Lokales

Wenn Flipper das Eis bricht . . .

Schmutz in den Meeren und Nahrungsmangel machen Delfinen zunehmend das Leben schwer. Die Vereinten Nationen haben 2007 zum "Jahr des Delfins" ausgerufen, um auf die Situation der Walverwandten aufmerksam zu machen. Selbst weitab der Weltmeere, zwischen Teck und Hohenstaufen, sind die Riesensäuger vielen Menschen ans Herz gewachsen.

IRENE STRIFLER

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WEILHEIM / KEY LARGO Es gibt Menschen, die um die halbe Welt reisen, um vom Kreuzfahrtschiff aus spielende Delfine zu beobachten. Andere wiederum schätzen die grauen Riesen als Therapeuten. Zu ihnen zählt Catja Brandes aus Weilheim. Eigentlich ist die Logopädin um Worte nicht verlegen. Doch unter dem Eindruck amerikanischer Therapieformen mit Delfinen fehlen ihr glatt passende Formulierungen: "Einfach super", schwärmt sie ergriffen, und ihre Augen leuchten.

Catja Brandes hat zwei Wochen lang in Key Largo, Florida, eine Delfintherapie begleitet. "Zunächst war ich eher skeptisch und habe das Vorhaben nicht so ernst genommen", räumt sie rückblickend ein. Im Bekanntenkreis teilte sie nur mit: "Ich geh' zu Flipper." Doch Flipper, der in diesem Falle "Duke" hieß, hat die Weilheimerin im Handumdrehen um den sprichwörtlichen Finger gewickelt. "Das sind tolle Tiere", schwärmt die Logopädin.

Zur Bekanntschaft mit Duke kam Catja Brandes über eine Patientin. Die 20-jährige Corinna aus Göppingen wird von ihr betreut. Corinna erlitt im Alter von zehn Monaten einen Impfschaden und ist behindert. Sie spricht nicht, obwohl sie andere versteht, und gilt als extrem kontaktscheu. Bilder aus den Tagen vor Therapiebeginn zeigen das Mädchen mit gesenktem Blick in abweisender Pose. Duke jedoch hat während ihres mehrwöchigen Aufenthalts auf Key Largo seine Rolle als Eisbrecher vollauf erfüllt. Mehr haben sie nämlich dort gar nicht zu tun, die Delfine, die zur Unterstützung bei der Behandlung von Krankheiten wie Autismus, Downsyndrom oder Hydrozephalieeingesetzt werden.

Die Idee geht auf einen New Yorker Psychiater zurück, der eine Verbesserung des Kontakts zu Patienten feststellte, wenn während der Therapie ein Haustier zum Einsatz kommt. Einige Forscher bescheinigen speziell Delfinen eine außergewöhnlich heilsame Wirkung auf neurologisch geschädigte Menschen. Eingesetzt werden die Säugetiere als eine Art Belohnung für die Mitarbeit der Patienten. "Wenn Corinna einen Ring als gelb identifiziert hatte, durfte sie ihn ins Wasser werfen, und Duke brachte ihn zurück", beschreibt die Mutter, Silke Weisser, das Grundkonzept. Was ihrer Tochter zudem gut tat, war das Klima in Florida und die Schwerelosigkeit im warmen Meerwasser.

"Corinna hat während der Therapie eine eindrucksvolle Entwicklung vollzogen", fasst Catja Brandes den Therapieerfolg in Worte. "Sie war aufmerksam und gelöst und konnte sich konzentrieren." Tatsächlich zeigen Fotos nach der Therapie eine lächelnde junge Frau mit wachem, aufgeschlossenen Blick.

Es ist, als hätte Duke einen Funken der amerikanischen Leichtigkeit auf die junge Frau aus Deutschland übertragen. Der acht Jahre alte Tümmler, der speziell für die Therapie ausgebildet ist, näherte sich ihr behutsam und spielerisch. Wenn Duke mal frei hat, steht ihm der Golf von Mexiko offen, denn die Therapieeinrichtung soll kein "Gefängnis" sein. Mit Corinna trainierte er drei Wochen jeden Tag eine Stunde lang.

"Optimal wäre es, dreimal jährlich nach Key Largo zu fliegen", lacht Silke Weisser. Sie weiß, wovon sie spricht. Schließlich ist es schon das zweite Mal, dass die engagierte Mutter eine solche Reise unternommen hat. Der Einsatz eigener finanzieller Mittel geht in die Tausende. Allerdings zehrt die ganze Familie vom Erfolg. "Amerika ist ein durch und durch behindertenfreundliches Land", betont Weisser. Im Kreis von mehreren Familien aus der ganzen Welt, darunter vier deutsche Familien, die mit ihren behinderten Kindern angereist waren, fühlten sich die Göppinger endlich einmal so richtig "normal". Die Geschwister erlebten, wie andere den Umgang mit einem behinderten Bruder oder einer Schwester bewältigen.

Das Problem offenbart sich dann wieder zuhause. "Wie kann der Therapieerfolg gehalten werden?" Silke Weisser hat dazu schon lange einen Traum, der nun Realität wird: eine Art Therapiezentrum, in dem Tiere eine entscheidende Rolle spielen. "Natürlich haben wir keine Delfine", räumt sie ein. Aber auch mit Pferden und Hunden seien bereits gute therapeutische Ergebnisse erzielt worden. Der Gedanke eines solchen Zentrums wird nun im Raum Göppingen umgesetzt, und zwar vom Klinikum Christophsbad. Dort ist soeben das Pilotprojekt "Mittendrin" gestartet. Sechs Wochen lang werden die klassischen Elemente Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie geboten. Dazu kommt Musiktherapie und die Arbeit mit fünf ausgebildeten Hunden. Sie "ersetzen" sozusagen die Delfine.

Mit von der Partie sind neben Ärzten des Christophsbades auch externe Therapeuten. Catja Brandes hat unter anderem die Aufgabe übernommen, zwischen Eltern und Therapeuten zu vermitteln. Sie setzt darauf, den Gedanken des Hand-in-Hand-Arbeitens weiterverfolgen zu können. Aus dem ganzheitlichen Ansatz in Amerika hat sie viele Ideen mitgebracht nach Deutschland, und vor allem auch neuen Spaß an der Arbeit gewonnen. Das verdankt sie nicht zuletzt Flipper alias Duke.

INFOFür Interessierte findet am 9. Februar um 20 Uhr im Göppinger Christophsbad ein Informationsabend über das Projekt "Mittendrin" statt. Informationen gibt es unter der E-Mail-Adresse mittendrin@christophsbad.de oder bei Silke Weisser unter der Nummer 0 71 61 / 7 07 74.