidungen offenen Osteuropa-Reisenden mit sich führten, wurde von den gestrengen Grenzbeamten gewissenhaft untersucht und auch der betagte hellblaue Kadett fast in alle Einzelteile zerlegt. Von Zagreb aus steuerte das Quartett Belgrad an, das sich mit seinen slumartigen Müllhalden nicht zwingend als Ziel einer nie genau definierten Reise anbot und in seiner Trostlosigkeit nur noch von Skopje dafür aber deutlich übertroffen wurde.

Das inzwischen gar nicht mehr so weit entfernte Schwarze Meer war plötzlich das gemeinsam favorisierte neue Ziel, wobei die mittlerweile in Bulgarien angekommene enorm belastbare Kadett-Mannschaft unbedingt den zwischen Burgas und Varna zu findenden "Goldstrand" ansteuern wollte. Nach einer weiteren rund 24-stündigen Fahr-Etappe waren sie aber vollauf zufrieden damit, am "Sunny Beach" gelandet zu sein. Er bescherte den potenziellen "Campern" ein preiswertes Drei-Sterne-Hotel und die unerwartete Begegnung mit in Nürtingen wohnenden Reisenden, die gar nicht glauben wollten, dass die vier jungen Männer aus Kirchheim tatsächlich mit dem Auto da waren.

Richtung Türkei weiterzufahren, war der als Nächstes angesagte und auch vollzogene gemeinsame "Urlaubswunsch". Das hatte zur Folge, dass die dort anstehenden neuerlichen Grenzformalitäten noch dadurch verschärft wurden, dass zunächst ein türkischer Führerschein benötigt wurde und auch eine entsprechende Versicherung abzuschließen war. Schweren Herzens verzichteten die inzwischen sehr weit gereisten "Campingurlauber", denen der Dachhimmel des Kadett längst zum Plafond des kaum einmal verlassenen "Wohnzimmers" geworden war, darauf, sich auch noch in das abenteuerliche Verkehrsgewühl Istanbuls zu stürzen. Stattdessen steuerten sie nun erst einmal Griechenland an, wo sie nach einer langen und einmal mehr durchgefahrenen Nacht nach wenigen Stunden Schlaf um sieben Uhr von den Lautsprechern der Fisch- und Melonenverkäufer unbarmherzig geweckt wurden.

Von Thessaloniki kommend, mussten sie dann in Mazedonien endgültig den Wunsch begraben, über Albanien direkt nach Dubrovnik kommen zu können. Das Kriegsgebiet Kosovo markierte für alle bisherigen spontanen Entscheidungen eine nicht zu bewältigende Grenze, und erstmals wurde die einzuschlagende Route fremdbestimmt. Den Kadettpiloten blieb nichts anderes übrig, als die ihnen angesichts vieler Nachtfahrten ohnehin nicht durchgängig bekannte Strecke zurückzufahren und noch mehr und teilweise von der Herfahrt deutlich abweichende Impressionen und Erfahrungen zu sammeln.

War ihnen die Gegend um Nis vom Hinweg wegen der gesperrten Autobahn und eines notdürftig eingerichteten und doch kaum passierbaren Parallelweges noch in mehr als schlechter Erinnerung, wollte sich auf der Rückfahrt der tagelang praktisch unentwegt auf Touren gehaltene 60-PS-Motor nicht mit der zuletzt getankten Benzingabe vertragen. Bei stotterndem Motor waren zeitweise trotz Vollgas nicht mehr als 80 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit zu erreichen.

Das an der bosnisch-kroatischen Grenze gelegene Slawonski Brod kam ihnen nach rund 30-stündiger problembehafteter Fahrt wie ein Paradies vor. Hungrig, übermüdet und nach selbstkritischer Einschätzung daherkommend "wie Vagabunden" wurden sie dort in einem erstklassigen Restaurant empfangen "wie Könige". Nach einer wahren Essensorgie wurden sie von einem Pizza-Kurier aus der direkten Nachbarschaft des Restaurants zu einer zehn Kilometer entfernten Pension geleitet. Dort konnten sie endlich wieder duschen und in einem richtigen Bett schlafen, frische Klamotten anziehen und nach einem gewaltigen Frühstück "endlich" weiterfahren.

Richtung Zagreb lief das Auto noch immer nicht rund. Da das unternehmungslustige Quartett ja immer noch zwei Tage Zeit hatte und inzwischen per SMS in Erfahrung gebracht hatte, dass die angesagtesten Party-Orte Istriens Pula und Porec sind, entschlossen sie sich zu einem "kleinen Umweg" und übernachteten erstmals tatsächlich auf einem Campingplatz. Im Dunstkreis wohlgeordnet ausgerichteter Hauszelt-Zeilen und nummerierter Wohnmobil-Parkplätze steuerten sie ihren Kadett zum Strand und genossen es, statt im "Wohnzimmer" nur wenige Meter vom heranbrandenden Wasser unter freiem Himmel zu schlafen.

Über Ljubljana steuerten sie den Grenzübergang in Villach an und waren extrem erleichtert, als sie auch Slowenien problemlos hinter sich gelassen hatten und wussten, dass ihnen jetzt eigentlich gar nichts mehr passieren kann, was nicht mit Hilfe des Österreichischen Automobilclubs oder des ADAC gelöst werden kann.

Das eigentliche Abenteuer war damit praktisch schon zu Ende, und es galt nur noch, von Salzburg über München und einen kleinen vergleichsweise lächerliche 600 Kilometer bedeutenden Umweg über Bayreuth endgültig wieder Kirchheim anzusteuern, wo nach 24-stündigem Erschöpfungsschlaf Bilanz gezogen werden konnte.

Sie hatten zweifellos viel gesehen, viel erlebt, waren enorm viel gefahren und hatten bis auf die unvermeidbaren insgesamt 15 Tankfüllungen verhältnismäßig wenig Geld ausgegeben für einen "Urlaub", der so nie geplant und doch trotz aller Strapazen aus ihrer Sicht ein voller Erfolg war.

Im acht Tage währenden gnadenlosen Selbstversuch, der sie über insgesamt 15 Grenzen hinweg immerhin rund 7 800 Kilometer durch Ost-Europas nicht immer sofort als solche erkennbare "Straßen" führte, hatten die vier "Camper" auch noch ein weiteres oft strapaziertes Zitat gewissenhaft auf seine Gültigkeit überprüft: Der Weg ist das Ziel . . .