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Wenn Wieslesbesitzer nicht mehr in den sauren Apfel beißen

Noch umschmeicheln Streuobstwiesen jeden Ort zwischen Teck und Limburg. Oft sind diese Obstwälder jedoch dünn und lückig geworden oder gar ganz verschwunden. Dafür gibt's viele Ursachen. Aber es gibt auch ein paar wackere Optimisten, die sich mit dem Verschwinden dieser Kulturlandschaft nicht abfinden wollen.

MONIKA RIEMER

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KIRCHHEIM Buckelige Baumpersönlichkeiten stehen in lockerer Reihe auf der Wiese. Die gelbe Herbstsonne taucht sie in ein warmes Licht und lässt die rotgestreiften Äpfel aus dem noch grünen Laub leuchten. Schwer krümmen sich die Äste unter ihrer Last; mancher reicht gar bis zum Boden. Es riecht süßlich nach Obst und modrig nach Erde. Unter einem großen Birnbaum graben zwei Kinder einen Mäusegang nach. Ein älterer Mann rüttelt in kurzen Abständen mit der Hakenstange an den Bäumen. Dann prasseln Apfelsalven auf das Gras. Zwei Frauen mit Eimern sammeln die Äpfel ein. Drei volle Rupfensäcke lehnen bereits am Stamm. Alles in allem ein richtig idyllisches Bild und ganz schön viel Arbeit.

Das ist wohl auch ein Hauptgrund, weshalb immer mehr Streuobstwiesen verwaisen. Viele Bäume sterben, brechen auseinander und ähneln abgedankten Majestäten. Äpfel und Birnen verfaulen zum Teil noch am Ast oder spätestens im Gras. Wespen und Vögel machen sich zwar gerne darüber her, das meiste vergammelt jedoch. Oft mäht niemand mehr das Gras, später wuchern Brombeerranken bis in die Kronen. Büsche und sogar Waldbäume erobern das Terrain.

In der Zeit von 1950 bis in die Neunziger Jahre sind die Streuobstwiesen am Albtrauf um 60 Prozent zurückgegangen. Um diese Entwicklung festzuhalten, zählt Gerhard Bauer aus Dettingen seit 15 Jahren jedes Jahr alle Streuobstbäume auf der Gemarkung. 44 070 waren es dieses Jahr. Rund vier Prozent weniger als zu Beginn der Zählung. Die Dettinger Streuobstwiesen sind quasi eine Insel der Glückseligen für seltene Tiere. Vogelkundler Bauer hat allein 46 Halsbandschnäpper und zahlreiche Spechtarten beobachtet. Doch auch er sieht, dass alte Bäume oft nicht durch junge ersetzt werden.

Die Liste der Arbeiten auf einer Streuobstwiese ist lang: Bäume pflanzen, schneiden und düngen, Obst ernten und verwerten, dazu noch Gras mähen und das Schnittgut entsorgen. Den meisten Bauern stehen die Bäume im Weg: Beim Mähen mit dem Schlepper wird der Apfelbaum zum Hindernis. Weil die Bäume hoch sind, eignen sie sich nicht für die maschinelle Ernte. Hier ist Handarbeit und körperlicher Einsatz gefordert. Wirklich honoriert wird das nicht: Statt dem Mostfässle sind die Preise fürs Mostobst im Keller. Der Doppelzentner bringt gerade mal fünf Euro und das in Zeiten, in denen eh alles in bare Münze umgerechnet wird. Wer macht dafür noch das Kreuz krumm?

"Damit sich die Arbeit mit dem Obst eher lohnt, legen wir für jeden Doppelzentner Äpfel 3,50 Euro extra drauf", erzählt Dieter Schneider vom Förderverein "Onser Saft". Dafür müssen sich die Wieslesbesitzer per Vertrag verpflichten, nicht zu spritzen, ihre Obstbäume zu pflegen und Jungbäume nachzupflanzen. Außerdem muss das angelieferte Obst frei von fauligen Stellen sein. Bevor die Äpfel in die Saftpresse wandern, sondern zwei Vereinsmitglieder nochmals schadhafte Früchte aus. Außerdem schickt der Verein jedes Jahr mehrere Stichproben von Blättern, Früchten und Saft zur Analyse ins Labor. "Das Interesse der Leute ist so groß, dass dieses Jahr etwa 30 000 Liter ,Onser Saft' in die Flaschen kommen", sagt Schneider stolz.

Entstanden aus den Agendabewegungen in Wendlingen, Köngen und Notzingen, hat sich der Verein "Onser Saft" den Erhalt der Streuobstwiesen auf die Fahnen geschrieben. Mit im Boot sitzt die Saftpresserei Valet in Wendlingen-Bodelshofen, die auch einen Teil der drei Saftsorten Apfel klar, naturtrüb und Apfel-Mango vermarktet. Apfel-Mango entsteht in Zusammenarbeit mit einer Eine-Welt-Initiative, die den philippinischen Mangobauern faire 33 Cent pro Flasche zahlt.

