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Wenn zur Arbeit auch noch das Risiko kommt . . .

Seit zwölf Jahren gibt es ein Frauenhaus in Kirchheim. Hunderten von Frauen wurde der Weg in ein neues Leben geebnet. Grund, stolz zu sein, für die Initiatorinnen anlässlich des heutigen Internationalen Tages "Nein zu Gewalt an Frauen". Doch der Trägerverein ist in großer Sorge: Ab Januar greift ein neues Finanzierungssystem, das "Frauen helfen Frauen" Angst macht.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Bisher leistete nicht nur das Team der Ehrenamtlichen gemeinsam mit den vier Halbtagskräften engagierte Arbeit. Bisher war auch die Finanzierung so, dass "Frauen helfen Frauen" einigermaßen beruhigt in die Zukunft sehen konnte: "Der Kreis hatte uns einen Fixbetrag zur Verfügung gestellt, der im großen und ganzen die Personalkosten gedeckt hat", erzählt Eva Vogelmann, "das hat uns Sicherheit gegeben." Hinzu kamen Zuschüsse von Nürtingen sowie Kirchheim. Ein wesentliches Standbein waren schon immer Spenden.

Jetzt wird vieles anders. "Der Kreis hat auf Tagessatzregelung umgestellt", bestätigt Kreissozialamtsleiterin Brigitte Walz. Das ist landauf landab Usus, denn: "40 bis 50 Prozent der Frauen kommen aus anderen Landkreisen, und dort können wir uns künftig die Betreuungskosten holen." Auch andersrum wird der Kreis Esslingen zur Kasse gebeten, wenn Frauen in auswärtigen Frauenhäusern Unterschlupf suchen.

Dieser Aspekt leuchtet dem Verein "Frauen helfen Frauen" zwar ein, nur hat die Tagesgeldberechnung in diesem Arbeitsbereich einige Haken. Pro Tag und Person wird ein bestimmter Festbetrag fällig. Wenn das Haus voll belegt ist, nimmt der Verein viel ein. Doch was ist bei teilweisem Leerstand? "Das Ganze ist pervers", argumentiert Vogelmann: "Wir müssen das Haus künftig vollhalten, obwohl doch unser Ziel gerade ist, den Frauen möglichst schnell auf eigene Füße zu helfen."

Finanzielles RisikoZudem ist es ausgesprochen schwierig, auf Vollbelegung hinzuarbeiten. Zwar basiert die Berechnung auf einer 75-prozentigen Auslastung, doch auch da haben die Verantwortlichen Bedenken. Eigentlich ist das Haus nämlich schon mit acht bis neun Personen belegt. Gehören zu einer Frau Kinder, kann natürlich stark aufgestockt werden. "Frauen helfen Frauen" befürchtet, künftig bei der Aufnahme taktieren zu müssen. Denn weniger Belegung bedeutet weniger Einnahmen. "Das finanzielle Risiko wird auf den Träger verlagert", ärgert sich mit Eva Vogelmann der ganze Verein, "zum Amt sollen wir also auch noch das Risiko tragen."

Für die Vorstandsfrauen ist klar, wozu der Druck letztlich führen könnte: "Wir müssen uns überlegen, die Trägerschaft niederzulegen." Einstweilen hoffen die Frauen aber noch auf eine Verbesserung des Finanzierungsmodells. Zuversichtlich ist da Sabine Brommer, Fachreferentin für Mädchen und Frauen beim Paritätischen Wohlfahrtsverband und Koordinatorin des verbandsübergreifenden Arbeitskreises für Frauenhausfinanzierung. Sie glaubt, dass noch eine allseits befriedigende Lösung gefunden wird. Alle drei Frauenhäuser im Kreis haben sich gemeinsam einen Vertreter des deutschen paritätischen Wohlfahrtsverbandes als Verhandlungsführer gewählt. Zur Disposition steht noch die sogenannte Betreuungskostenübernahme für alle Frauen.

"Wir haben hier im Kreis mit den Frauenhäusern immer gut zusammenarbeitet", betont Brigitte Walz und zeigt sich ebenfalls zuversichtlich im Hinblick auf eine tragbare Lösung. Um in Ruhe erste Erfahrungen sammeln zu können, sei den Trägern die Förderung in alter Höhe noch bis Jahresende garantiert worden, obwohl die Umstellung auf Tagessatzfinanzierung schon zur Jahresmitte beschlossen wurde.

Dass die Fallabrechnung aufwendiger ist, räumt Brigitte Walz ein. "Frauen helfen Frauen" sieht darin ein großes Problem: "Wir haben uns immer ein niederschwelliges und unbürokratisches Angebot auf die Fahnen geschrieben", argumentiert Eva Vogelmann. Unbürokratisch schon deshalb, weil der Verein im Ehrenamt gar nicht noch mehr Stunden in Verwaltungsarbeit investieren kann und natürlich auch kein Puffer für weiteres Personal vorhanden ist.

ZweischneidigkeitAuch Sabine Brommer sieht die Zweischneidigkeit der Finanzierungs-umstellung, die mittlerweile überall im Land greift. Zweifellos trügen die Träger fortan ein größeres Risiko und gerieten paradoxerweise in Abhängigkeit von den Belegungszahlen. Das Problem stellen vor allem die "Selbstzahlerinnen" dar, etwa ein Drittel in Kirchheim. Während der Tagessatz für Sozialhilfe- oder Arbeitslosengeldempfängerinnen übernommen wird, müssen Frauen, die ein eigenes, aber erfahrungsgemäß meist nur geringes Einkommen haben, die Summe selbst schultern. "Das schreckt viele davon ab, diesen Schritt überhaupt zu wagen," gibt Brommer zu bedenken und verweist auf Erfahrungen in anderen Kreisen.

Infolge der Umstellung der Finanzierungspraxis des Kreises erhebt die Stadt Kirchheim erstmals die ortsübliche Miete für das Haus. Sie ist in die Tagessatzberechnung eingeflossen. Für Selbstzahlerinnen werde so ein Aufenthalt im Frauenhaus fast unfinanzierbar, argumentiert "Frauen helfen Frauen". "Diese Miete können Betroffene nicht lange zahlen", betont auch Sabine Brommer. Kirchheims Sozialamtsleiter Roland Böhringer sieht die Bredouille und verweist auf einen Vorschlag der Verwaltung: Der bei der bisherigen Finanzierung eingestellte Zuschuss fürs Frauenhaus könnte für die Mietkosten für Kinder verwendet werden. Somit müssten die Frauen immerhin nur für sich aufkommen.

Und wenn sie dies nicht tun? "Sollen wir gerichtlich gegen unsere eigene Klientel vorgehen?" fragt Eva Vogelmann kopfschüttelnd. Diese Aussicht sowie die Mehrarbeit und das erhöhte Risiko stimmen den Verein verdrießlich: "Irgendwo hat auch Idealismus im Ehrenamt Grenzen."