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Wer etwas verändern will, muss seinen Hund "lesen" können

OSTFILDERN Wenn sich zwei Menschen begegnen, die verschiedene Sprachen sprechen, sind Verständigungsprobleme vorprogrammiert. Kein Wunder, dass auch zwischen

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BIANCA LÜTZ

Menschen und Hunden die sogar zwei völlig unterschiedlichen biologischen Arten angehören immer wieder Missverständnisse auftreten.

"Oft kommt es zu Fehlinterpretationen", weiß Dr. Ursula Breuer, Tierärztin und Tierverhaltenstherapeutin aus Ostfildern, aus ihrem Praxisalltag. Um Hundebesitzern die Verständigung mit ihren Vierbeinern zu erleichtern, ihnen deren "Sprache" und Verhalten näherzubringen, hat die Therapeutin zusammen mit Monika Schaal, Hundetrainerin aus Weinstadt, ein Buch geschrieben: "Hundeverhalten erkennen und verstehen" lautet der Titel.

"In dem Buch geht es nicht um Erziehung", betont Dr. Ursula Breuer. Das 150 Seiten starke Werk gibt Besitzern also keine Ratschläge, wie sie am besten auf das Verhalten ihres Vierbeiners einwirken und es in eine gewünschte Richtung lenken können. "Erziehungsbücher sind schon genügend auf dem Markt", sind sich die beiden Autorinnen einig.

Statt dessen setzen Ursula Breuer und Monika Schaal einen Schritt früher an und bieten ihren Lesern wissenschaftlich fundiertes, aber doch gut verständliches und unterhaltsames Basiswissen rund um das Ausdrucksverhalten des Hundes. 78 sorgfältig ausgewählte Farbfotos die meisten davon eigens für das Buch aufgenommen veranschaulichen darüber hinaus treffend die beschriebenen Gesten, Situationen und Beispiele.

Dass Kenntnisse über die "Sprache" des Hundes von großem Wert für ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Tier sind, steht für die Autorinnen außer Frage: "Wenn ich etwas verändern will, muss ich meinen Hund kennen und ihn ,lesen' können. Sonst kann ich auch nicht gezielt eingreifen", sagt Monika Schaal. "Es hilft, zu wissen, was normal ist und was nicht", weiß die Trainerin, die viel mit Problemhunden arbeitet, aus ihrer 25-jährigen Berufserfahrung.

"Nur wenige Hunde weisen echte Verhaltensstörungen auf, die organische oder psychische Ursachen haben", ist Ursula Breuers Erfahrung. Wenn es Sorgen und Ärger mit den Vierbeinern gibt, hat das oft ganz einfache Gründe: "Die meisten ,Problemhunde' zeigen Normalverhalten, das von ihren Besitzern oder der Gesellschaft als unpassend empfunden wird", sagt die 44-Jährige.

Den Inhalt ihres Buchs haben die beiden Expertinnen vor allem der Nachfrage angepasst: "Wir reagieren damit auf Fragen aus Kursen, Seminaren und der Arbeit mit Patienten", berichtet Ursula Breuer. Als eine von zwei niedergelassenen Tierärztinnen in Baden-Württemberg mit der Zusatzqualifikation "Tierverhaltenstherapeutin" betreibt die 44-Jährige seit 15 Jahren eine spezialisierte Praxis und hält regelmäßig Vorträge und Seminare rund ums Thema Hundeverhalten.

Ein Teil des jetzt erschienenen Buches widmet sich der Beschreibung von Gestik und Mimik des Hundes in verschiedenen Gemütszuständen und Situationen: So erfahren die Leser beispielsweise, an welchen Merkmalen sich Angst, Demut und Deeskalation erkennen lassen, in welchen Punkten sich Angriffs- und Abwehrdrohen unterscheiden und wie Beobachter Spiel und Ernst auseinanderhalten können. Auch Laute, Gerüche und Berührungen kommen zur Sprache.