Eine andere Idee hat Familie Blankenhorn aus Dettingen. "Die einen haben keine Lust zum Äpfel auflesen, die anderen haben keine Wiese", erläutert Christian Blankenhorn das Problem. Um diese Leute zusammenzubringen, gibt es in der Fruchtsaftkelterei Blankenhorn nun eine Apfelbörse. Jeder, der eine Wiese zum Abernten hat, und jeder, der gerne Äpfel auflesen würde und dafür günstigen Apfelsaft bekommen kann, darf auf einem Zettel seine Wünsche plus Telefonnummer notieren und an das Börsenbrett heften. Somit können sich die jeweiligen Interessenten zusammenfinden. Wer Interesse an seiner Streuobstwiese hat, bekommt Unterstützung von den örtlichen Obst- und Gartenbauvereinen und von Albrecht Schützinger, Obst- und Gartenbauberater beim Landratsamt Esslingen. Er bietet auch regelmäßig Baumschnittkurse an. Mit einfachen Regeln und verständlicher Anleitung sollen die Teilnehmer nach ein bis zwei Kurstagen in der Lage sein, ihre Bäume mit möglichst geringem Zeitaufwand zu pflegen.

Dass Obst gesund ist, weiß eigentlich jeder. Albrecht Schützinger sagt: "Streuobstäpfel sind sogar mehrmals gesund: beim Auflesen und beim Essen." Etwa 300 Kalorien zusätzlich benötigt der Körper für eine Stunde Äpfel auflesen. Da ist am Abend ein Stück Apfelkuchen mit Sahne locker drin. Ohne Sahne dürfen es auch mehrere sein.

"An apple a day, keeps the doctor away", sagen die Engländer und meinen damit, dass wer jeden Tag einen Apfel isst, keinen Arzt mehr benötigt. Tatsache ist: In Äpfeln stecken jede Menge gesunde Inhaltsstoffe. Zum Beispiel Flavonoide. Die geben dem Obst seinen speziellen Duft und Geschmack und sorgen für die typische Farbe. Da diese Stoffe vor allem in den Randschichten stecken, sind vor allem rohe Äpfel besonders wertvoll. Auch das allseits beliebte Apfelsaftschorle ist für Kinder und Erwachsene ein idealer Durstlöscher. Doch nur allzu oft kommt der Saft in Form von Konzentrat aus Osteuropa oder China. So kann es auch passieren, dass Spritzmittel, die in Deutschland verboten sind, als Rückstand in der Safttüte landen.

Der sonntägliche Spaziergänger ahnt von all dem wenig. Er genießt die traumhafte Obstbaumblüte im Frühling, die bunten Wiesenblumen im Sommer und den Anblick der mit Obst voll hängenden Bäumen im Herbst. Er bekommt alles umsonst und in Farbe. Darin liegt nach Ansicht von Albrecht Schützinger ein wesentliches Problem: Die Wertigkeit stimmt nicht mehr. Dabei erzählt er die Geschichte einer älteren Dame, die in den fünfziger Jahren ihren Beruf aufgab, um sich um ihren Vater zu kümmern. Dieser war überzeugt, seine Tochter brauche sich um die Rente keine Sorgen zu machen, da sie ja genug "Stückla", also Obstwiesen erbe. Damals hätte der Ertrag davon ein sattes Zubrot bedeutet. Heute lebt die Dame von einer mageren Rente und muss eher noch jemanden bezahlen, der sich um die Wiesen kümmert.

"Der Ertrag rückt häufig in den Hintergrund und ist eher lästig als erwünscht", sagt Schützinger. Dazu kommt, dass der Ertrag der Streuobstwiesen früher auch ein wesentlicher Bestandteil der Ernährung war, mit Apfelmost als Hauptgetränk. Most wird wenn überhaupt noch zu Hause getrunken. Tatsächlich lagert bei den Schwaben das Mostfässle fast schon verschämt im heimischen Keller und dient eigentlich nur dem eigenen Bedarf.

Hat die Streuobstwiese nun eine Chance? Wenn sich nichts ändert, wohl kaum. Zumindest verschwinden die landschaftsprägenden, großen Baumwiesen langsam, aber sicher. Hoffnung besteht dennoch: In Albrecht Schützingers Baumpflegekursen sind immer auch junge Leute unter den Teilnehmern. Das Mostfest im Beurener Freilichtmuseum verbucht stets reges Interesse bei jungen Familien, und auch Dieter Schneider glaubt fest daran, dass die Streuobstwiesen überleben. Er ist überzeugt: "Es gibt immer Idealisten und Leute, die sich gerne an der frischen Luft bewegen." Und solche, die einen Gewürzluikenapfel jedem makellosen Supermarktexemplar vorziehen.Fotos: Jean-Luc Jacques