Lokales

Wenn Kirchheimer Schüler plötzlich U-Bahn fahren . . .

KIRCHHEIM "Alle, die U-Bahn fahren hinter den Vorhang, okay, seid Ihr soweit? jetzt geht's los!". Energisch winkt Christian Laubert, und schon herrscht gespannte Ruhe

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IRENE STRIFLER in der Bastion. Ein Dutzend Jugendliche setzen sich in Bewegung, steigen schnurstracks die Treppen zur Bühne hinab und gleiten auf ihre fiktiven U-Bahn-Sitze. "Vorwärts", lautet das nächste Kommando. Sofort nehmen die "Schauspieler" eine Körperhaltung ein, die unmissverständlich klar macht, in welcher Richtung die U-Bahn unterwegs ist. Der Theatermann ist zufrieden. "Sehr schön", lautet sein knappes Lob, ehe er sich mit einer resoluten Drehung auf dem rechten Fuß abwendet, in Gedanken schon bei der nächsten Szene . . .

Im Gemäuer der Bastion wird derzeit hart gearbeitet. 30 Schüler lassen sich hier von der Welt des Theaters in den Bann nehmen. Ganz klar: Schule ist mehr als Pauken, das gilt auch und vielleicht umso mehr in Zeiten des Pisa-Schocks. Für eine Handvoll Tage steht für die 8d aus der Kirchheimer Freihof-Realschule nicht Mathe und Bio auf dem Stundenplan, sondern Theater rund um die Uhr.

Das Projekt warf schon im Herbst seine Schatten im Deutsch-Unterricht voraus, als die Klasse unter der Ägide ihrer Klassenlehrerin Barbara Wittemann das Jugendbuch "Der mechanische Prinz" von Andreas Steinhövel durchnahm. Gelesen haben die Geschichte von Max, der mit einem goldenen Ticket in fiktive Welten fährt, alle, das beteuern sie vehement. Nun geht es darum, 14 auserwählte Szenen als Theaterstück zu präsentieren. Vorarbeiten liefen vergangene Woche im Klassenzimmer, jetzt stehen die Schüler bereits im Scheinwerferlicht der Bastion.

Eingebunden ist ausnahmslos jeder, darauf hat der Theaterpädagoge ein wachsames Auge. Mit praktischen Tipps, zündenden Ideen und begeisterndem Lob spornt er die Teenager an, lässt den Funken überspringen. Laubert fungiert als Ideengeber und bringt sich selbst allerorten mit ein. Fehlt die Musik, überbrückt er mit rhythmischem Schnalzen, gurrend begleitet er die Taubenfütter-Szene. Umgehend leisten die Schüler den Aufforderungen des freakigen Exoten mit dem roten Strickkäppchen Folge, versetzen sich in die ihnen zugedachten Rollen. "Texte gibt es nicht", macht Laubert klar, dass die Identifikation mit der dargestellten Person genügen muss. Keine Probe läuft wie die andere, Improvisation ist das Gebot der Stunde. So streiten beispielsweise die Eltern auf der Bühne nicht mit den Worten Steinhövels, ihr Disput ist eher ein Spiegel des Lebensumfeldes der Jugendlichen. Der Stoff gefällt den 14- bis 16-Jährigen. "Die Geschichte vom Jungen, der seine Angst besiegt und eine Reise nach innen macht", hat mich von Anfang an angesprochen, erzählt auch der Theatermann, der "nie zweimal das gleiche macht".

Für Laubert ist jedes Theaterprojekt ein Experiment. "Ich liebe die Arbeit gemeinsam mit Kindern aller Art" meint der ambitionierte Macher mit einer Geste, als wolle er die Welt umarmen. Euphorisch setzen die Jugendlichen neue Impulse um und überwinden ihrerseits die Angst, vor anderen zu reden und zu agieren. "Was während dieses Projektes in Sachen Präsentation gelernt wird, ist unglaublich", sagt Barbara Wittemann und verweist zudem auf den hohen Gewinn für die Klassengemeinschaft. Schon zum vierten Mal hat sie die ungewöhnliche Zusammenarbeit mit dem Theaterpädagogen gesucht und schätzt an ihm Fachwissen in Verbindung mit dem richtigen pädagogischen Händchen. "Laubert wirkt einfach authentisch und sprudelt über von guten Ideen", erklärt sie sich die Begeisterung der Schüler, die sich klaglos dem durchaus autoritären Ton unterwerfen. Keine Frage, die Freiheiten, die der Lehrplan lässt und die Unterstützung, die das Kultusministerium gewährt, fallen auf fruchtbaren Boden.

Wo es experimentierfreudige Pädagogen gibt, kann das Beispiel Schule machen. So ist der Theaterpädagoge an den Bildungseinrichtungen in und um Kirchheim kein Unbekannter und derzeit mit weiteren Projekten an einer Göppinger und Nürtinger Schule befasst. In Kirchheim aufgewachsen, unternahm er die ersten Gehversuche auf den Brettern, die die Welt bedeuten, in der Theater-AG des Ludwig-Uhland-Gymnasiums. Die Immatrikulation für Theologie konnte die Berufung fürs Theater nicht auf Dauer unterdrücken. Dramaturgenstellen im Kreis Wesel und am Stadttheater Heidelberg folgten, flankiert vom Studium der Geschichte, Gemanistik und Pädagogik. Seit 2001 ist er in Heidelberg Regisseur, Autor und Theaterpädagoge und kooperiert mit dem Landeskultusministerium. Der aktiven Arbeit in kreativer Atmosphäre hat er sich verschrieben, Verschleißerscheinungen lässt der 40-Jährige nicht erkennen. "Los geht's, nächste Szene", brüllt er in den Gang der Bastion. Folgsam setzen sich die Jugendlichen in Bewegung. Noch zwei Tage haben sie Zeit für ihr Projekt. Dann packt der Dramaturg seine Requisiten zusammen, und an der Schule wird wieder gepaukt.