Ob es die "Grundlagen des Sozialverhaltens" sind oder das "Verhalten in verschiedenen Altersstufen", "Hundebegegnungen" oder der "Sozialpartner Mensch" Dr. Ursula Breuer und Monika Schaal ermutigen ihre Leser stets dazu, genauer hinzuschauen und nicht zu verallgemeinern, von allzu "menschlichen" Perspektiven Abschied zu nehmen und das Verhalten ihrer Vierbeiner auf jeden Fall erst einmal neutral zu betrachten. "Man sollte nicht werten, bis man nicht weiß, was eigentlich passiert ist", betont Dr. Ursula Breuer mit Nachdruck. Aus ihrer Sicht ist der größte Fehler der Menschen, dass sie zwar ahnungslos sind, aber trotzdem ständig Dinge in das Verhalten ihrer Vierbeiner hineininterpretieren.

"Es gibt immer noch viele überkommene Vorurteile und etabliertes Halbwissen", weiß Ursula Breuer. Mit ihrem Buch wollen die Tierverhaltenstherapeutin und die Hundetrainerin zumindest einen Teil davon aus der Welt schaffen. So räumen sie beispielsweise mit dem falschen Glauben auf, im Rudel herrsche eine lineare, klar erkennbare Rangordnung. Sie beziehen Stellung in der "Weltanschauungsfrage", wie viel Sozialkontakt mit Artgenossen ein Hund eigentlich braucht und klären darüber auf, dass Ungehorsam in vielen Fällen lediglich auf Missverständnissen beruht.

Äußerst spannend sind einige Übungsbeispiele, anhand derer die Autorinnen zunächst problematische Situationen bei Hundebegegnungen darstellen, um sich dann wie in einem Kriminalfall zu fragen: Was geschah wirklich? Ziel dieser Szenen ist es, beim Leser einen "Aha"-Effekt zu erreichen und ihm zu verdeutlichen, dass auch bei Streitigkeiten zwischen Hunden längst nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. So gehen Ursula Breuer und Monika Schaal beispielsweise einer Auseinandersetzung zwischen den beiden Hundefreunden "Mogli" und "Ben" auf den Grund, die aus Sicht eines weniger versierten Beobachters völlig unverständlich und "wie aus heiterem Himmel" kam.

"Es gibt heute so viele Angebote im Bereich Hund", ist sich Monika Schaal im Klaren. Nicht jeder Hundekurs und nicht jedes Buch vermittle aber auch seriöses, fundiertes Wissen. "Manches ist sinnvoll, manches nicht", sagt die 53-Jährige. Zahlreiche Hundevereine leisten aus ihrer Sicht wirklich gute Arbeit, immer wieder jedoch gebe es auch schwarze Schafe unter den Hundeschulen. Den Tierbesitzern bleibe nur übrig, sich "durchzuwursteln" und eine möglichst gute Lösung für sich und ihre Vierbeiner zu finden.

Dass es Hilfe suchende Hundebesitzer so schwer haben, liegt den beiden Fachfrauen zufolge auch daran, dass es noch immer keine staatlich anerkannte Ausbildung für Hundetrainer gibt. "Bei Büchern ist das ähnlich", bedauert Ursula Breuer. Der Verbraucher habe keine Garantie, dass die Literatur auf dem Markt auch wissenschaftlich fundiert ist.

Monika Schaal tritt in "Hundeverhalten erkennen und verstehen" übrigens nicht zum ersten Mal als Autorin auf: Sie hat bereits mehrere Werke zum Thema Hundeerziehung und -ausbildung sowie ein Rasseportrait veröffentlicht.

INFODas Buch "Hundeverhalten erkennen und verstehen" ist im Müller Rüschlikon Verlag erschienen und unter der ISBN-Nummer 3-275-01574-5 im Buchhandel zum Preis von 19,95 Euro erhältlich.