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Wer kennt den "Hexensprung über das Lenninger Tal"?

FELLBACH Da sitzt sie nun völlig ungekünstelt am Küchentisch und erzählt. Tausend Gedanken scheinen ihr gleichzeitig im Kopf umherzuschwirren, weshalb nicht jeder Satz

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IRIS HÄFNER

vollendet wird, dafür aber der nächste schon beginnt. Sprühend und voller Energie und Ideen erzählt sie von neuen Projekten, alten Geschichten und sich selbst, ihrer Familie und nicht zuletzt Mohrle, der altehrwürdigen schwarzen Katze mit dem einen Auge, die irgendwie der Mittelpunkt des Haushalts in Fellbach zu sein scheint. Eines wird aber schon beim ersten Telefonat deutlich: Sigrid Früh, wohl die bekannteste und renommierteste Märchen- und Sagenexpertin Deutschlands, ist mit sich und ihrem Leben in Einklang. Ihr jüngstes Werk ist unter dem Titel "Verzaubertes Neckarland Märchen, Sagen und Geschichten aus dem Herzen Württembergs, rund um Stuttgart" im Silberburg-Verlag erschienen und darin sind viele Sagen auch rund um Kirchheim zu finden.

Spannend sind die Geschichten allesamt und auch für Kenner dürfte das eine oder andere Unbekannte mit dabei sein. Wer kennt schon "Die Weiber von Göppingen", die mutig eine Belagerung ihrer Stadt verhindert haben, oder den "Backnanger Gänsekrieg"? Diese und weitere Geschichten finden sich unter dem Kapitel "Von klugen und tapferen Frauen", in dem selbstverständlich "Sibylle auf der Teck" nicht fehlen darf.

"Der Hexensprung über das Lenninger Tal" ist in dem Buch auch zu finden. Ein Bote sollte, so befahl der Graf zu Wirtemberg, der auf seiner Burg Hohenurach saß, binnen acht Tagen gen Prag und wieder zurück reiten. Kein Reiter konnte dies schaffen, da meldete sich ein altes Weiblein. Sie stellte eine Zaubersalbe her, die sie auf ein Kalb strich und setzte ihren Mann darauf, dem sie einschärfte, ja kein Wort zu sagen. Als das Kalb auf dem Rückweg einen gewaltigen Sprung über das Lenninger Tal machte, konnte sich der Mann einen Kommentar nicht verkneifen und das Unvermeidliche geschah. "Die unheimliche Witwe" wohnte dagegen in Weilheim unter Teck und führte für die Nachbarn ein äußerst suspektes Leben. Die Totengräber bereuten es sehr, den Sargdeckel "gelupft" zu haben, denn fortan hat es ihnen die Sprache verschlagen.

Die Geschichten rund um Kirchheim gehen aber weiter: "Der Postmichel von Esslingen" oder "Der Sonnenwirtle von Ebersbach", der durch Friedrich Schiller einem großen Publikumskreis bekannt geworden ist. "Der Rotgockeler" von Ötlingen dagegen dürfte nur wenigen bekannt sein, findet sich aber ebenso in der Sammlung wie die kurze Geschichte vom "Wilden Jäger im Schurwald" oder "Das steinerne Weib aus Wiesensteig". Auch von gar wundersamen Wesen ist in der Sammlung die Rede, wie beispielsweise von den "Erdluitle bei Murrhardt in der Mühle", "Das graue Männlein mit den feurigen Augen" oder "Der Bobbele von Poppenweiler". Auch Württemberg hat seinen Schimmelreiter und zwar den aus Leonberg. Dabei handelt es sich anstatt eines Deichgrafen um einen untoten Metzger, der in Hungerszeiten um Sündengeld Pferdefleisch an die Armen verkauft habe.

Von Schätzen ist selbstverständlich auch die Rede wie etwa vom "Versunkenen Schatzschloss" zwischen Wolfschlugen und Unterensingen oder "Schertlins Schatz in Mauren". Aber auch ungewöhnliche Geschichten neueren Datums sind darin zu finden, etwa "Die Eisenbahn und der Teufel", bei dem es um das Stahlross zwischen Plochingen und Süßen geht.

