Lokales

Wenn Jugend zur Randgruppe wird

KIRCHHEIM "Brauchen wir ein Jugendhaus?" lautete die provokante Frage, die Ralf Gerber in die Runde

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IRENE STRIFLER

warf nach Vorstellung der neuen Jugendhaus-Konzeption im Kirchheimer Gemeinderat durch Kurt Spätling, Geschäftsführer des Kreisjugendrings, und Jugendhausleiter Matthias Altwasser. Der Vertreter der Freien Wähler setzte noch eins drauf: Eine neue Konzeption sei dann nötig, wenn das Jugendhaus erhalten bleiben solle. Ein Ziel, das von keinem der Redner im Gremium in Abrede gestellt wurde. So ließ Gerber seine provozierende Kritik in einen "positiven Einstieg in eine neue Zeitrechnung" münden. Die Konzeption sei von Profis entwickelt worden und stelle den letzten Strohhalm dar, das Jugendhaus am Leben zu erhalten.

Die pointierte Darstellung brachte die Gespaltenheit des Gemeinderats auf den Punkt. Zwei Lager stehen einander gegenüber. Es geht um die Grundsatzfrage: Soll ein Jugendhaus Rückzugsflächen für Jugendliche bieten oder sich in Zeiten wachsender Bindungslosigkeit zu einer Art Generationenhaus wandeln?

"Der Fehler ist, zu denken, dass Jugendliche von heute so sind wie wir früher waren", klärte KJR-Mann Spätling das Gremium auf. Zuvor hatte Altwasser von der "Ent-Strukturierung der Gesellschaft" gesprochen: Familien als soziales Netzwerk befänden sich zunehmend in Auflösung, Bezugsgruppen so genannte Peer-Groups existierten immer weniger, angesichts des demografischen Wandels werde Jugend zur Randgruppe.

Mit dem neuen pädagogischen Ansatz gehe es nicht darum, den Jugendlichen etwas wegzunehmen, sondern ein zusätzliches Angebot im Jugendhaus zu verankern. Spätling verwies auf funktionierende Beispiele generationsübergreifender Jugendhäuser wie die Deizisauer Zehnt-scheuer. Ziel sei nicht, alt und jung "zusammenzusperren", sondern einen Beitrag zum Dialog der Generationen zu leisten. Im übrigen sah Spätling keinen Anlass zur Aufregung: Einzelne generationsübergreifende Angebote wie zum Beispiel Lesungen gäbe es in der Linde längst.

CIK-Vertreter Wolfgang Schuler bezeichnete zwar die Ansätze, jung und alt zusammenzubringen, grundsätzlich als gut, vermisste aber eine stärkere Einbeziehung der Jugendlichen in die Konzeption. Kibü-Mann Albert Kahle wiederum sah Handlungsbedarf beim baulichen Zustand des Jugendhauses, wenn sich dort auch Ältere wohlfühlen sollten.

"Generationsübergreifende Arbeit ist ein gesellschaftspolitisches Anliegen, aber nicht Aufgabe eines Jugendhauses", signalisierte Andreas Schwarz für die Grünen Alternativen deutlich die Ablehnung des Grundgedankens. Er verwies auf den Wunsch der Jugendlichen nach "nicht pädagogisierten Angeboten". "Hier ist an der Zielgruppe vorbeikonzipiert worden", war sich auch Dr. Silvia Oberhauser von der Frauenliste sicher: "Die Jungen brauchen ihre Freiräume." Dies empfand Michael Holz von den Grünen Alternativen ähnlich. Er erinnerte an die Idee der Jugendhauses, nicht in Vereinen integrierte Jugendliche anzusprechen. Diese Jugendlichen, die auf der Straße rumhingen, gäbe es schließlich auch heute noch.

Als "gespalten" bezeichnete sich SPD-Vertreter Andreas Kenner. Er stimmte zu, dass Kinder aus so genannten heilen Familien durchaus Rückzugsmöglichkeiten bräuchten. Die Kinder aus den vielen kaputten Familien suchten jedoch gerade die Ansprache und Anerkennung von Erwachsenen. Er plädierte dafür, das Konzept der Jugendhausverantwortlichen kritisch zu begleiten. Konkrete Hausaufgaben für den Gemeinderat sah er eher in der Neuetablierung eines Jugendgemeinderats.

Von der CDU kam klare Zustimmung zur neuen Linde-Konzeption. Als "durchdacht und gelungen" wurde sie von Eva Baudouin gelobt. Natürlich solle das Jugendhaus ein Haus für Kinder und Jugendliche sein, dennoch sei die Öffnung richtig. Von einer "wegweisenden Neuausrichtung" sprach SPD-Vertreterin Tonja Brinks. Generationsübergreifendes Publikum könne eine sinnvolle Ergänzung darstellen, müsse es jedoch nicht. "Der Gedanke der Integration in die Gesellschaft beinhaltet auch Ältere", war die Meinung von FDP-Mann Bernhard Most. Wer Jugendliche integrieren wolle, dürfe sie nicht im Jugendhaus isolieren.

Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker bat die Stadträte, die von diesem Punkt nur Kenntnis zu nehmen hatten, abschließend darum, den von den Jugendhaus-Fachleuten erläuterten Weg mitzugehen und warb für die gemeinwesenorientierte Jugendarbeit. In Zeiten des Wegbrechens familiärer Gefüge könnten sich hier junge Menschen wieder in eine Art Familie einfinden.