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"Wer den Erfolg sucht, muss die Vereinsbrille abnehmen"


BERND KÖBLE

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WEILHEIM/OWEN Die Brisanz steckt im Papier. Im Kampf um die Vorherrschaft unter der Teck treffen die Handballer aus Owen und Weilheim in der kommenden Landesligasaison nach einjähriger Pause wieder in der selben Staffel aufeinander. Nicht nur der TSV Weilheim will nach der verpatzten Relegation das Unternehmen Aufstieg erneut anpacken, auch die Owener machen sich in ihrer vierten Landesligasaison berechtigte Hoffnungen auf einen der vorderen Plätze. Da lässt man sich unter Lokalrivalen nur ungern in die Karten schauen. Sollte man meinen. Doch wo es um die Hege des eigenen Nachwuchses geht, gelten andere Regeln.


Mit einer gemeinsamen A-Jugend wollen beide Mannschaften in der kommenden Saison jungen Talenten eine sportliche Perspektive bieten. Eine Idee, die aus der Not geboren wurde, denn die Owener, vor zwei Jahren mit einer vielversprechenden B-Jugend-Mannschaft gesegnet, sahen sich plötzlich um die Ernte ihrer Arbeit gebracht. Die Truppe brach auseinander, weil sich nicht genügend Personal für eine schlagkräftige A-Jugend fand. Mit Steffen Klett, Heiko Hoyler und Matthias Carrle landeten gleich drei der aussichtsreichsten Talente in höherklassigeren Mannschaften der weiteren Umgebung.


Einem, der sich die Nachwuchsförderung als Kernaufgabe auf die Fahne geschrieben hat und sich nebenbei als Cheftrainer in Owen engagiert, muss das sauer aufstoßen. "Es war klar, dass etwas passieren muss", sagt Enrico Wackershauser. Der Vollbluthandballer mit Bundesliga-Erfahrung sieht die Sache aus zwei verschiedenen Blickwinkeln: Als sportlicher Leiter des Handball-Teilzeitinternats (HTI) in Ostfildern bringt der 48-Jährige seit mehr als zehn Jahren seine Begeisterung für den Handballsport und sein Fachwissen in die Nachwuchsförderung ein. Gleichzeitig muss ihm als Trainer der Owener Landesliga-Mannschaft an einem schlagkräftigen Kader gelegen sein.


Dass einige der Jugendspieler auch in der ersten Mannschaft bestehen könnten, war Wackershauser schnell klar. Der heute 17-jährige Steffen Klett absolvierte bereits als C-Jugendlicher technische Trainingseinheiten mit der "Ersten." Wackershauser ist dem Trio inzwischen dankbar. Nicht nur deshalb, weil sich die drei Abtrünnigen zu einer Rückkehr unter die Teck überreden ließen, sondern weil sie im Training der ersten Mannschaft inzwischen für frischen Wind sorgen. "Die Stammspieler merken, da kratzen welche an Positionen", freut sich der Trainer über gesunde Konkurrenz und letztlich auch darüber, dass die Jungen zwei der wichtigsten Eigenschaften mitbringen: unglaublichen Ehrgeiz und das nötige Potenzial.


Die Idee, mit den besten Jugendspielern zweier Vereine in einer Spielgemeinschaft an den Start zu gehen, drängte sich förmlich auf. "Die Teckvereine bringt auf die Dauer nur Leistungskonzentration nach vorne", ist Enrico Wackershauser überzeugt, denn mit der Dichte im Neckartal oder auf den Fildern können die Handball-Hochburgen im Weilheimer und Lenninger Tal nicht konkurrieren. Doch wie so oft: Was in der Theorie plausibel erscheint, stößt in der Praxis schnell an Grenzen. Kein Interesse, signalisierten die Nachbarn in Lenningen und Kirchheim und auch unter der Limburg stieß man trotz traditionell guter Kontakte zunächst auf Vorbehalte. Weilheims Handball-Denkmal Siegfried Lehmann, selbst ein unermüdlicher Rackerer in Sachen Nachwuchsarbeit, zeigte sich schließlich offen für Wackershausers Pläne und damit auch bereit, das übergeordnete Ziel vor unmittelbare Vereinsinteressen zu setzen.


Seit April trainiert die A-Jugend nun gemeinsam an wechselnder Stätte. Mit Martin Weiß auf Weilheimer Seite und dem Owener Holger Kiedaisch hat die junge Truppe neben Wackershauser zwei erfahrene Akteure als Betreuer zur Seite. Dass die Mannschaft im Frühjahr in der Qualifikationsrunde scheiterte, schmerzt den Owener Trainer besonders. "Einige Spieler hätten das Zeug zur Oberliga", meint er. Doch die kurze Vorbereitungszeit und das immer noch gewaltige Leistungsgefälle innerhalb der Mannschaft verhinderten den Aufstieg in eine höhere Spielklasse. Daran gilt es in der kommenden Saison nun in der Bezirksliga zu arbeiten. Und nicht nur dort, denn einige Spieler der SG Teck sind bereits mit einem Doppelspielrecht ausgestattet und sollen bereits in der kommenden Runde bei den Aktiven wichtige Erfahrungen sammeln. "Die Mischung macht's", sagt Enrico Wackershauser, der routiniert genug ist, um seine jungen Wilden nicht frühzeitig zu überfordern. Die A-Jugend für die Erfolgserlebnisse, die erste Mannschaft für die lehrreichen Dämpfer, so lautet der Plan.


Und plötzlich ist sie doch wieder ein Thema: Die Rivalität zweier Vereine, die um die Krone in der selben Liga buhlen. Im Training Mannschaftskameraden, am Wochenende erbitterte Gegner auf dem Platz mit diesem Kuriosum könnte in der kommenden Saison der eine oder andere Nachwuchsspieler konfrontiert werden. Doch wer ein Großer werden will, muss auch damit klar kommen. Ohne die nötige Aufklärungsarbeit in den Vereinen ist ein solches Modell zum Scheitern verurteilt, das weiß auch Enrico Wackershauser, wenn er sagt: "Wer den Erfolg sucht, muss die Vereinsbrille abnehmen."

Meist obenauf: Steffen Klett vom TSV Owen gilt als einer der jungen Wilden in Reihen der SG Teck.