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"Wenn man erstmal dabei ist, hört man nicht mehr auf"

Kaum eine andere Sportart dürfte Motorik, Konzentration und Koordination mehr fördern und fordern als Rhythmische Sportgymnastik angesichts des bei Kindern überall beklagten Bewegungsmangels eigentlich die ideale Lösung, möchte man meinen. Trotzdem plagen die seit 1984 bei Olympia vertretene Disziplin erhebliche Nachwuchssorgen. Eine der wenigen Ausnahmen bildet der TSV Ötlingen, der jedoch auch um jedes neue Mitglied kämpfen muss.

PETER EIDEMÜLLER

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KIRCHHEIM Wer die Eduard-Mörike-Halle in Ötlingen betritt, ahnt nicht, dass er sich in einer der letzten Hochburgen einer Sportart befindet, die mehr und mehr ums Überleben kämpft: Die Rhythmische Sportgymnastik fristet in Sachen Mitgliederzahlen seit Jahren ein Mauerblümchendasein mit ungewisser Zukunft innerhalb des Schwäbischen Turnerbunds, dem immerhin 1176 Vereine angehören, gibt es gerade mal noch zehn Stück, bei denen man die graziöse Mischung aus Gymnastik und Tanz betreiben kann. "Unserem Sport fehlt vor allem eine breite Basis", sagt der Mann, der seit knapp sechs Jahren der RSG-Abteilung im TSV Ötlingen als Hauptverantwortlicher vorsteht. Siegfried Stark weiß genau um die Schwierigkeiten der Sportart, die er dank seiner beiden selbst mit Keulen, Reifen und Band aktiven Töchter schätzen und bewundern lernte. "Die Anforderungen in der Rhythmischen Sportgymnastik sind enorm hoch", so der 47-Jährige, "das ist in der heutigen Spaßgesellschaft nicht jedermanns Sache."

In der Tat ist ein Trainingsaufwand von dreimal zweieinhalb Stunden pro Woche in einer Sportart, die beim TSVÖ hauptsächlich von Kindern im Alter zwischen sieben und elf Jahren betrieben wird, nicht von Pappe angesichts des 120 Seiten starken Wettkampfreglements allerdings auch absolut notwendig. Schließlich müssen bereits siebenjährige Gymnastinnen auf Wettkampfebene schon zwei komplexe Übungen, die von Instrumentalmusik begleitet werden, im Repertoire haben. Logisch, dass der Umgang mit den fünf Handgeräten (Band, Seil, Ball, Reifen und Keulen) ständig geübt sein will.

Entsprechend zahlreich muss deshalb auch der Betreuerstab sein. Beim TSV Ötlingen sorgen insgesamt zehn ausnahmslos weibliche Trainer (darunter eine Balletttrainerin) für die Schulung von Körperbeherrschung sowie Gleichgewichts- und Rhyhtmusgefühl bei momentan 30 Mädchen, die beim TSVÖ trainieren, ein vergleichsweise hoher Betreuungsschlüssel. "Um Rhythmische Sportgymnastik auf diesem Niveau anzubieten, ist das aber absolut nötig", betont Siegfried Stark.

Selbiges Niveau hat man sich beim TSVÖ hart erarbeitet. Wo in anderen Vereinen wie in Nellingen, Neuffen oder Ruit mangels Mitgliedern der Übungsbetrieb eingestellt werden musste, sorgen die Ötlingerinnen seit Gründung der Abteilung im Jahr 1975 regelmäßig für positive Schlagzeilen. Dank zahlloser Erfolge auf württembergischer, süddeutscher und deutscher Ebene hat sich die kleinste Abteilung des TSVÖ über die Jahre hinweg in der Sportszene einen großen Namen gemacht nicht zuletzt wegen des unermüdlichen Engagements aller Beteiligter. "Wir mussten schon ordentlich Energie einsetzen, um die Sportart zu retten", sagt Siegfried Stark, der die Abteilung auf einem guten Weg glaubt. "Für die nächsten drei Jahre sieht's gut aus", glaubt er, dass die Mitgliederzahl stabil bleibt und auch die Trainerinnen dem TSVÖ die Stange halten werden.

