Lokales

"Wenn es laut war, konnte ich nichts mehr verstehen"

Als traditionsreiche schulische Einrichtung ist die 1846 in Nürtingen gegründete Taubstummenanstalt und spätere Schwerhörigenschule ein Begriff. Die zahlreichen Angebote und Aufgaben der Staatlichen Schule für Hörgeschädigte und Sprachbehinderte mit Internat in den Bereichen Diagnostik, Beratung, frühe Förderung, Bildung und Erziehung sind jedoch weitgehend unbekannt.

NÜRTINGEN Als Anlaufstelle für Eltern hörgeschädigter Kinder ist die Beratungsstelle ab der Diagnosestellung oder bei Verdacht auf eine Hörschädigung für die Landkreise Esslingen, Reutlingen, Tübingen, Böblingen und darüber hinaus zuständig. Die Beratung und Förderung von Kindern mit Sprachauffälligkeiten aus dem Altkreis Nürtingen umfasst den Zeitraum bis zur Einschulung.

Anzeige

Regine war 15 Monate alt, als ihre Eltern an einer pädaudiologischen Abteilung einer HNO-Klinik die Diagnose einer hochgradige Innenohrschwerhörigkeit erhielten. Kurz darauf nahmen sie Kontakt zur Beratungsstelle in Nürtingen auf, deren Adresse sie vom Arzt erhalten hatten. Im ersten Gespräch mit der Mutter beschnupperte man sich gegenseitig und vereinbarte einen Termin für einen Hausbesuch, "damit bei aller momentanen Belastung durch die neue Situation ein für alle entspanntes Kennenlernen möglich ist", erinnert sich Margarete Sprenger, Abteilungsleiterin des Bereichs Frühförderung. Nach der Vorstellung der kostenlosen Angebote wählten Regines Eltern für den Anfang eine Einzelförderung und -beratung alle zwei Wochen, die Begegnung mit anderen Müttern bei der Eltern-Kind-Gruppe in Nürtingen und die Begleitung der Hörgeräteanpassung im Zusammenwirken mit dem Akustiker und den Ärzten.

Stefan ist ein aufgeweckter, kontaktfreudiger und neugieriger Vierjähriger, der auf Grund seiner an Taubheit grenzenden Hörschädigung im Alter von 18 Monaten mit einem Cochlear-Implantat (CI) versorgt wurde. Das CI ist eine elektronische Hörhilfe, eine Prothese, welche die ausgefallenen Funktionen des Innenohres ersetzen soll. Äußerlich sieht ein Implantat heute fast so aus wie ein Hörgerät.

Mit Hilfe eines hochentwickelten und individuell angepassten Computerprogramms werden Sprache, Geräusche und Musik in Signale umgeformt, die an den in der Hörschnecke implantierten Elektrodenstrang weitergeleitet werden. Dort werden dann die entsprechenden Fasern des Hörnervs stimuliert, der diese Informationen an das Gehirn weiterleitet. Stefan hat mit seinem CI hören und sprechen gelernt. Seine Stimme ist melodiös, er hat Freude am Handeln mit Sprache und er singt gerne. Sein Wortschatz und sein Satzbau sind zwar noch nicht altersgemäß, doch gilt es zu beachten, dass er das Höralter eines zweieinhalbjährigen und eben nicht eines vierjährigen Kindes hat. Stefan besucht den Kindergarten an seinem Heimatort. Die Eltern und die Erzieherinnen erhalten aus Nürtingen fachliche Beratung bei der Förderung. Zur wohnortnahen Einzelförderung wurde eine erfahrene Logopädin einbezogen.

Die Hörgeschädigtenpädagogen der Johannes-Wagner-Schule sind mit der Aufgabenstellung, Lehrerinnen und Lehrer an anderen Schulen zu informieren und sie bei der Integration von Schülern mit Hörschädigungen zu unterstützen, auch mobil unterwegs. Dieses Angebot wird derzeit von etwa 100 Familien in Anspruch genommen, deren Kinder eine Grund- oder Hauptschule, eine Realschule, ein Gymnasium oder eine Sonderschule besuchen. Annelie Williams ist die zuständige Ansprechpartnerin des kooperierenden Dienstes, der von den Eltern oder den Schulen angefragt werden kann.