Beinahe faszinierender und spannender als ihre zusammengetragenen Geschichten ist die Autorin selbst. Kaum zu glauben, aber diese vor Energie sprühende Frau mit ihren roten Haaren und einer wunderbaren und laut vernehmlichen Stimme möglicherweise ein Erbe ihres Vorfahren General Karl Kerner wird in diesem Jahr 70 Jahre alt. Dieses lebhafte, natürliche und würdevolle Gesicht samt der vor Selbstsicherheit strotzenden Ausstrahlung spottet dem derzeitigen Jugendlichkeitswahn und zeigt, wie ein Leben ohne Lifting und ohne jedem Trend bedingungslos hinterherzurennen, verlaufen kann: bis Ende 2006 ist der Terminkalender von Sigrid Früh bereits jetzt ausgebucht. Auch das Fernsehen ist dem Charme der quirligen und spontanen Dame erlegen. Nach einem Auftritt bei "Sag' die Wahrheit" im Südwestfernsehen kommen innerhalb eines Nachmittags gleich zwei weitere Einladungen: zu Jörg Pilawa und Fliege. Zumindest die Einladung in die Sendung von Pilawa nahm sie recht gelassen hin. Sohn Oliver, der zum Essen kommt, muss Klarheit schaffen, dass es sich dabei um eine Ratesendung handelt. "Ich hab' doch keine Zeit zum Fernsehschauen", sagt sie fast entschuldigend. Als die Einladung zur "Fliege-Sendung" via Telefon kommt, ist sie dann "doch ein bisschen aufgeregt deswegen". Als Ehemann Helmut verspricht, sie zur Auf- zeichnung nach München zu fahren, ist sie dann wieder etwas beruhigt.

"I mag's a bissle verrückt", sagt sie in bestem Schwäbisch. Nicht nur für die Mundart schließlich ist sie seit 1997 Erste Vorsitzende in dem Verein "schwäbische mund.art" hat sie eine Schwäche, sondern auch für ausgefallene Hüte. Da kann es schon mal sein, dass sie sich mit ihrer Enkelin, ebenfalls außergewöhnlich behütet, über die ungläubigen Blicke mancher Passanten auf der Stuttgarter Königstraße amüsiert. Dabei hat alles einen praktischen Hintergrund: "Ich bin sonnenempfindlich und wenn ich dann schon Hüte tragen muss, dann verrückte", meint sie mit einem Schmunzeln.

Die Liebe zum Märchen und zu den Sagen hat schon früh begonnen. Schon als Kind liebte sie es, wenn die Mutter oder Großmutter wortgewaltig alte Geschichten erzählten. Als junge Frau begann sie Germanistik und Volkskunde in Tübingen und Zürich zu studieren. Bei Max Lüthi, dem "Märchenpapst", ergab sich dann fast automatisch der Schwerpunkt für dieses Metier. "Ich habe den Eindruck, dass die Sagenerzähler wahrhaftiger waren als die Chronisten", ist ihre Überzeugung. Die Erzähler würden nicht selten ganz anders von Herrschern berichten, als dies die Chronisten glaubhaft machen wollten, da diese oftmals abhängig von den Regierenden waren. "Vieles in den Sagen und Märchen muss man in historischem Kontext sehen. Das meiste ist vergessen, was heute noch in den Märchen erzählt wird", erzählt Sigrid Früh. Ein Grundmuster finde sich jedoch in den meisten Märchen: Die Helden sind von Liebe motiviert.

"Märchen haben viele Interpretationsmöglichkeiten. Für jeden Teilnehmer und jede Teilnehmerin ist etwas dabei. Dank der mythologischen Wurzeln findet jeder seinen Platz", weiß Sigrid Früh aus langjähriger Erfahrung. "Märchen schildern keine heile Welt, sie bieten aber Lösungsmöglichkeiten an", so die Autorin. Gar nichts hält sie dagegen davon, zu viel Psychologie in diesen Komplex hineinzuinterpretieren. "Ich erzähle Märchen und mache keine Analyse", stellt sie eindeutig klar.