Weiter in die Zukunft gehende Prognosen wagt Stark nicht zu genau weiß der gelernte Sozialpädagoge, dass sich "seine" Abteilung vor allem finanziell auf dünnem Eis bewegt. Um gutes Niveau zu garantieren, müssen die Trainerinnen entsprechend qualifiziert sein. Immerhin sind fünf TSVÖ-Trainerinnen im Besitz der C-Lizenz, der Rest bekommt eine Aufwandsentschädigung. "Das ist unser größter Kostenpunkt", bestätigt Stark. Für größere Anschaffungen wie eine Musikanlage oder eine neue Wettkampfmatte (Stark: "So ein Ding kostet bis zu 7500 Euro, hält dafür aber auch zehn Jahre") muss da natürlich eisern gespart werden. Einzige Einnahmequelle neben den Mitgliedsbeiträgen sind Veranstaltungen wie die traditionell am ersten Advent stattfindende Jahresfeier oder Wettkämpfe, die der TSVÖ während der von Februar bis Juni dauernden Saison ausrichten darf.

Neben der Gewährleistung des qualifizierten Trainingsbetriebs sind die Ötlinger Sportgymnastinnen wie kaum ein anderer Verein auf Nachwuchs angewiesen. "Da müssen wir deutlich mehr tun, als andere Sportarten", klagt Siegfried Stark doch Bange gemacht wird in Ötlingen nicht, im Gegenteil: Mit groß angelegten Plakat- und Flyeraktionen an Schulen und Kindergärten wirbt die Abteilung für ihr Tun mit Erfolg: Beim alljährlich nach den Weihnachtsferien stattfindenden Schnupperkurs nahmen heuer elf interessierte Mädchen teil, davon besuchen fünf mittlerweile regelmäßig das Training. "Für uns ist das eine sehr gute Quote", freut sich Stark, der gleichzeitig hofft, dass auch 2008 wieder Neugierige am Schnupperkurs teilnehmen werden in Ötlingen freut man sich über jedes neue Gesicht. In der Mörike-Halle vorbeizuschauen, lohnt laut Stark: "Es ist zwar ein weiter Weg, bis man Rhythmische Sportgymnastik richtig kann und es Spaß macht. Aber wenn man erstmal dabei ist, hört man auch nicht mehr auf."

Bestes Beispiel dafür ist die Show-Gruppe, die so etwas wie das Aushängeschild der Abteilung ist. Bestehend aus sechs Gymnastinnen sorgt diese Truppe mit Auftritten vom Presseball über Turnfeste bis hin zu Feuerwehrfeiern regelmäßig für Furore auch beim eigenen Nachwuchs. "Klar schauen unsere Jüngsten zu denen auf", so Stark, "für viele ist genau dies Anreiz und Motivation." Sich selbige bei Wettkämpfen zu holen, ist mitunter nämlich schwer: In den diversen Alterklassen finden nur ein bis zwei Wettkämpfe pro Saioson statt der geringen Vereinsdichte wegen. Um Spaß und Spannung aufrechtzuerhalten, haben sich die TSVÖ-Macher eine abteilungsinterne Leistungsstandskontrolle ausgedacht. Je nach Alter müssen die Gymnastinnen gewisse Vorgaben erfüllen und erhalten dafür jeweils ein Abzeichen der Ideenreichtum in der Sportgymnastik-Hochburg kennt eben keine Grenzen.

INFORhythmische Sportgymnastik in ÖtlingenZahl der Mitglieder unter 18: 30Mitgliedsbeitrag: 30 Euro pro MonatTrainingsstätte: Eduard-Mörike-Halle Ansprechpartner: Siegfried Stark, Telefon: 0 70 21/7 15 72Internet: www.tsv-oetlingen.de