Melina besucht die vierte Klasse der Grundschule in ihrer Heimatgemeinde. Sie trägt seit der Kindergartenzeit selbstbewusst ihre Hörgeräte. Sie hat ihren Sitzplatz im Hufeisenrund der Schülertische am Fenster, sodass sie die Gesichter der Mitschüler im Licht und nicht gegen das Licht sieht. Da das Hören ohne zu sehen mehr Konzentration erfordert und Missverständnisse leicht möglich sind, unterstützen die Lehrer das Sinnverständnis durch sichtbare Impulse und schriftliche Handlungsaufträge. Dieses Prinzip ist bekannt aus Fernsehnachrichten, in denen ein eingeblendetes Bild und eine Schlagzeile den folgenden Sprechbeitrag ankündigen. Nach den Sommerferien wird Melina in die Realschule am Nachbarort gehen. "Gut ist, dass der begleitende Dienst aus Nürtingen auch weiterhin zur Verfügung steht", freuen sich die Eltern.

Wer aufmerksam über den Pausenhof der Johannes-Wagner-Schule geht, dem fällt auf, dass dort Kinder und Jugendliche mit und ohne Hörhilfen unterrichtet werden. Ohne Hörgeräte? "Ja, es gibt auch Beeinträchtigungen der Hörverarbeitung, die besondere Rahmenbedingungen erfordern," erklärt Direktor Wolfgang Weiß. Ein Schüler beschreibt seine Situation anschaulich: "Ich bin seit der dritten Klasse an der Johannes-Wagner-Schule, weil es für mich in der alten Schule zu anstrengend war zu lernen. Wenn es laut war in der Klasse mit 29 Kindern, oder wenn zwei oder mehr Kinder gleichzeitig geredet haben, dann konnte ich gar nichts mehr verstehen, mich nicht mehr auf die Lehrerin konzentrieren. Hier in der Schule ist es einfacher, da wir nur zehn Kinder in der Klasse sind und im Halbkreis sitzen, sodass wir alle einander beim Sprechen anschauen können. Auch die Lehrerin spricht uns immer von vorne an, und wir kommen auch häufiger dran. Da es in der Klasse auch eine Höranlage für die Kinder mit Hörgeräten gibt und wir alle ein Mikrofon am Tisch haben, ist es viel ruhiger, sodass ich besser verstehen kann."

In der Johannes-Wagner-Schule werden die Bildungsgänge Grund-, Haupt- und Realschule angeboten. Es wird nach den Bildungsplänen der allgemeinen Schule unterrichtet. Eine Besonderheit der Schulen für Hörgeschädigte ist das fünfte Grundschuljahr.

"Gut hören können bedeutet nicht automatisch auch gut verstehen zu können", erläutert Fachschulrätin Rotraud Kiener, die in der Beratungsstelle zusammen mit Kollegen die Diagnostik bei Ein- und Umschulungen durchführt. Es gibt Kinder und Jugendliche, die durch ihr Hörverhalten im Elternhaus, im Kindergarten oder in der Schule auffallen und obwohl normalhörend den Eindruck vermitteln, hörgeschädigt zu sein. Sie können Probleme haben, einen längeren Zeitraum aufmerksam zuzuhören, bei Nebengeräuschen ausreichend zu verstehen, Gehörtes zu speichern, Sprachlaute und Lautverbindungen sicher zu erkennen und zu unterscheiden oder eine Schallquelle zu lokalisieren. Diese Auffälligkeiten können ab dem sechsten Lebensjahr mit entsprechenden Prüfverfahren an der Beratungsstelle der Johannes-Wagner-Schule diagnostiziert werden.

pm

KONTAKTJohannes-Wagner-Schule, in Nürtingen, Neuffener Straße, Telefon 0 70 22 / 404-100, Telefax 0 70 22 / 4 04-1 05, Homepage www.johannes-wagner-schule.de.