"Kirchheim und seine Umgebung ist ungeheuer reich an alten Geschichten", weiß die Märchenexpertin, die eine entsprechende Bibliothek ihr eigen nennt. "In Marbach im Deutschen Literaturarchiv freuen sich die Mitarbeiter schon, wenn ich komme", sagt Sigrid Früh. Zahlreiche Geschichten erfährt sie jedoch von Schülern. "Ich gehe seit Jahren in Schulen und gestalte eine Märchenstunde. Dann sag' ich den Kindern, sie sollen ihre Eltern und Großeltern nach besonderen Geschichten fragen. Nicht selten bekomme ich tolle Sagen und Märchen zugeschickt", freut sich die Volkskundlerin. Dank dieser Tätigkeit ist die überzeugte Württembergerin auch in Bayern, Berlin und Schleswig-Holstein bestens bekannt. Zudem gibt sie Seminare, hält Märchenwanderungen ab und organisiert Tagungen über Märchen, wie beispielsweise die 11. Fellbacher Märchentage, die noch bis zum 5. März dauern. "Menschen brauchen Märchen", lautet der Titel.

Natürlich hat sie ihre Lieblingsmärchen, die sind jedoch abhängig von Situation und Stimmung oder dem Publikum, eines haben sie jedoch alle gemeinsam: es sind kaum bekannte Erzählungen. "Ich muss die Figuren liebhaben, muss mich mit ihnen freuen können, Angst haben und Zorn bekommen ich muss es durchleben können", beschreibt die Märchenerzählerin ihre Arbeit. Ein einziges Lieblingsmärchen hat sie jedoch nicht. "Das ist, wie wenn sie eine Mutter fragen, welches Kind sie denn am liebsten hätte", vergleicht sie und verdeutlicht damit, wie sehr ihr ihre Forschungsmaterie ans Herz gewachsen ist. Nach kurzem Überlegen sagt sie dann aber: "Die russischen Märchen liebe ich sehr vor allem die Frauen, die darin vorkommen. Sie sind sehr selbstsicher." Aber auch Lothringen liegt ihr seit ihrer Studentenzeit am Herzen. "Dort handelt es sich um eine Sprachinsel und das Volk hat mit diesen Geschichten seine Identität bewahrt", begründet sie ihre Vorliebe.

Ihre Motivation für das Reisen hat jedoch einen weiteren Grund. "Die Kinder sollen wissen, dass es mehr Märchen als Hänsel und Gretel gibt. Schwaben hat so schöne Märchen und schwäbische Märchen sind immer ungewöhnlich", erzählt sie mit leuchtenden Augen. Der "Drache von Drackenstein" ist so ein Beispiel. Dank ihres reichen Wissens über Märchen und Sagen kann sie viele Geschichten einer Region zuordnen. "Ich spüre, von welcher Gegend ein Märchen kommt, denn die Landschaft prägt den Menschen. Wo es Wein gibt, sind die Leute fröhlicher als beispielsweise auf der protestantisch geprägten Schwäbischen Alb", so ihre Erfahrung.

Mittlerweile hat Sigrid Früh den Überblick verloren, wie viele Werke sie schon veröffentlicht hat. "Da müssen wir warten, bis mein Mann kommt", sagt sie lachend und dieses herrliche Lachen ist einfach ansteckend. Helmut Früh kann bei seiner Ankunft auch prompt die Antwort geben: 43 Buchtitel sind im Laufe der Zeit erschienen und drei weitere sind schon wieder in Arbeit. Anlässlich ihres 70. Geburtstags erscheint ein Sonderband. "Dieses Mal sogar mit CD", freut sie sich. Alle Fans der Märchenerzählerin dürfen sich freuen, denn sie liest ihre Märchen selbst. Ob auch eines aus dem "Verzauberten Neckarland" mit dabei ist, davon muss man sich überraschen lassen.

Da bekanntlich ein guter Schluss alles ziert, endet dieses Buch auch mit der Geschichte der "Zweierlei Uhren". Diese beginnt, als ein junger Weber in den 1840er- oder 50er-Jahren von Kirchheim unter Teck nach Düsseldorf auf die Webschule geht und handelt von den Mentalitätsunterschieden zwischen Nord und Süd und davon, welch treffende und philosophische Antwort der Schwabe dem Berliner gibt.

INFODas Buch "Verzaubertes Neckarland" ist im Silberburg-Verlag erschienen. Es hat 256 Seiten, 48 historische Zeichnungen und Stiche, einen festen Einband und kostet 15,90 Euro, ISBN 3-87407-634-2