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"Wer sehen wollte, konnte sehen"

Die Parallelen seien erschreckend ähnlich wie die NS-Diktatur von vielen Menschen nach 1945 verharmlost wurde, geschehe dies nun erneut mit der DDR-Diktatur. So Thomas Lukow, Zeitzeuge und heute Referent für politische Bildungsarbeit: Auf Einladung von Bündnis 90/Die Grünen berichtete er in der Bastion über die DDR, die Stasi und die heutige PDS. So spannend, dass ihm die Zuhörer über zwei Stunden lang an den Lippen hingen.

PETER DIETRICH

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KIRCHHEIM 2 000 Schüler in Ost und West wurden aktuell befragt. 60 Prozent im Osten hielten die Behauptung "jeder konnte durch Leistung Abi machen" für wahr entgegen aller traurigen Erfahrungen kirchlich engagierter oder anders nicht systemkonformer DDR-Jugendlicher. Nur jeder zweite Ostschüler hielt die DDR für eine Diktatur, vier von zehn Schülern das ehemalige Ministerium für Staatssicherheit (MfS) für einen Geheimdienst wie jeder andere. Nur gut jeder dritte Ostschüler glaubte, dass die DDR wirtschaftlich zusammenbrach.

Zahlen, die in Lukow das blanke Entsetzen wecken. So sei die Stasi mit 91 000 Mitarbeitern und zusätzlich 170 000 IM (Inoffiziellen Mitarbeitern) der "größte Geheimdienst aller Zeiten weltweit" gewesen. Zum Vergleich: Die heutigen bundesdeutschen Nachrichtendienste brächten es zusammen auf zehn- bis elftausend Mitarbeiter. Das Geld für die Stasi habe im sozialen Bereich gefehlt, dessen Leistungen in der DDR heute verklärt würden: "Ich kenne Kliniken, bei denen es in die Intensivstation reinregnete, weil neue Dachpappe fehlte."

Wenn Lukow von politischer Verfolgung spricht, dann aus eigener Erfahrung. Im Jahr 1981 wurde er wegen "versuchter Republikflucht" zu 20 Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Und er wurde nicht freigekauft, sondern in die DDR entlassen. "70 Prozent aller ehemals politischen Verfolgten sind heute in psychotherapeutischer Behandlung", klagt Lukow. Gleichzeitig seien die, welche die Zerstörung dieser Persönlichkeiten verantwortlich sind, heute als Rechtsanwälte tätig oder bekämen die doppelte oder dreifache Rente der ehemals Verfolgten.

Wie die "Förderung der Aussagebereitschaft" aussah, stellte Thomas Lukow anhand von Originalunterlagen des MfS dar. Das sollte der Beschuldigte "in seiner extrem kargen Zelle stumpfsinnig dahinvegetieren", nur als Nummer angesprochen, von der Außenwelt völlig isoliert, in ganz unterschiedlichen Zeitabständen verhört werden. Die Anklagen waren oft absurd: Ein Freund habe einmal den RIAS gebeten, ein Lied von den Rolling Stones vollständig zu spielen, damit er es mitschneiden könne, denn in der DDR gebe es keine Stones-Platten. Weil er mit dieser Information die DDR verunglimpft habe, bekam er zwei Jahre.

"Es gibt keine konkrete Abkehr von der Vergangenheit", bedauert Lukow im Blick auf die heutige Linke PDS. Um glaubhaft zu sein, müsse die Partei die vor und während dem Mauerfall verschobenen Gelder, rund zehn Milliarden Mark, nehmen und die Opfer entschädigen. Die traurige Realität: "Der heutige SPD-Ministerpräsident von Brandenburg, Matthias Platzeck, wurde einst von Heinz Vietze auf die Internierungsliste gesetzt. Heute treffen sich die beiden im Landtag wieder." Niemand solle glauben, dass diese Partei klein bei gebe: "Die haben 90 Jahre Kadererfahrung, beginnend mit der Oktoberrevolution."

Lukow glaubt nicht an die angebliche Unwissenheit oder Machtlosigkeit mancher DDR-Bürger: "Jemand der sehen wollte, konnte sehen." Heute gebe es im Osten nicht mehr Neonazis als im Westen, nur sei die Bereitschaft zum Dulden und Wegsehen größer. Dabei müsse um die Demokratie Tag für Tag gekämpft werden. Lukows eindringlicher Schlusstipp an die Zuhörer war der Stasi-Kinofilm "Das Leben der Anderen". Am 16. November erscheint er auf DVD.